Juventus und Andrea Pirlo: Anfang von etwas Großem oder Tristesse 2.0?

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Seit dem Beginn der Saison 2020/21 ist Andrea Pirlo Trainer von Juventus Turin. Der ehemalige Weltklasse-Mittelfeldspieler trat eine schwere Aufgabe an, obwohl die Bianconeri zuvor neunmal in Folge den Scudetto gewannen. Das Zwischenfazit ist durchwachsen, aber das hat gute Gründe. 

  • Juventus: Schwachstellen auf allen Ebenen
  • Andrea Pirlo: Noch nicht mehr als Ansätze
  • Nur die Coppa Italia kann die Saison retten

Juventus: Das große Ziel namens Henkelpott

Der prestigeträchtigste Titel im italienischen Fußball, der Scudetto, ging in den letzten Jahren regelmäßig an Branchenprimus Juventus. Die Vecchia Signora feierte neunmal in Folge die Meisterschaft in der Serie A. Und doch stellte sich ein Gefühl der Unzufriedenheit ein. Nationale Dominanz reichte den Verantwortlichen nicht. Wer in der Lage ist, eine der größten Ligen Europas nach Belieben zu dominieren, der musste auch in der Champions League nach dem größten Erfolg streben können. Seit 1996 warten die Bianconeri auf diesen großen Moment.

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Trainer wie Carlo Ancelotti, Fabio Capello, Didier Deschamps, Claudio Ranieri, Antonio Conte und Massimiliano Allegri versuchten ihr Glück, doch alle scheiterten am Unterfangen „Henkelpott.“ Zugegeben, die Mannschaft zählte nicht immer zu den Topfavoriten auf diesen Titel, das Ausscheiden war aber nicht selten mit einer gewissen Tragik verbunden. Wie ungeduldig die Verantwortlichen bei Juventus mittlerweile sind, zeigt die größere Fluktuation auf dem Trainerposten. Auf Allegri folgte Sarri, auf ihn folgte nach nur einer Saison der aktuelle Trainer: Andrea Pirlo (41). Der ehemalige Weltklassemittelfeldspieler sollte eine neue Ära einläuten.

Pirlo und Juventus: Rückschritt statt Fortschritt?

Viel Erfahrung als Trainer brachte Pirlo nicht mit. Dafür eine unverwechselbare Aura, die ihn schon als Spieler umgab. Die Zwischenbilanz des neuen Trainers nach einem Großteil der Saison ist aber überschaubar. In der Champions League schied Juventus erneut früh aus. Gegen den FC Porto war nach Hin- und Rückspiel in der Verlängerung des Achtelfinales Schluss. Cristiano Ronaldo (36), Topstar der Alten Dame, wartet also weiterhin auf seinen Erfolg in der Champions League mit Juventus. Wie schon in den Vorjahren, als gegen Olympique Lyon respektive Ajax Amsterdam die Mission Henkelpott früh beendet war, fehlte es an Durchschlagskraft und die Mannschaft machte zu viele Fehler.

Überraschend ist das Abschneiden in der Liga. Vor dem Turin-Derby am 29. Spieltag belegt Juventus nur Platz drei. Zwar haben die Bianconeri noch ein Spiel in der Hinterhand, gleiches gilt aber auch für Tabellenführer Inter, der zehn Punkte Vorsprung hat. Der Scudetto ist kein realistisches Ziel mehr, lediglich in der Coppa Italia kann die Saison noch mit einem Titel versüßt werden. Dort bekommt es Juventus im Endspiel mit der Offensivpower von Atalanta zu tun. Die Frage, die sich nun stellt, liegt auf der Hand: War die Pirlo-Verpflichtung und die bisherige Saison ein Rückschritt für die Alte Dame? Einfach zu beantworten ist die Frage nicht, denn viele Faktoren spielen dabei eine Rolle.

Juventus fehlt es an Konstanz

Ein Faktor, der sehr wichtig ist, ist die fehlende Konstanz. In den letzten Jahren spielte Juventus die Gegner nicht gerade reihenweise in Grund und Boden, gewann aber die wichtigen Spiele. 1:0, 2:1, 2:0 – diese Ergebnisse fuhr die Vecchia Signora regelmäßig ein, wenn es wichtig war. 1:1 gegen Crotone und Hellas, nur ein Punkt in zwei Spielen gegen Benevento, eine 0:3-Pleite gegen die Fiorentina: Die Zahl der Spiele, in denen Juventus sich selbst Probleme bereitet hat, ist groß. So ist der Rückstand in der Serie A zu erklären. 

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Dass die Pirlo-Elf in der Lage ist, punktuell noch immer gute Leistungen zu zeigen, stellte sie unter anderem beim 3:1-Sieg bei Milan im Januar unter Beweis. Das ist allerdings die Ausnahme. Als es gegen Porto in der Champions League wichtig wurde, traf nicht einmal Cristiano Ronaldo. Die Abhängigkeit vom Portugiesen ist ein weiterer Faktor, denn er alleine kann eine Mannschaft, in der mehrere Elemente nicht stimmen, auch nicht alleine zu Erfolgen führen. 

Juventus: Andrea Pirlo genießt das Vertrauen

Leise Kritik an Andrea Pirlo kam in den letzten Wochen und Monaten auf. Doch jegliche Spekulationen wurden durch Pavel Nedved (47), den Vizepräsidenten des Klubs, im Keim erstickt. „Pirlo ist und bleibt Trainer von Juventus, 100 %. Wir haben ein Projekt angefangen und wussten, dass es Schwierigkeiten geben kann. Das war alles abzusehen. Wir haben einen neuen Trainer und er hat alles, um ein großer Trainer zu werden“, teilte der Tscheche zuletzt mit.

Die Verantwortlichen tun gut daran, Pirlo mit dem nötigen Vertrauen auszustatten. Denn auch wenn der Trainer selbst noch in einem Entwicklungsprozess steckt und nicht alles richtig gemacht hat, sind die Probleme anderweitig größer. Gefordert ist vor allem Fabio Paratici (48), der Sportdirektor der Alten Dame. Paratici gilt als Fachmann und ist gut vernetzt, aber auch dafür verantwortlich, dass sich die Kaderstruktur in den letzten Jahren nicht ideal entwickelt hat.

Das große Problem mit der Zusammenstellung des Kaders

Dabei waren nicht alle Entscheidungen unklug. Cristiano Ronaldo zu verpflichten, wenn sich die Chance bietet, ist zum Beispiel durchaus plausibel. Ihm muss nur ein homogener Kader zur Seite gestellt werden. Es existieren einige Positivbeispiele, bei denen Juventus in den letzten Jahren klug gehandelt hat. Mathijs de Ligt (21) von Ajax zu verpflichten war eine sehr gute Entscheidung. Weston McKennie (22), der von Schalke 04 kam, entpuppte sich als Überraschung. Die 14 Millionen Euro für Wojciech Szczesny 2017 sind ebenfalls als guter Deal zu bezeichnen.

Dem gegenüber stehen aber auch Ausgaben von weit mehr als 100 Millionen Euro für Gonzalo Higuain, Marko Pjaca, Mario Lemina und weitere Spieler, die nur kurz oder gar keine Rolle spielten. Überdies schien es in den letzten Jahren gängige Praxis zu sein, ablösefreie Spieler für das Zentrum zu verpflichten. Emre Can (27) kam aus Liverpool, spielt längst nicht mehr für Juventus, Aaron Ramsey (30) wird mit einem Abgang in Verbindung gebracht und Adrien Rabiot (25) hatte ebenfalls Probleme, sich zurecht zu finden.

Entscheidend ist in jedem Fall, dass der Kader nicht auf jeder Position den Ansprüchen genügt. Eine klare, unverwechselbare Philosophie ist nicht zu erkennen. Ein gutes Beispiel dafür ist, dass Ballbesitzfanatiker Maurizio Sarri kein Team zusammengestellt werden konnte, mit dem der typische, sarrieske Fußball in Perfektion gespielt werden konnte. Dass das Endprodukt in diesem Fall nicht ideal war, verstand sich von selbst. Unabhängig davon, ob es menschlich zwischen Sarri und der Vecchia Signora nicht stimmte.

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Viele Baustellen im kommenden Sommer

Konkret fallen mehrere Baustellen auf. Mit Alex Sandro (30) steht nur ein hochkarätiger Außenverteidiger im Aufgebot, auch wenn Danilo (29) und Juan Cuadrado (32) ihre Sache weitgehend gut machen. Dem Mittelfeldzentrum fehlt es noch immer an einem einheitlichen Konzept. Wofür will Juventus stehen? Arthur Melo (24), der aus Barcelona kam und technisch versiert ist, benötigt eigentlich einen weiteren spielstarken Spieler im Zentrum. Doch der Hang zu vielen Box-to-Box-Playern, die das Spiel automatisch mit einer gewissen Hektik ausstatten, lastet dieser Mannschaft schon seit geraumer Zeit an. 

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Ein zuverlässiger und stabiler Innenverteidiger neben de Ligt wäre für die Alte Dame auch eine Option. Das ist eine Baustelle für den Sommer, denn Giorgio Chiellini (36) und Leonardo Bonucci (33) werden nicht jünger. Sieht man Cristiano Ronaldo als Zielspieler im Offensivbereich, so fehlt es an adäquaten Flügelspielern. Dejan Kulusevski (20) zeigt gute Ansätze, aber nicht mehr. Das gleiche sagt man seit Jahren vom mittlerweile 27-jährigen Federico Bernardeschi. Einzig bei Federico Chiesa (23) ist ein Leistungssprung erkennbar. Hinzu kommt die seit Monaten offene Zukunft von Paulo Dybala (27), dessen Vertragsverlängerung auch von Woche zu Woche mal weniger, mal mehr wahrscheinlich sein soll. 

Pirlo benötigt Zeit, Juventus einen klaren Plan

Alle Verantwortlichen bei Juventus sind also gefordert. Der Wunsch der Bianconeri nach Kontinuität kann nur mit einer klaren Linie erreicht werden. Das bedeutet, dass man Andrea Pirlo die nötige Zeit geben muss, seinen Spielstil zu entwickeln und zu implementieren. Gleichzeitig muss die sportliche Leitung diesen Kurs mitgehen und dem Trainer die dafür notwendigen Spieler zur Verfügung stellen. Dabei geht es nicht um hochgradig kostspielige Transfers, sondern Systemspieler, die ihre Rolle einnehmen können. Manuel Locatelli (23, Sassuolo) ist einer dieser Spieler, die mit Juventus in Verbindung gebracht werden. Er könnte wichtige Elemente in das Mittelfeld einbringen, den Kader zudem verjüngen.

Existiert ein klarer Plan, den alle Beteiligten mitgehen, ist es in jedem Fall einfacher, Juventus wieder zu einer eigenen, typischen Identität zu verhelfen. Das fängt bei Pirlo an, geht über Paratici bis hin zu Vizepräsident und Präsident. Juventus ist ein großer Name, der gerade einen Rückschritt zu machen scheint. Dass dieser aber notwendig sein kann, um gemeinsam stärker aus der Situation hervorzugehen und langfristig einen Fortschritt zu machen, steht außer Frage.

Manuel Behlert

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Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.

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