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Rückblick auf eine erfolgreiche Ära: “Generation Lahmsteiger”

10. Juni 2019

Rückblick auf eine erfolgreiche Ära: “Generation Lahmsteiger”

Spotlight | Der FC Bayern München blickt auf eine beeindruckende Geschichte zurück. Es gab viele Erfolge zu feiern, viele prägende Spieler und Phasen, in denen der Verein den Weltfußball mitbestimmt und kontinuierliche Entwicklungen mit Titeln abgeschlossen hat.

Eine solche Phase erlebte der FC Bayern München auch rund um das Jahr 2013, als man nicht nur den Titel in der Champions League gewann und damit diesen Europapokal erstmals seit 12 Jahren wieder nach Deutschland holte, sondern auch das Triple feiern durfte. Spieler wie Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger waren am Gipfel ihrer Vereinskarriere angelangt, belohnten sich ein Jahr später sogar noch mit dem Weltmeistertitel. Justin Kraft, Redakteur bei Miasanrot, einem der bekanntesten Bayernblogs, widmete dieser “goldenen Ära” ein Buch (hier erhältlich).

Ein gelungener Spagat

Beim Betrachten dieser, auch im Buchtitel hervorgehobenen, “goldenen Ära” ist es nicht einfach alle wichtigen Details, alle dem Erfolg vorausgegangenen Misserfolge und alle Entwicklungen in einem Werk zu vereinen, ohne relevantes wegzulassen oder zu ausschweifend zu werden. Im Buch “Generation Lahmsteiger” ist dieser schwierige Spagat aber sehr gut gelungen, der Text ist angenehm zu lesen, man fühlt sich als Fan des FC Bayern an vielen Stellen in die damalige Zeit – auch wenn sie noch nicht allzu lange her ist – zurückversetzt.

Und dabei werden nicht nur die Erlebnisse als Fan noch einmal durchgespielt, die Geschehnisse werden auch – in manchen Passagen mehr, in manchen weniger detailliert – analysiert. Hintergrundinformationen, die man nicht mehr auf Anhieb parat hat, sorgen dafür, dass man während des Lesens immer wieder kurz inne hält und zustimmend nickt. Die Variation zwischen Analysen, Emotionalität und einer Struktur, angefangen bei Louis van Gaal und seinen Veränderungen im Klub bis hin zum Streben nach fußballerischer Perfektion unter Pep Guardiola und den Zeiten danach sorgt dafür, dass dieses Buch sehr abwechslungsreich gestaltet und entsprechend kurzweilig ist.

“Generation Lahmsteiger” ist keinesfalls eine Nacherzählung der erfolgreichsten Ära der nahen Vergangenheit des Rekordmeisters, sondern behandelt auch die wichtigen taktischen Aspekte der einzelnen Trainer, die in diesem Buch eine Rolle spielen, sehr intensiv – und das ohne zu sehr in das Fachchinesisch zu verfallen. Die grundsätzlichen Herangehensweisen der Trainer werden detailliert, aber dennoch verständlich erklärt und Leser, die bis dato noch wenig Berührungspunkte mit fußballtaktischen Elementen hatten, dürften den Ausführungen sehr gut folgen können.

Auch wenn es sicher Leser geben wird, die den ein oder anderen Schwerpunkt setzen oder andere Eckpunkte der Ära hervorheben würde, können wir eine absolute Leseempfehlung für “Generation Lahmsteiger” (hier erhältlich) aussprechen.

Natürlich wollen wir auch den Autoren, Justin Kraft, zu Wort kommen lassen. Unser Redakteur Manuel Behlert hat ihm einige Fragen zu seinem Buch und der Entstehungsgeschichte gestellt.

Manuel Behlert: Bevor wir uns etwas genauer mit dem Inhalt befassen: Was ist die Geschichte zur Entstehung dieses Buches? War es ein längerer Prozess oder bist du morgens aufgewacht und dachtest: „Diese Ära ist so speziell, so besonders – nicht nur das Jahr 2013 als solches – die Entwicklungen müssen in ihrer Gesamtheit gewürdigt werden“?

Justin Kraft: Ich hatte im Frühjahr 2018 eine kleine fußballerische Depression, in der ich mir die „gute alte Zeit“ zurückwünschte. Bayern bewegte sich unter Heynckes aufs Ende einer Ära zu. Also durchforstete ich nicht nur alte Artikel von damals, ich suchte nach Büchern, die sich mit dem Triple oder im Idealfall auch mit den Ereignissen drumherum beschäftigten. Gefunden habe ich lediglich einzelne Überblickswerke zur Saison 2012/13 oder über die Guardiola-Zeit sowie Biografien – insgesamt war ich nicht zufrieden mit dem, was der Buchmarkt hergab. Ich suchte nach einem Buch, das umfassend von der Ära handelt, die der FC Bayern seit 2009 geprägt hat. Wie heißt es so schön? Wenn du ein Buch lesen möchtest, das es nicht gibt, dann schreib es selbst. Das habe ich mit „Generation Lahmsteiger“ versucht. Und ich bin froh, dass ich vor allem dank Martin Brinkmann einen Verlag gefunden habe, der es für mich vermarktet und verlegt.

MB: Das Buch ist bereits seit März auf dem Markt, es gibt viele Reaktionen. Wie wurde das Werk bisher aufgefasst, welche Reaktionen sind dir in Erinnerung geblieben? Und: Gab es auch Feedback von Fußballinteressierten, die es jetzt nicht unbedingt mit dem FC Bayern halten?

JK: Die ersten Reaktionen waren hauptsächlich positiv. Ich habe mich im Buch ein Stück weit auch selbst ausprobiert. Wer mich bei Miasanrot liest, der kennt mich eher sachlich, analytisch und distanziert zum Klub. Im Buch versuche ich die kühlen Analysen mit einer Seite von mir zu mischen, die nur wenige kennen: meiner emotionalen Fan-Seite.

Ich bin schließlich keine Maschine und gerade die Zeit ab 2009 habe ich sehr intensiv gelebt. Im Buch wechseln sich deshalb Analysen und Erklärungen mit emotionalen Einschüben ab, die auch Einblicke in meine Fan-Seele geben. Dieser Mix ist für mich neu und vielleicht sogar auf dem Buchmarkt neu. Das positive erste Feedback macht mich deshalb sehr glücklich. Ich bin ein junger Autor und kann noch viel lernen, aber es ist schön, dass gerade die Vielseitigkeit des Buchs überwiegend positiv aufgenommen wird.

MB: Eine Frage noch zum Buchtitel. Lahm und Schweinsteiger als zentrale Figuren, die sich 2013 im Verein und 2014 in der Nationalmannschaft krönten, hervorzuheben, ist sicher naheliegend. Aber es gab natürlich auch andere, wichtige, zentrale Figuren. Warum also diese beiden? Gibt es einen speziellen Grund?

JK: Letztendlich war es eine total subjektive Entscheidung. Der Titel ist dadurch vielleicht sogar etwas irreführend, aber die beiden Spieler sind für mich persönlich die Gesichter dieser Ära und deshalb auch die Namensgeber. Robben, Ribéry, van Gaal, Heynckes, Guardiola, Sammer, die Führungsetage – es gäbe selbst nach dieser kleinen Aufzählung noch genügend weitere Personen, die diese Zeit geprägt haben. Sie alle finden auch ihren Platz im Buch. Deshalb heißt der Titel auch „Generation Lahmsteiger“ und nicht einfach „Lahmsteiger“. Diese Generation hat viele Spieler und Persönlichkeiten hervorgebracht und den Fußball in Deutschland verändert. Benannt ist sie in meinem Buch nach Lahm und Schweinsteiger. In einem anderen wäre es vielleicht die „Generation Robbery“. Und das wäre vollkommen okay so. Wichtig ist nur zu wissen, dass es in diesem Buch eben um die gesamte Generation sowie um die Ära des FC Bayern und nicht ausschließlich um Lahm und Schweinsteiger geht.

(Photo by Sebastian Widmann/Bongarts/Getty Images)

MB: Was vielleicht für viele interessant ist: Wie gingst du vor, während du das Buch geschrieben hast? Sicher hattest du von Beginn an eine Konzeption im Kopf, an der du dich orientiert hast. Aber ist es gelungen den Aufbau, den du dir vorgestellt hast, auch so durchzuziehen? Hast du Kapitel oder Sequenzen gehabt, die du ein- oder mehrfach umgeschrieben hast?

JK: Ich bin ein total chaotischer Typ. Einige Menschen brauchen stets Ordnung in ihrem Leben und ich lebe eher nach dem Haufenprinzip. Im Chaos arbeite ich produktiv. Was bedeutet das für meine Arbeitsweise? Ich schreibe einfach drauf los. Die Gliederung war durch die Ereignisse ja bereits vorgegeben. Natürlich ist das Triple der Höhepunkt. Offen war zunächst, wie und wo das Buch anfangen soll und wie es enden soll. Ich entschied mich für Barcelona 2009 als Ausgangspunkt, weil diese Niederlage für den gesamten Klub sehr niederschmetternd war und sich dort auch in der Denkweise des FC Bayern viel verändert hat. Als Endpunkt wollte ich einen Ausblick wagen. Das ist immer mit Risiko verbunden, weil das was ich im Dezember über einen Trainer schreibe bereits im März totaler Schwachsinn sein kann. Deshalb ist es auch das letzte Kapitel, das ich am häufigsten angepasst habe.

Wir haben dafür auch den Redaktionsschluss immer weiter nach hinten geschoben, um möglichst aktuell zu bleiben. Mir war es trotz dieses Balanceaktes wichtig, die Kovač-Zeit bereits mit aufzunehmen, weil ich glaube, dass man hier schon Schlüsse ziehen kann, was für die Zukunft des Klubs wichtig ist. Dafür spielt auch immer die Vergangenheit eine Rolle. Typisch für mich dürfte auch sein, dass ich die erzählerische Klammer im Prolog und Epilog erst sehr spät eingefügt habe. Einleitung und Schlussteil sind in längeren Texten häufig das, was ich zum Schluss nochmal überarbeite. Das Buch beginnt im Olympiapark im Jahr 2018 und endet auch dort. Ich finde, dass es die Subjektivität meiner Verbindung zu dieser besonderen Ära nochmal verstärkt und direkt aufzeigt, wohin die Reise geht. Lege ich heute die erste Gliederung neben die tatsächliche Gliederung, so gibt es schon einige veränderte Punkte, aber ich lag mit meinem ersten Entwurf gar nicht so sehr daneben.

MB: Dein Buch ist nun keinesfalls eine Nacherzählung der „goldenen Ära“ des FC Bayern, sondern Du schaffst den Spagat zwischen der emotionalen Ebene, die dem Leser vermittelt, wie es war diese Zeit mit dem Triple 2013 als Höhepunkt mitzuerleben und einer sachlichen, analytischen Ebene. Wie schwer war es während des Schreibens nicht zu sehr in Richtung Emotionen zu tendieren? 

JK: Letztendlich kommt es natürlich darauf an beides auszubalancieren. Nur wenige Leute werden eine wissenschaftliche Abhandlung zu diesem Thema über 200 Seiten lesen wollen. Genauso würden 200 Seiten pure Emotionen aus meiner Sicht auch keinen großen Mehrwert bieten und nicht dem entsprechen, wofür ich als Autor stehe. Ich habe mit diesem Balanceakt versucht, sowohl die eine Seite als auch die andere Seite so zu vereinen, dass einige Taktik-Nerds vielleicht sagen: „Wow, an der Stelle hat er mich aber mit seinen Emotionen gepackt. Ist ja auch mal ganz schön.“ Und vielleicht sagt ein*e Leser*in, der*die mit Taktik gar nichts am Hut hat jetzt ja auch, dass es mal ganz interessant war, den Einstieg in dieses Thema zu finden.  

MB: Die taktische Komponente ist ein wichtiges Element in deinem Buch. Es gibt sowohl Fußballfans, die sich für die einzelnen, kleinteiligen taktischen Elemente interessieren als auch diejenigen, die damit eher wenig anfangen können. Wie „einfach“ ist es auch kompliziertere taktische Details verständlich zu formulieren, damit sie für Jedermann zugänglich sind?

JK: Der Meister dieser einfachen Beschreibung von komplexen taktischen Themen ist Tobias Escher. Von ihm kann man viel lernen. Ich versuche mich dahingehend auch weiterzuentwickeln. Deshalb ist mir das Feedback von meinem Umfeld auch immer wichtig. Bei der Arbeit am Buch habe ich regelmäßig mein Manuskript an zwei enge Begleiter meiner noch jungen schriftstellerischen Laufbahn geschickt – klingt fast so, als wäre das bereits mein Hauptberuf, aber da bin ich weit von entfernt. Jedenfalls war für mich deren Feedback immer eine Art Standortbestimmung, weil ich dadurch wusste, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Das Schönste und gleichzeitig Zeitintensivste an der Arbeit war aber die Recherche. Gespräche mit Journalist*innen, das Ansehen von dutzenden alten Spielen der Bayern, das Lesen von alten Artikeln – das hat schon sehr viel Spaß gemacht.

MB: Wenn du die gesamte Ära, die im Buch thematisiert wird, noch einmal Revue passieren lässt: Welche Momente sind für dich speziell hervorzuheben, mal abgesehen vom Wembley, dem Höhepunkt? Welche anderen Momente, Spiele oder Szenen kommen dir sofort in den Sinn, die eine besondere Bedeutung hatten?

JK: Sicherlich Louis van Gaals Verpflichtung, Robberys erstes großes Auftrumpfen gegen Wolfsburg, das erste Champions-League-Finale seit 2001 gegen Inter, die tollen Tore auf dem Weg dort hin, auch das Entscheidungsspiel gegen Juventus – das waren schon spezielle Momente allein in der Saison 2009/2010. Es folgten zwei schwierigere Jahre, die aber ebenso dazu gehören: Die Trennung von van Gaal, die Vize-Triple-Saison mit dem Tiefpunkt im Finale Dahoam, dann natürlich das Triple, die überragende Guardiola-Zeit mit den Spielen gegen Manchester City, AS Rom und Atlético Madrid, in denen Bayern nah an der Perfektion Fußball spielte.

(Photo by Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Die Supercup-Revanche gegen Chelsea, aber auch einzelne Momente, in denen man die Spieler einfach nur in ihrere Trauer oder bei ihrer Titelparty beobachten konnte. Es gab viele schöne Vertragsverlängerungen und auch Abschiedsmomente. Beispielsweise Philipp Lahm und Pep Guardiola Arm in Arm nach dem Pokalfinale 2016. All diese Momente geben einem als Fan viel. Wenn diese Ära an einer Sache nicht arm ist, dann an besonderen Ereignissen. Vermutlich könnte ich noch ein Buch damit füllen.

MB: Abschließend: Was würdest du sagen, warum sollte man als Fan des FC Bayern dieses Buch lesen? Und warum ist es auch für andere Fußballinteressierte spannend zu lesen?

JK: Als Fan des FC Bayern sollte man dieses Buch lesen, wenn man nochmal mitgenommen werden möchte auf eine ganz besondere Reise. Ich möchte mich hier als Autor auch gar nicht zu sehr in den Mittelpunkt stellen. Die Reise kommt bei den ganz persönlichen Erinnerungen der Lesenden von ganz allein. Und das wirklich Schöne ist, dass jede*r da eine andere Reise antritt. Ich bin lediglich der Begleiter. Ich versuche, einen Rahmen zu bieten, in dem diese Reise stattfinden kann. Natürlich versuche ich dabei auch zu erklären, warum die Bayern in dieser Ära so erfolgreich waren. Auf diese Frage gibt es viele Antworten. Mein Buch stellt dabei eine Diskussionsgrundlage dar. Ich äußere Meinungen und analysiere aus meiner Perspektive heraus. Das schließt andere Perspektiven aber nicht aus.

Andere Fußballinteressierte sollten dieses Buch lesen, wenn sie sich für die taktisch-strategische Entwicklung des FC Bayern in den Jahren zwischen 2009 und 2018 interessieren und wissen wollen, was alles gut lief – so ganz unabhängig vom Bayern-Dusel. Da gibt es sicherlich einige Kapitel, die auch für Nicht-Bayern-Fans sehr spannend sind. Aber es ist ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass sie in anderen Kapiteln auch ein bisschen was aushalten müssen, wenn sie mit dem FC Bayern gar nichts anfangen können.  

(Photo by Alex Livesey/Getty Images)

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