London. Ein Europa-League-Sieger, der hundert Tage nach dem Titel auf Platz 19 steht. Ein Mittelfeldspieler, der innerhalb von zwei Jahren erst für 35 und dann für 116 Millionen Pfund verkauft wird – beide Male, weil irgendjemand eine Bilanz retten musste. Und ein Sommer, in dem die Premier League 3,46 Milliarden Pfund ausgibt, das zweite Jahr in Folge ein Rekord. Wer glaubt, Finanzregeln würden den Fußball bremsen, sollte sich anschauen, was sie wirklich tun: Sie verändern nur, wer verkauft werden muss.
Die Profit-and-Sustainability-Regeln der Premier League erlauben 105 Millionen Pfund Verlust über drei Jahre. Everton und Nottingham Forest bekamen dafür 2023/24 acht beziehungsweise vier Punkte abgezogen. Seither hat jeder Klub verstanden, was zählt: nicht Vernunft, sondern Buchhaltung. Und Buchhaltung hat ihre eigenen Regeln.
Der Fall Aston Villa: Ein Titel, der nichts wert war
Am 20. Mai 2026 gewann Aston Villa in Freiburg 3:0 die Europa League. Unai Emery hatte in vier Jahren aus einem Abstiegskandidaten einen europäischen Titelträger gemacht. Was folgte, war kein Ausbau, sondern eine Abwicklung. Villa steht seit Juni 2025 unter einem dreijährigen Vergleich mit der UEFA, nachdem der Klub zweimal gegen die Einnahmenregeln verstoßen hatte – fünf Millionen Euro Strafe sofort, 15 weitere Millionen auf Bewährung, und die Auflage, in der Saison 2026/27 ausgeglichen zu wirtschaften.
Also ging Morgan Rogers. Für 117 Millionen Pfund zu Chelsea, teuerster Engländer aller Zeiten, Rekordtransfer des Sommers weltweit. Nicht, weil Villa verkaufen wollte. Weil Villa verkaufen musste. Insgesamt bewegte der Klub über 660 Millionen Euro, nahm 60 Millionen mehr ein als er ausgab – und steht nach zwei Spieltagen mit null Punkten, null Toren und fünf Gegentreffern auf Rang 19. Das ist keine sportliche Krise. Das ist das Ergebnis, wenn ein Regelwerk einen Klub dafür bestraft, dass er zu gut geworden ist.
Elliot Anderson: Zweimal verkauft, beide Male aus Not
Noch absurder ist die Geschichte von Elliot Anderson. 2024 wechselte der Mittelfeldspieler für rund 35 Millionen Pfund von Newcastle nach Nottingham – Ende Juni, kurz vor dem Bilanzstichtag, weil Newcastle dringend Gewinn verbuchen musste, um selbst einem Punktabzug zu entgehen. Zwei Jahre später überwies Manchester City 116 Millionen Pfund für denselben Spieler an Forest. Ein Eigengewächs aus Newcastle, das der Klub aus Verzweiflung abgab, ist heute der zweitteuerste Brite der Geschichte – und spielt für den Klub, gegen den Newcastle eigentlich konkurrieren wollte.
Allein am 30. Juni 2024 wurden in vier Tagen rund 245 Millionen Pfund umgesetzt, weil Klubs vor dem Stichtag Gewinne brauchten. Das ist kein Transfermarkt mehr. Das ist ein Quartalsabschluss mit Trikots.
Warum die großen Klubs trotzdem gewinnen
Die Regeln sollten die Kleinen vor den Großen schützen. Tatsächlich passiert das Gegenteil. Chelsea zahlt 117 Millionen für Rogers und bekommt gleichzeitig 145 Millionen Euro von Manchester City für Enzo Fernández. Tottenham holt Sandro Tonali für 108 Millionen Euro von Newcastle und Mateus Fernandes für 85 Millionen Pfund von West Ham. Wer selbst einen Rekordverkauf tätigt, darf einen Rekordkauf tätigen. Wer nur Ausgaben hat, muss verkaufen. Die Schleife belohnt exakt die Klubs, die ohnehin die teuersten Kader haben.
Am unteren Ende sieht das so aus wie bei Pablo García in Sevilla: 13 Jahre bei Betis, dann für 5,5 Millionen Euro an Racing Santander abgegeben – 50 Prozent der Transferrechte, weil ein Eigengewächs in der Bilanz als reiner Gewinn zählt. Das System hat einen Anreiz geschaffen, die eigenen Talente zuerst zu verkaufen. Genau das, was es verhindern sollte.
Ab 2026/27 kommt die nächste Regel – und die nächste Lücke
Die Premier League ersetzt PSR ab dieser Saison durch die Squad Cost Ratio: Kaderkosten dürfen einen festen Anteil der Einnahmen nicht überschreiten. Klingt vernünftiger. Ist es vielleicht auch. Aber die Erfahrung der letzten drei Jahre lehrt: Jede Regel erzeugt ihre eigene Sorte Wahnsinn. PSR hat Tauschgeschäfte, Stichtags-Panik und Eigengewächs-Ausverkauf produziert. Die SCR wird etwas anderes produzieren – und Villa, Forest und Newcastle werden wieder diejenigen sein, die es ausbaden.
Denn eines hat sich nicht geändert: Wer 3,46 Milliarden Pfund ausgeben kann, ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass die Klubs, die für dieses Geld verkaufen müssen, am Ende schlechter dastehen als vorher. Die Regeln haben den Fußball nicht nachhaltiger gemacht. Sie haben ihn nur teurer für die Falschen.

