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Paul Pogba: Neue Herausforderung oder zurück ins gemachte Nest?

23. Juni 2019
Chris McCarthy

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Paul Pogba: Neue Herausforderung oder zurück ins gemachte Nest?

Nachspielzeit | Sommer 2016. Nachdem er vier Jahre in der dominantesten Mannschaft Italiens zum begehrtesten Spieler der Welt heranreifte, kehrte Paul Pogba für die damalige Weltrekord-Summe von 105 Millionen Euro zurück zu seinem Ausbildungsverein Manchester United. Hier sollte er nach dem Abschied von Sir Alex Ferguson im Sommer 2013 die titellose Zeit beenden und das Gesicht einer neuen, erfolgreichen Ära werden. 2019 treten die Red Devils noch immer auf der Stelle. Und Pogba? Der ist bereit für die nächste Herausforderung. Ein Kommentar…

Manchester United: Zu viele Fehler

Es wäre falsch, Paul Pogba für die Stagnation Manchester Uniteds verantwortlich zu machen. Dafür hat der Klub seit dem Rücktritt Sir Alex Fergusons schlichtweg zu viele Fehler gemacht. Die Verweigerung, die Transferangelegenheiten aus den Händen eines Bankers zu nehmen und dafür einen Sportdirektor zu implementieren, ist dabei an erster Stelle zu nennen. Der Kader der Red Devils war und ist trotz Ausgaben im Bereich von knapp 500 Millionen Euro über die letzten drei Jahre weder ausbalanciert noch gut genug. Auch der Sieg der Europa League 2017 oder eine irreführende Vizemeisterschaft 2017/2018, die eher auf eiskalte Effizienz und Spielglück zurückzuführen ist, können darüber nicht hinwegtäuschen.

Und dennoch hätte man von Paul Pogba mehr erwarten können. Mehr als 31 Tore in 142 Pflichtspielen – davon neun vom Elfmeterpunkt. Mehr Einfluss für einen Mann seiner Qualität, seiner körperlich bedingten Präsenz und seiner Position.

Kein gemachtes Nest

Sicher, der Franzose war auch ein Opfer der defensiven Zwänge eines José Mourinho. Dieser sah ihn eher als zweikampf- sowie spielstarken Antreiber im zentralen Mittelfeld und nicht als kreativen Freigeist.

Vom Gesicht einer neuen Ära dürfte man dennoch erwarten, dass er sich dem Großen und Ganzen unterordnet und die Rolle, die ein renommierter Trainer für ihn vorsieht, ohne Murren ausführt. Dass er das kann, haben wir bei der Weltmeisterschaft 2018 gesehen. In Russland stellte er sich als wahrer Führungsspieler in den Dienst seines Landes und übernahm auffällig diszipliniert einen defensiveren Part. Seine unbestrittene, immense Qualität setzte er dabei limitiert, dafür sehr effektiv und gewinnbringend ein.

(Photo by Laurence Griffiths/Getty Images)

Bei Manchester United dagegen führte die Unzufriedenheit über seine Rolle nicht nur zu lethargischen und undisziplinierten Auftritten, sondern letztendlich sogar zu einem zerrütteten Verhältnis zu Trainer José Mourinho. Irgendwann hatte der hitzköpfige Portugiese genug. Er begann den polarisierenden Rekordneuzugang öffentlich zu kritisieren, setzte ihn für einen gewissen Scott McTominay auf die Bank und entzog ihm sogar das Amt des Vizekapitäns.

Unter Ole Gunnar Solskjaer, der die gesamte Mannschaft von der Tristesse der Mourinho-Ära zu befreien schien, blühte auch Pogba in deutlich offensiverer Rolle richtig auf (14 Torbeteiligungen in elf Spielen). Dass das Desinteresse und die Unkonzentriertheit unter Mourinho nicht nur mit seiner Position zusammenhingen, wurde allerdings dann offensichtlich, als die Honeymoon-Phase unter dem Norweger zu Ende war. Der limitierte Kader und das ausgereizte Spielglück holten die Red Devils ein. In dieser schweren Phase tauchte Pogba wieder ab und sah regelrecht teilnahmslos zu, wie ManUtd keines der letzten fünf Spiele gewann und die Saison auf Platz sechs beendete.

Der rote Teil Manchesters war eben nicht das gemachte Nest, wie der homogene und hoch talentierte Kader der Équipe Tricolore oder der Alten Dame zwischen 2012 und 2016. Dort war es einfacher, zu glänzen.

Neue Herausforderung?

Nun sucht der Exzentriker also eine neue Herausforderung und das, obwohl er die letzte nicht gemeistert hat.

Man darf Paul Pogba nicht vorwerfen, dass er nicht das Gesicht einer neuen erfolgreichen Ära wurde. Das lag wie gesagt nicht in seiner Macht. Man darf ihm allerdings vorwerfen, dass er nicht mehr dafür tat, um es zu werden. Man darf ihm vorwerfen, dass er nicht zumindest versuchte, einen kränkelnden Klub auf seinen Schultern zu tragen, wie ein Eden Hazard letzte Saison bei Chelsea. Durch die abgelaufene Saison hat sich der Belgier beinahe mehr Respekt verdient, als durch seine Leistungen bei den Meisterschaften 2015 und 2017. Seinen Wechsel zu einem nationalen, vor allem aber internationalen Titelanwärter nimmt Hazard im Westen Londons daher kaum einer übel.

Pogba dagegen scheint zurück in ein gemachtes Nest zu flüchten, ganz egal ob er bei Real Madrid oder Juventus landet. Dort wird er höchstwahrscheinlich Titel gewinnen und positivere Schlagzeilen machen. Doch ist es wirklich eine Herausforderung, wenn man scheinbar nur in einem solch funktionierenden Konstrukt zur Hochform aufläuft?

Chris McCarthy

(Main Photo by David Ramos/Getty Images)

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