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Marcel Schmelzer: Eine Liebeserklärung

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Julius Eid
Julius Eid
Redakteur

Im modernen Fußball ist viel Romantik verloren gegangen. Dies hat viele Gründe, Marcel Schmelzer ist keiner davon. Julius Eid über einen Spieler, der seiner Meinung nach zu wenig Wertschätzung erhält.

Marcel Schmelzer ist mittlerweile 31 Jahre alt und zählt beileibe nicht mehr zu den jungen Wilden. Die lange Mähne hat der Außenverteidiger gegen eine schnittige Kurzhaarfrisur getauscht, ein trendiger Bart ist „Schmelle“ mittlerweile auch gewachsen. Zynisch kann man festhalten, dass ästhetisch der Stern Schmelzers immer höher steigt, während fußballerisch mittlerweile wohl der Tiefpunkt erreicht ist. Denn der ehemalige Kapitän der Dortmunder spielt sportlich keine Rolle unter Lucien Favre. Drei (!) Pflichtspielminuten in zwei Kurzeinsätzen stehen in der Statistik des Defensivmannes. Dass Schmelzer damit nicht unbedingt als sportlich wichtiger Teil der Mannschaft gehen werden kann, ist nicht von der Hand zu weisen und das nächste negative Kapitel in der Geschichte eines Fußballers, dem hochverdiente Wertschätzung schon immer vorenthalten wurde.

Photo by Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Prototyp für Klopp

2007 wurde der Außenverteidiger aus Magdeburg verpflichtet. Nach einem Jahr in der zweiten Mannschaft kam es dann in der Saison 2008/2009 zum Bundesligadebüt. Der junge, unermüdliche Ostdeutsche sollte das Erbe der Vereinslegende Dedê antreten. Größere Fußstapfen im emotionalen Ruhrpott kann es kaum geben. Und doch wurde Schmelzer den Erwartungen gerecht, zählte in den erfolgreichsten Saisons unter Klopp zum unumstrittenen Stammpersonal, verpasste in den Meisterjahren 2011 und 2012 insgesamt sechs Partien, alle davon in 2011/2012. Bei der ersten Meisterschaft unter Klopp stand er also sogar in jedem Duell auf dem Feld. Schmelzer unter Klopp definierte die Außenverteidigerrolle in Deutschland neu, so wie Klopp den ganzen Fußball neu definierte. „Schmelle“ war überall auf seiner Außenbahn zu finden, schaltete sich im Offensivspiel der teils berauschenden Borussia mit ein und war dennoch meist auf dem Posten wenn es zum Gegenstoß der anderen Teams kam. Hohe Laufbereitschaft, Einsatzwille, starkes Zweikampfverhalten und ein überragendes Umschaltspiel waren die Grundpfeiler seines Spiels. Und damit ist der gebürtige Magdeburger so etwas wie der Prototyp für das gewesen, was nun Alexander-Arnold und Robertson bei Liverpool perfektioniert haben.

Nicht perfekt

Unbestritten bleibt allerdings auch, dass Schmelzer Schwächen hat und diese immer gut sichtbar waren. Sein Einschalten in der Offensive blieb oft ohne zählbare Ergebnisse. 22 Assists und zwei erzielte Tore in 12 Bundesligaspielzeiten unterstreichen diese Wahrnehmung. Die Hereingaben des Außenverteidigers waren oft ungenau, der Abschluss ganz gewiss nicht die Stärke des Spielers. Ich und ein guter Freund von mir, diese persönliche Bemerkung sei erlaubt, haben uns geschworen bei jedem Bundesligatreffer Schmelzers auf die Hamburger Reeperbahn zu fahren und eine Nacht lang durch zu feiern. Das Risiko war ja nicht so hoch. Doch sein Einsatz riss Lücken, die der technisch deutlich filigranere Angriff der Dortmunder immer wieder zu nutzen wusste. Trotz seiner Schwächen steht außer Frage, welchen Anteil Schmelzer an der vielleicht glorifiziertesten Zeit des BVB hat. Die Mannschaft um Klopp gewann zwei Meisterschaften und einen DFB-Pokal, schaffte es ins Finale der Champions League und verlor dort nur denkbar knapp. Aus dieser Spielzeit stammt auch eine der ikonischsten Szenen aus der Karriere Schmelzers. In der letzten Minute der Nachspielzeit im Rückspiel gegen Malaga klärt Schmelzer beherrscht einen Ball an der Seitenlinie. Eine Szene, die sich genauso in mein Gedächtnis gebrannt hat wie das Siegtor selbst, in diesem wahnsinnigen Spiel. Ikonische Szenen, große Erfolge, Vereinstreue. Alles vorhanden und dennoch wird Schmelzer kaum auch nur ein Teil der Wertschätzung entgegengebracht, die man seinen damaligen Teamkameraden Subotic, Sahin und Blaszczykowski gewährt.

Photo by Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

Fehlende Wertschätzung auch beim DFB

Die vielleicht größte Enttäuschung in seiner fußballerischen Laufbahn dürfte für Schmelzer die Nationalelf sein. Wie schon zuvor ausgeführt, war der Abwehrspieler immerhin elementarer Teil des erfolgreichsten deutschen Teams der Jahre 2011 und 2012. Und dies auf einer Position, die nicht gerade üppig besetzt ist, wenn es um die Nationalelf geht. Nur folgerichtig also, dass die Nominierung in die DFB-Elf folgte. Doch Löw fand wenig Gefallen am Spielertypen des Dortmunders und verteilte im Oktober 2012 eine verbale Ohrfeige: “Er hat gegen Österreich kein gutes Spiel gemacht. Viele Alternativen gibt es jetzt aber auch nicht, also müssen wir mit Marcel Schmelzer die nächsten zwei, drei, vier, fünf Monate weiterarbeiten”. Löw ist noch heute Trainer der Nationalelf und Schmelzer war nicht mehr oft zu Gast. Vielleicht bewertet auch Jogi Löw seine Aussage von damals heute mit ein bisschen Reue, denn das öffentliche Bild des unzureichenden Fußballers Schmelzer prägte der Nationaltrainer durch diese Aussage immens mit. Ein Ruf, den Schmelzer trotz seiner Wichtigkeit in einem der größten deutschen Vereine nie wieder los wurde.

Der Kapitän

Nach Klopp folgte Tuchel auf der Trainerbank der Borussen und Schmelzer knüpfte an seine starken Leistungen an. Auch unter Tuchel war er auf der Außenverteidigerposition gesetzt und lieferte 2015/2016 sogar die Saison mit den meisten Assists seiner Karriere, fünf. Dies wird gerne vergessen. Auch nach Klopp brachte er weiter seine Leistungen. Schmelzer war nie der Spieler, der durch Lautstärke auffiel. Auf und neben dem Platz. Doch sein unbedingter Wille und die spürbare Zuneigung zum eigenen Verein waren immer vorbildlich und machten ihn, entgegen anderweitiger Behauptungen, zu einem Führungsspieler in Dortmund. In dieser Zeit waren die Rufe nach einer Rückkehr Schmelzers in das DFB-Team übrigens so laut wie lange nicht mehr. Und so machte Tuchel Schmelzer zum Kapitän, nachdem Mats Hummels die Dortmunder verließ und zum Konkurrenten in den Süden zog. Der letzte große Titel Dortmunds, der DFB-Pokal 2017, wurde vom Außenverteidiger als Spielführer in den Berliner Himmel gestemmt. Doch die Trennung von Tuchel folgte und Peter Bosz übernahm, Schmelzer blieb Kapitän. Dann folgte eine absurde Saison für den BVB, eine Trainerentlassung und eine zugegebenermaßen schwache Saison Schmelzers. Damit war er allerdings beileibe nicht der einzige Spieler in diesem Jahr. Als die Ergebnisse unter Bosz nicht stimmten, trat Schmelzer Woche für Woche vor die Mikrofone und wurde seiner Verantwortung gerecht. Mit Stöger übernahm dann erstmals ein Trainer der nicht mehr auf den Kapitän baute. Sportlich begann der Weg in die Bedeutungslosigkeit. Auch in dieser Saison nahm die Meinung über Schmelzer weiter schaden, als Aushängeschild der schwachen Phase galt der eher ruhige Verteidiger. Realistisch bewertet, sind die Probleme, die der BVB teils bis heute hat, ganz bestimmt nicht an einer Personalie festzumachen.

Unvermeintlicher Abschied

Als dann Lucien Favre den Trainerposten übernahm, trat Schmelzer freiwillig von seinem Kapitänsamt zurück und machte den Weg frei für Marco Reus, der in der letzten Saison als Spielführer seine vielleicht stärkste Spielzeit hinlegte. Wenn auch nicht mehr auf dem Platz, Schmelzer blieb mannschaftsdienlich, erfrischend demütig und reflektiert. Sportlich gesehen konnte „Schmelle“ unter Favre nie wieder Fuß fassen. Doch jeder Zuschauer, der in der letzten Saison den Last-Minute-Sieg gegen Hertha in Berlin beobachtete, als Schmelzer emotional von außen anfeuerte, dirigierte, Tipps gab, der wird gesehen haben, dass Schmelzer ein Sieg seines Teams deutlich wichtiger ist als sein Ego. Doch sein Weg in Dortmund scheint am Ende angelangt zu sein. Schmelzer gab zuletzt ein Interview in dem er beklagte, dass er im vergangenen Sommer den Verein nicht verlassen durfte, ein Wechsel dürfte nicht mehr abzuwenden sein, sei es noch im Winter oder Sommer. Schmelzer will Spielzeit und hat mit 31 auch noch einige mögliche Jahre vor sich.

Photo by LEON KUEGELER / AFP

Eine Liebeserklärung

Marcel Schmelzer ist nicht nur ein wunderschöner Mann, er ist einer der Spieler, nach denen man sich als Fan sehnt. Unermüdlich im Einsatz, mit wirklicher Leidenschaft für den Verein, dem er schon seit Jahren die Treue hält. Beteiligt an großen Erfolgen, Teil von ein paar der spannendsten und emotionalsten Geschichten in der über hundertjährigen Geschichte des BVB. Hoffentlich findet „Schmelle“ eine neue sportliche Heimat und irgendwann die Anerkennung der BVB-Fans, die ihm gebührt. Bis dahin kuschel ich mich jetzt in mein Schmelzer-Trikot und gucke mir noch hundert Mal sein Tor gegen Real Madrid an.

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Julius Eid

Photo by LEON KUEGELER / AFP

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