Hauptsache, der Ball rollt | Der DFB beendet das „System Koch“ – das Ende der Dunkelheit?

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Eine Kolumne über einen hellen Tag für alle, die noch daran glauben, dass der Deutsche Fußballverband der Vertreter aller Fußballer in Deutschland ist. Über einen Lichtstreif, der hoffen lässt, dass das System doch nicht so kaputt ist, wie es in den letzten Jahren schien – oder sich gerade beginnt zu erneuern.


„Hauptsache, der Ball rollt“ erscheint künftig wöchentlich. Jeden Montag als Rückblick auf Verbandspolitik oder darauf, welche wechselseitigen Auswirkungen von Fußball und Politik in der vergangenen Woche wichtig waren. Um die Mär, Fußball sei unpolitisch, der noch immer einige Funktionäre hinterhersinnen, zu widerlegen.


Viel wurde im Vorfeld des DFB-Bundestags von den dunklen Seiten des Verbandes geschrieben, (auch an dieser Stelle): Von der Kungelei, Rainer Koch und einem System, das sich nie erneuern würde. Ein Neuanfang, darüber herrschte Einigkeit, sei unwahrscheinlich – wenn nicht ganz und gar unmöglich. Nun, drei Tage nach dem Zusammentreffen im World Conference Centre in Bonn, sind die Klänge andere, hellere. Aufbruchsstimmung, das ist wohl ein zu helles Worte. Doch ein Lichtstreif von Hoffnung, der durchzieht den deutschen Fußball durchaus seit dem vergangenen Freitag.



Rainer Koch: „Spaltpilz und Intrigen“

Der Grund dafür ist die Abwahl von Rainer Koch. Dreimal war der 63-Jährige zum Vizepräsidenten gewählt worden. Seit 15 Jahren ist er Mitentscheider beim Deutschen Fußballbund. Und derjenige, der trotz der zahllosen Verfehlungen der letzten Jahren immer wieder überlebte, während ein Präsident nach dem anderen gehen musste. Theo Zwanziger, Reinhard Grindel, Fritz Keller. Diese Herren waren es auch, die vor dem diesjährigen Bundestag forderten, Koch abzuwählen und das „System Koch“ zu beenden. Sie nahmen Worte wie „Spaltpilz“ und „Intrigen“ in den Mund, wenn sie von Koch sprachen.

Mehr zu den Machenschaften von Rainer Koch: Hauptsache, der Ball rollt | Der DFB und der ewige Herr Koch

Die Frage, die sich in Anbetracht der Berichterstattung rund um Rainer Koch stellen konnte: Wie kann jemand, der vielerorts so verrufen ist wie Koch, in einem demokratischen Verband wie dem DFB immer wieder gewählt werden? Die Antwort darauf sind die, von drei ehemaligen DFB-Präsidenten unter dem Begriff „System Koch“ beschriebenen, Strukturen des Verbandes. Seilschaften, Druck, Einflussnahme und nicht zuletzt das Mittel der Drohung. So absurd es bei einem, der in der höchsten Etage des DFB und der UEFA sitzt, klingt: Rainer Koch beschwor immer wieder, der Vertreter der Amateure zu sein. Als Präsident der mächtigen bayerischen und süddeutschen Verbände waren ihm rund ein Drittel der Delegierten unterstellt.  Frei in ihrer Wahl – aber doch irgendwie unfrei wirkend. Und dies versuchte Koch in seiner Bewerbungsrede nochmal zu akzentuieren: Seine Wahl, so sagte er, müsse ein Zeichen für die neue Verbindung zwischen Profis und Amateuren sein.

Und anschließend fügte er etwas hinzu, was wohl besser als jemals zuvor gezeigt hatte, was alldiejenigen meinen, die immer wieder den so nebulös wirkenden Begriff „System Koch“ benutzen. Koch sagte: „Bitte unterstützen Sie mich oder nehmen Sie wenigstens nicht an der Abstimmung teil.“ Zu einer Wahl gehöre, dass „man sich an Absprachen hält“.

DFB: Das System funktioniert

Abgesehen davon, dass es zum Kern einer demokratischen Wahl gehört, sich vorher eben nicht in Hinterzimmern über den Wahlausgang abzustimmen (der DFB bezeichnet sich selbst als „demokratischen Institution“), erzählt dieser Vorstoß viel über das Selbstverständnis von Rainer Koch. Für wie mächtig, wie einflussreich, wie einschüchternd muss man sich halten, dass man denkt, eine solche hanebüchene und plumpe Parole könnte das Verhalten von 262 Delegierten zu seinen eigenen Gunsten beeinflussen? Für wie kaputt muss man das System halten, dem man vorsteht? Ein schurkenhaftes Verhalten – und noch ein dummes dazu.

Dumm deshalb, denn das System, von dem Koch dachte, er habe es verstanden und könnte es steuern, hat ihm nur wenige Minuten später gezeigt: er kann es nicht. Jedenfalls nicht mehr. Mit 68 zu 163 Stimmen wurde der Schurke des DFB aus dem Präsidium des Verbandes gewählt. Gegen Silke Sinning, die Koch zuvor implizit zu diffamieren versuchte. Sie habe habe im Vorfeld der Wahl nie zu erkennen gegeben, dass sie für Süddeutschland antreten wolle, sagte Koch und meinte damit: die Kandidatur von Sinning sei nicht in Ordnung.

Die für Rainer Koch bittere und für alle, die sich einen funktionierenden DFB wünschen, hoffnungsstiftende Erkenntnis aus dieser Wahl ist: in einem System, das demokratisch funktioniert, darf antreten, wer will – und die Wahlberechtigen wählen, wen sie wählen wollen. Was Koch von einem solchen System hält, zeigte er mit seiner Körpersprache eindrucksvoll, als er Sinning zu ihrem Wahlsieg „gratulierte“:


Geschlossen ist das Kapitel-Koch allerdings noch nicht. Als Vertreter des Süddeutschen Fußball-Verbandes wird er weiterhin im Vorstand des Verbandes sitzen. Und auch seinen Sitz im UEFA-Exekutivkomitee behält er. Allerdings nur vorläufig. Die Regularien der UEFA sehen vor, dass Mitglieder ihres Top-Gremiums in ihrem Nationalverband Präsident oder Vizepräsident sein müssen. Das ist Koch nun nicht mehr und die Nominierung für eine weitere UEFA-Amtszeit dadurch nicht mehr möglich. Spätestens 2025, wenn seine aktuelle Amtszeit ausläuft, ist auch bei der UEFA für Koch Schluss.

Das Ausscheiden von Rainer Koch aus dem DFB-Präsidium ist also gewichtig. Denn wenn der DFB-Bundestag das Fußball-Pendant zum deutschen Bundestag ist, ist das Präsidium das Fußball-Pendant zu deutschen Bundesregierung. „Das Präsidium ist zuständig für die Erledigung des laufenden Geschäfts. Es nimmt alle Aufgaben wahr, die nach Satzung und den Ordnungen nicht anderen Organen des DFB zugewiesen sind“, heißt es in der Satzung des Verbandes – und außerdem: „Dem Präsidium obliegt die Vertretung des DFB.“

Beschlussfähig ist das Präsidium, wenn mindestens die Hälfte seiner Mitglieder anwesend sind, und Endscheidungen trifft dieses Organ „grundsätzlich mit einfacher Mehrheit“. Also zukünftig Bernd Neuendorf, Ronny Zimmermann, Hans-Joachim Watzke, Stephan Grunwald, Donata Hopfen, Oliver Leki, Steffen Schneekloth, Peter Frymuth, Hermann Winkler, Ralph-Uwe Schaffert, Thomas Bergmann, Silke Sinning, Sabine Mammitzsch, Celia Sasic und Egidius Braun.

Und, ach ja, Bernd Neuendorf wurde zum neuen Präsidenten des DFB gewählt.

(Photo by RONALD WITTEK/POOL/AFP via Getty Images)

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