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“Dortmund wird in München nichts holen” – Expertenrunde vor dem Topspiel

8. November 2019
Manuel Behlert

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“Dortmund wird in München nichts holen” – Expertenrunde vor dem Topspiel

Spotlight | Am Wochenende ist es wieder soweit, das Duell zwischen dem FC Bayern München und Borussia Dortmund in der Bundesliga steht auf dem Programm. Und die letzten Tage waren turbulent, allen voran beim Gastgeber aus München. Vor dem Topspiel sprechen Julien Wolff (Welt), Jürgen Koers (Ruhr Nachrichten) und 90PLUS-Redakteur Julius Eid über die wichtigsten Fragen zum Spiel!

90PLUS: Am Wochenende steht das Spiel zwischen dem FC Bayern München und Borussia Dortmund an, ein Duell, das ganz Fußballdeutschland elektrisiert. Häufig ist dieses Aufeinandertreffen das absolute Topspiel in der Liga, dieses Gefühl hat man zum jetzigen Zeitpunkt aber nicht, denn vor allem in München passen die Leistungen und Resultate nicht zu den Ansprüchen. Kommt die Krise beim Rekordmeister für euch überraschend und was sind die Gründe?

Julien Wolff: Die Krise kommt für mich überraschend. Ich dachte lange, dass es zwischen Kovac, Klubführung und Mannschaft in dieser Saison besser funktionieren würde. Und die Zugänge schneller helfen würden, gerade Coutinho und Hernández. Coutinho braucht noch Zeit, bei Hernández kam Pech mit der Verletzung dazu. Die Gründe für die Krise sind komplex, im Kern nenne ich hier 1.) Transferplanung, der Kader hat Schwächen, zum Beispiel fehlt ein robuster Sechser. 2.) Die Mannschaft hat zuletzt zu oft nicht die nötige Einstellung an den Tag gelegt. 3). Die Bosse Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge waren sich in den vergangenen Jahren zu oft nicht einig und haben das öffentlich ausgetragen, das wirkt sich auch in dieser Saison negativ auf den Klub aus.

(Photo by Lars Baron/Bongarts/Getty Images)

Jürgen Koers: Überraschend kommt die Krise schon, denn der FC Bayern München hat nach wie vor den stärksten Kader der Fußball-Bundesliga und ist sportlich wie wirtschaftlich unangefochten die Nummer eins. Es müssen also Fehler gemacht worden sein. Die sind in erster Linie darin zu suchen, dass Bayerns Bosse die Zeit für Erneuerungsprozesse zu lange herausgezögert haben. Sowohl im Kader als auch in der Vereinsführung. Nun steht da eine Chefetage mit einem irrlichternden Uli Hoeneß und einem halbgaren Hasan Salihamidzic neben einem Karl-Heinz Rummenigge, der kurz vor dem Ruhestand steht. Und sportlich hat dieses Trio, obwohl absehbar, kein Rezept gefunden für die Zeit nach der Ära von Franck Ribéry und Arjen Robben. Die Mannschaft ist unausgewogen zusammengestellt und wirkt uneinig. Ex-Trainer Niko Kovac, selber nicht frei von Fehlern und Defiziten, konnte dieses Sammelsurium an Problemen nicht auflösen.

Julius Eid: Mich überrascht die Situation in München nicht. Dass Mannschaft und Teile des Publikums mit Kovac nur bedingt warm wurden, war schon lange klar, wohin die spielerische Entwicklung geht, auch. Zusätzlich wurde die fehlende Breite im Kader zurecht von Vielen schon im Sommer kritisiert – und das rächt sich nun.

90PLUS: Nach dem 1:5 gegen Eintracht Frankfurt am vergangenen Wochenende trennte man sich beim FC Bayern München von Niko Kovac, Hansi Flick übernimmt den Trainerposten nun interimsweise. Würdet ihr sagen, dass die Entscheidung der Kovac-Trennung und der Zeitpunkt ebendieser richtig gewählt war? Und welche Auswirkungen erwartet ihr euch nun im Hinblick auf das Spiel am Wochenende?

JK: Der Zeitpunkt der Trennung ließ sich nicht länger hinauszögern. Von Beginn an haben die Bosse, insbesondere Rummenigge, dafür gesorgt, dass Kovac kein starker Trainer wird in München. Das Double in der Vorsaison hat nur einen  kurzzeitigen und kosmetischen Effekt gehabt. Für all die Baustellen, die sich bei den Bayern auftun, trägt bei Weiten nicht allein Kovac die Verantwortung. Aber mit seinem Rauswurf ist die Hoffnung verknüpft, wieder Geschlossenheit herzustellen. Ob das gelingt, ist fraglich. Am Mittwoch in der Champions League gegen Piräus hat die Mannschaft auf mich einen besorgniserregenden Eindruck gemacht. Befreit wirkte das Team jedenfalls nicht, und Interimstrainer Hansi Flick ist kein Scharfmacher. Immerhin bleiben nach dem Top-Duell zwei Wochen Zeit, um für klare Verhältnisse zu sorgen und einen Nachfolger zu präsentieren.

JW: Einen richtigen Zeitpunkt für eine Trennung vom Trainer gibt es wohl nie. Es ging einfach nicht mehr, das war wohl für jeden ersichtlich. Allein der Trainer hatte nicht schuld daran. Ich rechne mit einer starken Reaktion der Bayern-Mannschaft gegen Dortmund und mit einem klaren Sieg. Gegen Piräus war mehr Stabilität zu erkennen, aber noch zu wenig Kreativität in der Offensive. Das dürfte sich Samstag ändern.

Favre bleibt ein Fußballpurist

90PLUS: Eine kleine Schwächephase hatte auch Borussia Dortmund zu beklagen. In den letzten Spielen ist aber durchaus ein positiver Trend erkennbar, gegen Gladbach reagierte man zweimal gut auf den Gegner, gegen den VfL Wolfsburg war der BVB vor allem in der 2. Halbzeit sehr agil und zeigte Spielfreude. Wie würdet ihr den aktuellen Trend der Borussia beurteilen und welche Rolle spielt Lucien Favre dabei?

(Photo by Emilio Andreoli/Getty Images)

JW: Der Trend ist gut beim BVB. Ein 0:2 gegen eine starke Inter-Mannschaft noch zu drehen – Respekt! Auch Favre wirkt im positiven Sinne verändert, lebendiger, aktiver. Ich halte ihn für einen sehr guten Trainer, doch Dortmund wird in München nichts holen. Bayern muss jetzt einfach liefern.

JE: Natürlich trägt auch Favre Anteil an dem wenig befriedigenden Saisonstart. Vor allem der Spielaufbau über die Doppelsechs wurde von jedem Gegner durchschaut und so haperte das Offensivspiel der Borussia folgerichtig. Die Form vor dem Duell in München ist definitiv ansteigend, schon gegen Gladbach und Wolfsburg zeigte man in den zweiten Halbzeiten gute Auftritte, krönte die Entwicklung jetzt gegen Inter. Auch hier hat Favre seine Finger im Spiel. Der Schweizer zeigt sich taktisch flexibler als gewohnt und ist auch deutlich emotionaler an der Seitenlinie. Ein Teil der Kritik wurde definitiv angenommen.

JK: Borussia Dortmund findet sich. Langsam und noch mit Schwankungen, aber der Aufwärtstrend ist unverkennbar und in der Mannschaft und im Verein deutlich spürbar. Dem BVB hat sicher auch geholfen, in der größten Not drei Heimspiele hintereinander absolvieren zu dürfen: Zuhause fällt es dem Team, getragen vom Publikum, immer leichter, das Leistungsvermögen auszuschöpfen. Mut und Selbstvertrauen kehren nach einem katastrophalen Oktober allmählich zurück. Das wahrscheinlich spielstärkste Dortmunder Ensemble aller Zeiten kann auch die Formschwächen von Leistungsträgern der Vorsaison (Akanji, Witsel, Reus, Sancho) kompensieren. Trainer Lucien Favre bleibt ein Fußballpurist und ein Verehrer der reinen fachlichen Lehre.

Aber er entwickelt sich, wie seit Monaten gefordert, auch im emotionalen und zwischenmenschlichen  Bereich weiter. Er coacht engagierter, er kann Begeisterung entfachen. Wie er um seinen vor zehn Tagen bereits angesägten Trainerstuhl kämpft, nötigt allen im Klub großen Respekt ab. Hält sich der BVB auch in München über Wasser, ist Favre der große Gewinner dieser Krise.

90PLUS: In den letzten Jahren hinterließ Borussia Dortmund bei den Spielen in München keinen allzu positiven Eindruck, häufig musste man sich deutlich geschlagen geben. In dieser Saison sind die Vorzeichen anders, der FC Bayern wirkt sehr instabil, defensiv anfällig und der BVB formulierte seine Ziele und Ambitionen sehr deutlich. Muss Dortmund die Chance nutzen und sich nun in München durchsetzen, um diesen Ambitionen auch gerecht zu werden? Ist die Gelegenheit ein Zeichen zu setzen vielleicht so groß wie lange nicht mehr?

JK: Dortmund im Aufwind, die Münchner verunsichert: Die Voraussetzungen für einen Erfolg der Borussia im Bayernland waren lange nicht mehr so gut. Alles andere als das formulierte Ziel, alles dafür zu tun, Deutscher Meister werden zu wollen, hätte im Sommer kein Fan verstanden. Wer hauchdünn geschlagen Vizemeister wird und sich derart hochkarätig verstärkt, kann nicht erneut Platz zwei als Saisonziel ausrufen, das widerspräche jedem sportlichen Selbstverständnis. Richtig ist, dass der BVB erst lernen muss, aus seiner seit Jahren geliebten und verinnerlichten Rolle des ersten Herausforderers zu entwachsen. Um das mit Resultaten zu unterfüttern, muss man auch, wie bereits fünf Mal seit 2011, mal wieder in der Allianz Arena gewinnen. Tabellarisch wird das Spitzenspiel nur dann Auswirkungen haben, wenn Dortmund in München gewinnt. Ansonsten ist und bleibt das Feld sehr dicht beisammen.

JE: Einfach gesagt: Ja! Alleine die Besetzung der Münchner Viererkette spricht Bände, der qualitativ mindestens zweitbesten Offensive der Liga sollte hier einiges gelingen. Doch ein Selbstläufer wird es ganz bestimmt nicht. Die Niederlagen in München sitzen tief, wenn die Bayern eines gezeigt haben in den letzten Jahren, dann, dass sie in genau diesen Spielen ihre beste Leistung abzurufen wissen. Auch die Abwehr des BVB ist nicht immer sattelfest und die offensive Qualität der Münchner unbestritten. Dennoch ist zumindest die Hoffnung auf ein ausgeglicheneres Duell als in den letzten Jahren berechtigt.

(Photo by INA FASSBENDER / AFP)

JW: Ja, um seinen Ambitionen gerecht zu werden, müsste der BVB in München ein Zeichen setzen. Die Gelegenheit ist in der Tat so groß wie lange nicht. Und doch traue ich es den Dortmundern aktuell nicht zu, zumal der Einsatz von Reus wohl fraglich ist und das Spiel gegen Inter sicher viel Kraft gekostet hat.

90PLUS: Der FC Bayern ist derzeit, wie erwähnt, defensiv anfällig. Nun fehlt auch noch Jerome Boateng, der nach seinem Platzverweis gesperrt ist. Insbesondere das Umschaltverhalten und eine schlechte Positionierung nach Ballverlusten war zuletzt ein großes Problem. Ist ein engagiertes Auftreten mit einem hohen Pressing und vielen Nadelstichen der Schlüssel für den BVB?

JK: Lucien Favres Credo lautet, dass seine Mannschaft alle vier Grundsituationen im modernen Fußball beherrschen soll. Bis es soweit ist, bleibt noch viel zu tun. Den meisten Druck entfacht Dortmund, wenn die Mannschaft hoch presst und dann mit ihren technisch starken und schnellen Spielern in Richtung Strafraum aufbricht. So kann man auch in München bestehen. Für den Angsthasenfußball beim 0:5 im April schämen sie sich beim BVB noch heute.Das Favresche Prinzip der eingebimsten Spiel- und Ballkontrolle mit einstudierten Spielverlagerungen und dann eben nicht mehr so überraschenden Tempoverschärfungen hat sich etwas abgenutzt. Zu oft verwechselten die Spieler Geduld mit Langsamkeit, Balance mit zu großer Vorsicht. Fehlt in der Defensive die Unterstützung und Mitarbeit der Angriffsriege, gerät der BVB leicht ins Taumeln. Ohne den zurückgekehrten Mats Hummels mag sich in Dortmund die Abwehr keiner mehr vorstellen.

JE: Es dürfte einer der Schlüssel sein. Vor allem Alphonso Davies auf der linken Abwehrseite ist noch jung und hat einen, teilweise, etwas naiven Vorwärtsdrang. Hier könnte ein Hakimi in Topform das Spiel mitentscheiden. Dennoch wird auch der BVB darauf angewiesen sein, dass sich die Abwehr nicht allzu viele Schnitzer leistet und den Münchner Offensiven die Spaß am Spiel raubt. 

Lewandowski für jedes Team eine Gefahr

90PLUS: Während der BVB zuletzt fußballerisch wieder sehr gute Ansätze zeigen konnte, gestaltet sich das Offensivspiel beim FC Bayern sehr schwierig. Häufig wird das Tempo verschleppt, viele Chancen entstehen durch individuelle Klasse, viele Flanken werden geschlagen. Ist die hohe individuelle Klasse, beispielsweise eines Robert Lewandowski, die größte Gefahr für Borussia Dortmund? Wo seht ihr noch Ansätze für den FC Bayern?

JE: Die individuelle Klasse, das Tempo der Außen und die aberwitzige Form von Robert Lewandowski sind für jedes Team der Welt eine Gefahr. Es stimmt, dass Bayern Schwierigkeiten hat, sich flüssig vor das Tor zu kombinieren, dennoch kann man sich gegen diesen Angriff aus Dortmunder Sicht keine Fehler leisten wenn man den Fluch in München brechen will. Der FC Bayern ist dazu angehalten die teils unsichere Verteidigung des Gastes immer wieder hoch unter Druck zu setzen um von individuellen Fehlern zu profitieren und Lewandowski in Szene zu setzen. Auch das Duell im zentralen Mittelfeld ist von hoher Bedeutung. Wer das Mittelfeld in dieser Partie kontrolliert, dürfte die gesamte Partie kontrollieren. 

(Photo by Sebastian Widmann/Bongarts/Getty Images)

JW: Lewandowski ist in Topform und die größte Gefahr für den BVB. Auch Serge Gnabry war bis vor einigen Wochen absolut top, zuletzt baute er etwas ab, wird aber auch ein Schlüssel sein, denke ich. Weitere Ansätze für den FCB: Mit Kingsley Coman, der zuletzt nicht effektiv genug war, schnelle Angriffe über die Außen starten.

JK: Höchstmögliches Tempo auf den Flügeln gehört zu den unabdingbaren Grundausstattungen für beide Mannschaften. Entsprechend gehören die Duelle auf den Flügeln immer zu den Schlüsselmomenten. Und grundsätzlich verfügen beide deutsche Topklubs über ausreichend Spieler, die auch so ein Spitzenspiel prägen und entscheiden können. Entscheidender finde ich die Herangehensweise: Für die Bayern war eigentlich immer klar: Die Partie gegen Dortmund gewinnen wir. So breitschultrig sind sie auch immer aufgetreten. Aber gelingt das auch in der aktuellen Situation? Als die Bayern so aufmarschiert sind im April, konnte beim BVB niemand dagegenhalten. Das wird diesmal anders sein. Überstehen die Dortmunder Münchens Anfangsoffensive und die Einschüchterungsversuche, wird das Spiel offener. Dann steigen die Chancen der Schwarzgelben, den Roten Schmerzen zu bereiten. Ich sehe weniger einzelne Schlüsselduelle als einen permanenten Kampf, das Momentum im Spiel auf seine Seite zu ziehen.

90PLUS: Jadon Sancho (sofern fit) ist im Antritt kaum zu stoppen, David Alaba, der vermutlich wieder links hinten spielen wird, hat einen enormen Offensivdrang, gleiches gilt für Kimmich auf der anderen Seite. Der FC Bayern bringt ebenfalls in der Offensive viel Tempo mit, die Balance wird also bei beiden Mannschaften wichtig sein. Welche Schlüsselduelle, nicht nur auf den Außenbahnen, seht ihr? Welche Duelle könnten das Spiel beeinflussen?

JW: Die Schlüsselduelle sind für mich: Lewandowski gegen Mats Hummels, Jadon Sancho, wenn er spielt, gegen die gesamte FCB-Defensive – und wohl auch Achraf Hakimi gegen Manuel Neuer, wenn es beim BVB weiter so läuft wie gegen Inter.

(Photo by Alex Grimm/Getty Images)

JE: Die Außenverteidiger des FC Bayern stellen sich nach den neuesten Entwicklungen anscheinend doch anders dar, als ursprünglich vermutet. Doch zumindest auf Davies trifft die Aussage mit dem Offensivdrang zu und wie schon eben ausgeführt dürfte diese Abwehrseite zu einer Schlüsselposition im Spiel werden. Da beide Teams den Gegner immer mal wieder früh unter Druck setzen werden dürfte auch die Pressingresistenz im 6er-Raum entscheidend sein. Sollte Flick wie in der CL auf Thiago verzichten, würde der Spieler, der dieses Attribut in der gesamten Bundesliga am besten verkörpert, erst einmal zuschauen. Eine Entscheidung, die sich rächen könnte. Und natürlich wird auch wichtig sein, wie Mats Hummels sich bei seiner Rückkehr gegen Lewandowski aber vor allem Serge Gnabry präsentiert. Denn Gnabry bringt einiges an Geschwindigkeitsvorteil mit. 

90PLUS: Abschließend, kurz und knackig: Wie wird das Spiel ausgehen?

JW: 3:0 für den FC Bayern!

JK: 2:2!

JE: Es wird teils wild, für den neutralen Zuschauer schön anzusehen, für Fans eher weniger. Am Ende schafft es der BVB tatsächlich drei Punkte aus München mitzunehmen und gewinnt – 2:3.

(Photo by INA FASSBENDER / AFP

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