Kommentar: Ein anderer Planet

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Die Bundesliga kämpft um eine Fortführung, arbeitet Konzepte aus, lässt die Kontakte zur Politik spielen. Doch die Hybris der Beteiligten wirft alle PR-Bemühungen über den Haufen. Eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs hätte vielleicht kurzfristige Vorteile finanzieller Art. Doch der Schaden in der öffentlichen Wahrnehmung wird diese um ein Vielfaches übertreffen, meint unser Redakteur Julius Eid.

„Was hat der Profifußball denn getan?“

Die DFL und die Profivereine in Deutschland hatten von Anfang an keinen Zweifel daran gelassen, dass man jede Möglichkeit nutzen wird, um den Spielbetrieb der Ligen so schnell wie möglich fortzuführen. Ausführlich wurde von der finanziellen Gefahr berichtet, die ein längeres Aussetzen von Fußballpartien für die allermeisten Vereine bedeuten würde. Eine Argumentation, die zwar verständlich ist, aber schon von Anfang an auf viel Unverständnis traf. Geldgier und schlechtes Wirtschaften wurde den Klubs vorgeworfen, viele Menschen konnten nicht verstehen, warum gerade eine Branche in der weiter Millionengehälter bezahlt werden, eine der ersten Sparten sein sollte, für die Sonderregelungen gelten würden.

Doch Außenwirkung ist eben nur einer der Punkte, über die man sich bei den Funktionären Gedanken machte. Vorherrschend war immer der Drang zum finanziellen Durchatmen und damit zum Restart. Zwar versuchte man, recht halbgar, andere Gründe vorzuschieben: So unter anderem den Willen, den Menschen in Zeiten der Krise etwas Eskapismus zu bieten. Doch auch hier verschätzte man sich in der Einschätzung der öffentlichen Wahrnehmung und tat sich keinen Gefallen mit Aussagen in diese Richtung. Der Prozess lief weiter. Ein Konzept für eine Fortführung wurde ausgearbeitet, Politiker, Werbepartner sowie Presseorgane stellten eine mögliche Wiederaufnahme im Mai in Aussicht und der Profifußball schien sein Ziel schon fast erreicht zu haben. Doch selbst jetzt, in Zeiten, in denen auch in anderen Branchen Lockerungen stattfinden, ist die Stimmung gegenüber der Bundesligen in der Bevölkerung fast schon feindselig. Christian Seifert fragte auf einer Pressekonferenz der DFL, was der Profifußball denn in den letzten Jahren falsch gemacht hätte. Die letzten zwei Tage geben noch einmal kulminiert die Antwort.

(Photo by Arne Dedert/Pool/Getty Images)

Ignoranz und Entfernung

Der Ikea hat wieder geöffnet, die Friseure machen auf, ein Konzept der DFL liegt vor und Politiker zeigen sich gesprächsbereit. Eigentlich müsste doch jedem Fußballfan ein wenig Vorfreude im Gesicht stehen, es kann weitergehen. Doch entgegen anderer Lockerungen scheint man beim Profifußball auf viel Unverständnis zu treffen. Dies scheint auf den ersten Blick vielleicht sogar heuchlerisch, als würde diese Diskussion zu einer Stellvertreterdiskussion gegenüber einer überbezahlten Branche gemacht, manche sprechen auch von einer Neiddebatte. Doch realistisch gesehen ist diese Diskussion vor allem eines: Das Ergebnis der grottenschlechten Außenwirkung des Fußballs und die Quittung für Ignoranz und Arroganz in verschiedensten Positionen.

Schon als das ewig drehende Rad der Pflichtspiele und Sommerturniere etwas an Fahrt verlor, fiel vielen Menschen die Entfernung zum Profisport auf. Dies ist eine logische Folge der vergangenen Jahre. Fanunfreundliche Anstoßzeiten, fanunfreundliche Aufsplitterung der TV-Pakete, mehr oder weniger deutliche Ablehnung von der aktiven Fanszene, der Versuch von Vereinen sich von kritischer Berichterstattung komplett freizumachen und so weiter. Der Profifußball hat sich bewusst von der emotionalen Basis entfernt und schien dennoch überrascht, dass diese ihn nicht während der Krise bedingungslos und unreflektiert unterstützte.

In den letzten beiden Tagen wurde dann das ganze Dilemma noch einmal in vielen Facetten komprimiert ersichtlich und es scheint vielleicht weiterhin vorstellbar, dass es bald zu Geisterspielen kommt, doch der Graben zwischen „Volkssport“ Fußball und dem Volk scheint unüberwindbarer denn je. Erst drückte FC-Köln-Spieler Verstraete in einem Interview seine, menschlich völlig nachvollziehbaren, Sorgen aus. Unter anderem um seine Partnerin, die zur Risikogruppe gehört. Er wurde öffentlichkeitswirksam vom Verein zurückgepfiffen, sein Statement hinterließ den bitteren Eindruck einer erzwungenen Entschuldigung und dem absoluten Willen der Industrie Fußball, sich von keiner noch so nachvollziehbaren menschlichen Regung das Geschäft versauen zu lassen. Die im Anschluss publik gewordene Mail der DFL an die Vereine zu öffentlichen Äußerungen über Corona-Tests rundete das ganze Theater ab.

Photo by Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

So viele Facetten

Doch als würde Rücksichtslosigkeit und unmoralisches Gewinnstreben, im Notfall auf Kosten von Menschen und ihrer körperlichen sowie seelischen Verfassung. nicht genug sein, um jeden Zweifler zu bestätigen, wurde heute noch einmal nachgelegt: Nach den Vorgängen in der Domstadt sorgte heute die Hauptstadt für Aufsehen. Salomon Kalou, Spieler von Hertha BSC, streamte live auf Facebook. Teil des Streams waren unter anderem Interaktionen von Spielern, die nicht in das Hygiene-Konzept passen sowie Äußerungen über gekürzte Gehaltsschecks. Nein, leider keine der verständnisvollen Art. Sondern zur Schau getragenes Unverständnis und damit eben auch die nächste Bestätigung dafür, dass der gesamte Profibetrieb anscheinend mittlerweile auf einem anderen Planeten zu Hause ist als der Fan.

Sollte es also wirklich zu einer Wiederaufnahme des Spielbetriebs kommen, wird allerhöchstens die finanzielle Situation der Vereine etwas entspannter werden. Die Entfernung zum Konsumenten, das grausame Bild in der Öffentlichkeit, hat man in den letzten Wochen nicht nur zementiert sondern noch verstärkt. Vielleicht ist das noch zu abstrakt für die Funktionäre, vielleicht ist der Planet Fußball wirklich in einer solch weit entfernten Umlaufbahn, dass es den Beteiligten noch nicht ganz klar ist. Aber dieser Schaden könnte auf Dauer noch schlimmer sein, als der, den man sich eingehandelt hätte, wenn man sich mehr Zeit genommen hätte, um zumindest ein wenig Besonnenheit und Verständnis auszustrahlen.

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(Photo by Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Julius Eid

Julius Eid

Seit 2018 bei 90PLUS, seit Riquelme Fußballfan. Gerade die emotionale Seite des Sports und Fan-Themen sind Julius‘ Steckenpferd. Alleine deshalb gilt: Klopp vor Guardiola.

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  • Grossman sagt:

    Ich finde es interessant, wie ignorant oder besser gesagt naiv sich manche Fußballfans zeigen. Ein Verein hat per se keinen Anreiz Rücklagen zu bilden. Da es darum geht sich sportlich zu verbessern, wird natürlich das eingenommene Geld direkt größtenteils wieder reinvestiert. Das sind ganz einfache Mechanismen, die jedem klar sein sollten.
    Wenn nun eine unerwartete Krise kommt, die alle Vereine auf einmal betrifft, darf sich doch keiner Wundern, dass spätesens mittelfristig die Vereine den Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen können! Dabei ist es auch egal wie viel Geld absolut in den Fußball fließt, da es relativ immer wieder zu der gleichen Situation kommt (siehe andere Sportarten in denen weniger Geld im Umlauf ist)!
    Und das Funktionäre um Ihre und die Arbeitsplätze anderer Kämpfen, ist doch wohl das selbstverständlichste auf der Welt und auch die Pflicht als Arbeitgeber. Klar, im Fußball gibt es bis zu 4.000 Beschäftigte, die Millionenbeträge verdienen. Aber was ist mit den übrigen 44.000? Leben diese auch „auf einem anderen Planeten““?
    Dieses Problem könnte letztlich nur durch eine weitere Professionalisierung des Fußballs behoben werden (vielleicht sogar nur durch eine Aufhebung der 50+1 Regel). Denn nur, wenn Fußballvereine wie Unternehmen agieren wird der Sinn von Rücklagen relevant und verstanden. Andernfalls wird es jedes Mal wieder so laufen, da einfach die Anreize sich nicht verändern werden.


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