Euro 2020: (K)ein Turnier für alle

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Kommentar | Die UEFA EURO 2020 sollte ein besonders Turnier werden. Eine Europameisterschaft, die auf dem ganzen Kontinent ausgetragen wird. Ein Fest des Fußballs und seiner inklusiven Macht. Eine Bejahung der europäischen Idee. Ein Turnier für alle, wie die UEFA großmütig ankündigte. Davon bleibt bei näherer Betrachtung nur wenig bis gar nichts. 

Die EM – gleich aus mehreren Gründen absurd

Dass diese Europameisterschaft noch lange für Gesprächsstoff sorgen wird, hängt allerdings noch mit anderen Faktoren zusammen, die der Veranstaltung zu einem fast schon absurden Spektakel machen. Das fängt damit an, dass die EURO 2020 nicht 2020, sondern 2021 ausgetragen wird. Der Grund dafür ist die natürlich die Corona-Pandemie, die, trotz aller Müdigkeit und den ins Stadion zurückkehrenden Fans, noch nicht vorbei ist. Dass die Europameisterschaft dennoch ausgetragen wird und die Spieler trotzdem durch den ganzen Kontinent reisen müssen, ist geradezu absurd.

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Foto: IMAGO

Die Europameisterschaft findet also statt. Ihr Zeitpunkt fällt in eine Zeit der globalen und nationalen Krisen. Trotzdem werden Millionen Menschen auf der Welt gebannt dem Geschehen folgen. Mit dieser Aufmerksamkeit lässt sich das politische Potential einer Veranstaltung wie der EURO 2020 nicht mehr leugnen. Allerhand politische Akteure versuchen sich der Aufmerksamkeit zu bedienen, die es generiert. In diesen Kontext kann man auch die missglückte Protestaktion von Greenpeace zum Eröffnungsspiel Deutschlands gegen Frankreich einordnen.

Das Politikum Fußball

Die UEFA weiß natürlich um die politische Macht des Fußballs und versucht deshalb jedweder Vereinnahmung aktiv entgegenzutreten. Gleichzeitig lobbyiert der Verband trotz der herrschenden Pandemie für volle Stadien und Ausnahmen von Hygiene-Maßnahmen und versucht damit die Aufmerksamkeit für seine Sache zu erhöhen. Ihre eigenen Hände wäscht die UEFA dabei in betonter Unschuld. Sie sieht sich selbst laut ihrer Satzung als „parteipolitisch/politcally“ neutral an.

Dass diese Aussage paradox ist, wird bereits im nächsten Artikel der Satzung deutlich. Hier gibt die UEFA unter anderem die „Förderung des Fussballs in Europa im Geiste des Friedens, der Verständigung und des Fairplay, ohne Diskriminierung aufgrund der politischen Haltung, des Geschlechts, der Religion, der Rasse oder aus anderen Gründen“ als Ziel an.

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Unabhängig davon, dass das ein ehrbares Vorhaben ist, wie lässt sich eine solche Haltung mit einer (vermeintlichen) politischen Neutralität vereinbaren? Das Ziel, dass die UEFA hier ausgibt, wird mitnichten von allen Staaten geteilt, aus denen die Mitgliedsverbände stammen. So fiel die Reaktion der ungarischen Regierung auf den Plan der Stadt München, die Allianz Arena zum Spiel Deutschland gegen Ungarn in den Farben des Regenbogens erleuchten zu lassen, extrem ablehnend aus. Auch in Deutschland sprach sich die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der AfD, Beatrix von Storch, gegen diese Aktion aus. Schließlich verbot die UEFA die Beleuchtung, die als Reaktion auf ein umstrittenes ungarisches Gesetz, was Sexualaufklärung über Homo- und Transsexualität verbietet, geplant war. Das respektvolle Miteinander, was sich so viele Fans wünschen und in vielen Ländern Europas selbstverständlich ist, scheint leider immer noch nicht Konsens.

Die UEFA bezieht Stellung

Die UEFA hat sich mit ihrem Verbot nicht politisch neutral verhalten. Sie hat es auch nicht getan, als sie Ermittlungen wegen der Regenbogen-Kapitänsbinde von Manuel Neuer aufnahm. Selbst wenn diese Untersuchung schnell wieder eingestellt wurde, die Empörung vieler Fans, dass die Binde überhaupt für potential justiziabel gehalten wurde, zeigt, dass die UEFA nicht unabhängig von der öffentlichen Meinung agieren kann.

Der Verband ist dabei in einer durchaus misslichen Lage. Gerade weil manche, in einer Demokratie wie Deutschland für selbstverständliche gehaltene, Prinzipien, nicht universell anerkannt sind, muss die UEFA zwangsläufig eine Seite einnehmen. Damit ist es eine Entscheidung gegen jemanden, im Zweifel eine Entscheidung für jemanden. Die UEFA muss sich deshalb der gerechtfertigten Frage stellen, welche Werte sie vertreten möchte. Als europäischer Fußballdachverband liegen hier natürlich die europäischen Werte nahe, das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, sie vehement zu verteidigen und für sie einzustehen.

Das Sportliche ist politisch

Das Ideal eines Spiels, in denen 90 Minuten lang nur der Sport zählt, muss sich nicht nur am Austragungsort und Zeitpunkt, sondern schließlich auch an den rassistischen und homophoben Äußerungen messen, die immer noch viel zu oft von den Rängen gerufen werden. Wenn sie ihre Ziele wirklich ernst nimmt, muss die UEFA hier ein deutliches Zeichen setzen. Die Drohung, das Finale von London wegen eines höheren Zuschaueraufkommens nach Budapest zu verlegen, ist jedoch ein Signal in die exakt andere Richtung.

Eine solche Maßnahme würde zweifelsohne spektakuläre Fernsehbilder generieren, schließlich sind die Stadien in Ungarn restlos ausverkauft. Die UEFA würde sich aber zum Spielball der ungarischen Regierung und ihres zweifelhaften Demokratieverständnisses machen. Zugleich haben manche Fans in Ungarn durch Buh-Rufe und Banner sehr deutlich ausgedrückt, dass sie von dem Gedanken einer toleranten und offenen Gesellschaft allgemein wenig halten.

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Foto: IMAGO

Indem die UEFA versucht, ihr Produkt möglichst unpolitisch zu halten, wird sie selbst zum politischen Akteur. Sie kann sich deshalb nicht hinter einer selbstdefinierten Neutralität verstecken oder nur dann politische Statements absetzen, wenn es gerade passt oder bequem ist. Die Situation von sexuellen oder ethnischen Minderheiten auf der Welt ist nicht bequem. Sie anzusprechen und anzuprangern, muss und soll in der Wirkung unbequem sein.

Stell dir vor, es ist EM und keiner geht hin

Doch es gibt auch eine gute Nachricht. Fußball ist, selbst wenn er in Diktaturen gespielt oder ausgetragen wird, im Kern zutiefst demokratisch. Er lebt von der Partizipation der Fans. Sicherlich, es gibt Verbände, Funktionär:innen und Politker:innen, die versuchen den Sport für ihre Zwecke zu missbrauchen. Ihre Ressource ist aber die Aufmerksamkeit der Fans und der Wille, sich dieses absurde Spektakel gefallen zu lassen.

Dieser Aspekt verteilt einen Teil der Verantwortung zugunsten der Fans um. Er verschafft ihnen politisches Kapital, das sie ihrerseits einsetzen können, um den Fußball nach ihrem Ideal zu formen. Wichtig dabei ist, dass das aktiv und nicht nur reaktiv geschieht. Wer sich 2021 für Toleranz und Vielfalt im Fußball einsetzt, muss das auch 2022 tun, wenn die Weltmeisterschaft in Katar ausgetragen wird. Von der UEFA und der FIFA können die Fans hier nicht viel erwarten. Sie müssen es selbst in die Hand nehmen, damit Fußball wirklich von allen, für alle gespielt wird.

Niklas Döbler

Foto: Cesare Purini / Insidefoto/IMAGO

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