Leon Goretzka hat Bayern verlassen, um wieder gebraucht zu werden. Sechs Wochen später steht die Bilanz bei null Pflichtspielminuten für Aston Villa, und am Montag teilte er selbst mit, dass er auch die nächsten Wochen zusehen wird.
Der Körper hat reagiert
Auf Instagram schrieb der 31-Jährige, sein Körper habe auf die erhöhte Belastung nach der spielfreien Zeit reagiert; er brauche jetzt diese kurze Pause, um mit voller Kraft zurückzukommen. Frustrierend nannte er das. Zurück ist er demnach erst nach der Länderspielphase Ende September und Anfang Oktober.
Übersetzt heißt das: mindestens vier weitere Partien ohne ihn. Am Dienstag beginnt für Villa die Champions League in Brügge, danach folgen zwei Ligaspiele und eine Runde im Ligapokal, ehe die Pause kommt. Sein Debüt hat Goretzka nach wie vor nicht gegeben. Unai Emery hat ihn noch nie in einen Kader berufen.
Ein Klub, der noch nicht getroffen hat
Damit verpasst er, ehrlich gesagt, nicht viel. Villa steht nach drei Premier-League-Spielen bei einem Punkt und – die Zahl muss man zweimal lesen – null eigenen Toren. 0:4 in Brighton zum Auftakt, 0:1 zu Hause gegen Arsenal, 0:0 in Hull. Fünf Gegentore, kein einziges Tor.
Der Grund steht in der Transferliste. Villa hat im Sommer Morgan Rogers an Chelsea, Ezri Konsa an Arsenal, dazu Youri Tielemans und Ollie Watkins verloren – die halbe Achse jener Mannschaft, die vergangene Saison Vierter wurde und die Europa League gewann. Dazu kommt, dass Amadou Onana mit Kreuzbandriss lange ausfällt. Eingekauft wurde durchaus, über 215 Millionen Euro, unter anderem Johan Manzambi aus Freiburg. Nur greift so ein Umbau nicht in drei Wochen.
Ausgerechnet Goretzkas Trikotnummer 27 war frei, weil Rogers nach London gegangen war. Man kann das als Zufall verbuchen. Man kann es auch als Zustandsbeschreibung lesen.
Warum er überhaupt gegangen ist
Bei Bayern war Goretzka zuletzt Randfigur, unter Vincent Kompany im Zentrum hinter Kimmich, Pavlović, Laimer und Palhinha eingeordnet. Sportdirektor Christoph Freund hatte die Sache schon im Winter unmissverständlich beschrieben: „Im Sommer wird die Zeit für Leon Goretzka vorbei sein.“ Der Vertrag lief Ende Juni aus, verlängert wurde er nicht.
Goretzka selbst hat den Wechsel als bewussten Bruch beschrieben – „raus aus der Komfortzone“, auch für die eigene Persönlichkeitsentwicklung. Dass er in Birmingham landete, hat eine hübsche Ironie: Villa wollte eigentlich João Palhinha ausleihen, Bayern bestand auf einem Verkauf und legte am Ende sein Veto ein. Erst danach suchten die Engländer nach einer ablösefreien Lösung – und fanden einen anderen Münchner. Emery soll ihn persönlich überzeugt haben.
Der Terminkalender kennt kein Mitleid
Hier wird aus einer Muskelmeldung eine Geschichte. Am 17. September benennt Jürgen Klopp auf dem DFB-Campus seinen ersten Kader, maximal 27 Spieler, danach vier Nations-League-Spiele in elf Tagen. Goretzka hat 73 Länderspiele und 15 Tore, aber bei der WM spielte er nur eine Nebenrolle, und sein Argument für eine Rückkehr sollte genau das sein, was der Wechsel liefern würde: Spielzeit auf hohem Niveau.
Bis zum 17. September wird er keine Minute gespielt haben. Die Rechnung, die diesem Transfer zugrunde lag, geht im ersten Anlauf nicht auf.
Was für ihn spricht
Und trotzdem wäre es voreilig, den Wechsel abzuschreiben. Ein Mittelfeldspieler, der acht Jahre bei Bayern 211 Spiele gemacht, achtmal die Meisterschaft und 2020 die Champions League gewonnen hat, kommt nicht wegen seiner Sprintwerte. Er kommt, weil eine Mannschaft im Umbruch jemanden braucht, der weiß, wie sich ein 0:4 anfühlt und was danach zu tun ist. Villa hat davon gerade sehr wenig im Kader.
Goretzka hat in seinem Post geschrieben, er fühle sich am richtigen Ort und wohl. Das ist die Sorte Satz, die man in solchen Wochen schreibt. Ob sie stimmt, entscheidet sich im Oktober – wenn er endlich spielt, und wenn Villa endlich trifft. Ein Spieler, der nach acht Jahren Komfortzone ins Risiko geht, hat sich das Risiko nicht so vorgestellt. Nur gehört es dazu.

