Samstag, Oktober 31, 2020

Cuauhtemoc Blanco: Der beste Mexikaner aller Zeiten

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Viele Fußballnationen haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten mehrere große Spieler hervorgebracht, wirkliche Legenden findet man aber nicht in dieser Häufigkeit. Identifikationsfiguren, die über Jahre konstant auf hohem Niveau spielen und Kultstatus entwickeln, existieren eher selten. Cuauhtemoc Blanco war ein Spieler, der die Massen in seinen Bann ziehen konnte. Er war der beste mexikanische Fußballer aller Zeiten.

Wir schreiben den 17. Juni 2010 in Polokwane, Südafrika. Cuauhtemoc Blanco wird bei der mexikanischen Nationalmannschaft eine halbe Stunde vor dem Spielende für Guillermo Franco eingewechselt. Ein erfahrener, aber sichtlich gealterter Spieler betritt den Rasen, ein bisschen zu viel schwitzend, ein wenig zu gut genährt und zu wenig athletisch für jemanden, der gegen die Fußballgroßmacht Frankreich jetzt entscheidende Akzente setzen soll. Nur wer diesen Spieler nicht kennt, hat Zweifel an seinem Einfluss. Allerdings kennt ihn jeder.

Doch wer war dieser Spieler mit dem komplizierten Vornamen? Was zeichnete Cuauhtemoc Blanco aus, nach dem sogar ein ganz spezieller Trick benannt ist? Und warum ist er auf der ganzen Welt bekannt, obwohl er im europäischen Fußball nur eine kleine, kurze, kaum notierte Duftmarke hinterließ?

(Photo by TOSHIFUMI KITAMURA/AFP via Getty Images)

Cuauhtemoc Blanco: Die Anfänge

Geboren wurde Cuauhtemoc Blanco Bravo am 17. Januar 1973 in Mexiko-Stadt. Im Alter von 19 Jahren debütierte der Offensivspieler in der höchsten mexikanischen Spielklasse, stand ab 1992 beim Club America, dem erfolgreichsten Verein Mexikos, unter Vertrag. Allerdings erlebte der Club in den ersten Jahren, in denen sich Blanco einen Namen machte, eine kleine Durststrecke, nachdem 1992 noch der Titel im CONCACAF Champions Cup, also der Champions League Nord- und Mittelamerikas, eingefahren werden konnte. 

Schon früh zeigte sich, dass der Angreifer, der gerne als hängende Spitze, zu Anfangszeiten seiner Karriere aber auch als Antreiber im offensiven Mittelfeld spielte, vielseitige Qualitäten mitbringt. Blanco war kein begnadeter Sprinter oder Dauerläufer, aber er wusste, welche Räume er besetzen muss, wie er Mitspieler in Szene setzen oder selbst zum Abschluss kommen kann. Und er hatte den Schalk im Nacken, hatte Spaß am Fußball und zeigte das auch. Mit Kabinettstückchen, die nicht immer notwendig gewesen wären, verzückte er die Fans, häufig trug er ein Lächeln im Gesicht. Und das bis zum Ende seiner Karriere.

Blanco wird Nationalspieler – und mehr!

Schritt für Schritt entwickelte sich Blanco zu einem sehr wichtigen Spieler für Club America, was auch dem Verband nicht verborgen blieb. 1995 absolvierte Blanco schließlich sein erstes Länderspiel beim 1:0 im Testspiel der mexikanischen Elf gegen Uruguay. Dieses Spiel sollte der Anfang einer großen Karriere in der Nationalmannschaft sein. Zu dieser Zeit überragte Blanco keinesfalls, er war ein guter Fußballer, der bei den Fans beliebt war, aber nicht jemand, der die Spiele reihenweise für seine Mannschaft entschied.

Im Januar 1996 feierte der Offensivspieler dann seinen ersten wichtigen Titel. Mit der Nationalmannschaft konnte die Kontinentalmeisterschaft von Nord- und Mittelamerika (besser bekannt als Gold-Cup) gewonnen werden. In der Gruppenphase schlug Mexiko Guatemala und St. Vincent, im Halbfinale erneut Guatemala, im Finale gab es einen 2:0-Sieg gegen Gastteilnehmer Brasilien. Mexiko qualifizierte sich für den 1997 ausgetragenen Confed-Cup in Saudi-Arabien, welcher das zweite „große“ Turnier von Blanco werden sollte, aber weniger erfolgreich endete. 

In der Nationalmannschaft ein Held

Auch 1998 gewann Blanco mit Mexiko den Gold-Cup, 1999 stand also erneut der Confed-Cup auf dem Programm. Und wieder wurde ein Finale gegen Brasilien ausgetragen. Die brasilianische Mannschaft, mit Spielern wie Dida, Conceicao, Serginho, Zé Roberto oder Ronaldinho prominent besetzt, biss sich in einem munteren Spiel an Mexiko die Zähne aus. Mit 4:3 schlugen die Mexikaner die Selecao, Blanco erzielte das wichtige und vorentscheidende 4:2 höchst selbst. 

Bereits zuvor, im Sommer 1998, spielte Cuauhtemoc Blanco bei der Weltmeisterschaft in Frankreich eine große Rolle: Im Auftaktspiel gegen Südkorea bereitete er einen Treffer vor, gegen Belgien erzielte er sogar sein erstes Tor bei einer WM. Im Achtelfinale musste Mexiko allerdings gegen Deutschland den Kürzeren ziehen, die erste Weltmeisterschaft verlief also eher unspektakulär. Dennoch wurde schon in dieser Zeit am Legendenstatus des Angreifers gearbeitet. 

(Photo by PATRICK HERTZOG/AFP via Getty Images)

Der Spaßfußballer stoppte die Bälle teilweise mit dem Rücken, Hackentricks waren keine Seltenheit. Und: Er verzückte die Zuschauer bei der Weltmeisterschaft 1998 mit einem Trick, dessen Namensgeber er später wurde: Dem Cuauhtemiña. Dabei klemmt sich Blanco den Ball zwischen den beiden Füßen ein, um anschließend über einen grätschenden oder durch zwei antrabende Gegenspieler hindurch zu springen. Zuerst zu sehen war dies beim Spiel gegen Südkorea, als er zwei Gegenspieler an der Eckfahne verdutzt zurück ließ.

Die großen Titel mit dem Verein konnte der Offensivspieler nicht gewinnen. 1999 wurde er allerdings mit 16 Treffern Torschützenkönig in der mexikanischen Liga, ein wichtiger Individualtitel für Blanco, der während seiner Laufbahn nahezu in jeder Saison konstant das gegnerische Tor traf.

Das gescheiterte Europa-Experiment

Einen sehr großen Abschnitt seiner Karriere verbrachte Blanco beim Club America in Mexiko. Doch im Jahr 2000 versuchte er, in Europa Fuß zu fassen. Die fußballerischen Qualitäten hatte er, Blanco war technisch sehr stark und brachte die nötige Kreativität mit. Was ihm aber selbst zu besten Zeiten fehlte, war die letzte Entschlossenheit, das Fünkchen Disziplin, das aus einem guten einen noch besseren Fußballer machen kann. Dass er immer wiederkehrende Gewichtsprobleme und ein höchstens durchschnittliches Sprinttempo durch Spielintelligenz kaschieren konnte, spricht für ihn.

Doch zurück zum Abenteuer Europa. Blanco zog es in die spanische Liga, er schloss sich auf Leihbasis für Real Valladolid an. Eine Knieverletzung bereitete ihm Probleme, insgesamt spielte er nur in 23 Ligaspielen für den Klub. Es folgte die Rückkehr nach Mexiko – und eine sehr ereignisreiche Zeit. Nach einer erneuten Leihe innerhalb Mexikos gewann Cuauhtemoc Blanco mit dem Club America 2005 den Meistertitel in Mexiko, 2006 wurde der Titel im CONCACAF Champions Cup eingefahren. Sportlich war dies der Höhepunkt, wenngleich noch herausragende Momente folgen sollten.

Blanco: Auch im Alter noch eine Symbolfigur

Seine Karriere als Vereinsfußballer blieb turbulent. 2007 wechselte Blanco in die USA zu Chicago Fire, es folgten Stationen bei Santos Laguna, Veracruz, Irapuato, Dorados de Sinaloa, Lobos de la BUAP und Puebla FC, wo er 2015 im stolzen Alter von 42 Jahren seine Karriere beendete. Interessanter ist jedoch der Blick auf die Karriere in der Nationalmannschaft. Ein Schlüsselerlebnis – im negativen Sinne – war die Weltmeisterschaft 2006. Wir erinnern uns, Blanco befand sich auf dem Zenit seines Schaffens, wurde aber nicht für das Turnier in Deutschland nominiert.

(Photo by ALFREDO ESTRELLA/AFP via Getty Images)

Dabei war der Angreifer gerade erst um vierten Mal zu Mexikos Fußballer des Jahres gewählt worden. Das Problem: Blanco war bei Nationaltrainer Ricardo La Volpe in Ungnade gefallen, die Karriere als Nationalspieler drohte ohne Happy End ihren Abschluss zu finden, denn er beendete seine Karriere in der Landesauswahl. Doch die Laufbahn des Cuauhtemoc Blanco deutete darauf hin, dass es das nochnicht gewesen sein kann. Und es kam, wie es kommen musste: Mit 37 Jahren nahm der “Oldie” nach dem Rücktritt vom Rücktritt noch einmal an einem großen Turnier teil, spielte in Südafrika sogar eine gute Rolle.

Und hier schließt sich der Kreis, wieder sind wir am 17. Juni 2010 angekommen: Blanco wird, wie eingangs erwähnt, eingewechselt – beim Stand von 0:0 zwischen Mexiko und Frankreich. Zwei Minuten später erzielt Chicharito das 1:0 für die Mexikaner, etwas später wird ihnen ein Elfmeter zugesprochen. Blanco tritt an, verwandelt und sorgt für den 2:0-Endstand.

 (Photo by OMAR TORRES/AFP via Getty Images)

Und irgendwie trug dieses Turnier, bei dem er in allen drei Gruppenspielen auf dem Platz stand, fast noch mehr zu seinem Legendenstatus bei als die Erfolge und Auszeichnungen Jahre zuvor. Der Routinier schleppte sich über den Platz, wirkte nach dem Aufwärmen bereits erschöpft, aber er hatte in seiner Karriere immer diese eine Gabe. Egal wann, egal wo: Der Angreifer, der mit fortschreitendem Alter noch weniger aktiv die Beteiligung am Spielgeschehen suchte, konnte mit einer Aktion das gesamte Spiel auf den Kopf stellen. Mit einer Annahme, Weiterleitung oder einem Schuss wurde plötzlich alles anders.

Für Mexiko spielte er in seiner Karriere 122-mal, zuletzt in einem Freundschaftsspiel gegen Israel im Jahr 2014, mit 41 Jahren. In seinem Abschiedsspiel blieb er – zumindest was den Torerfolg angeht – ungekrönt. Der König Mexikos war er allerdings zuvor schon.

Die Karriere nach der Karriere

Cuauhtemoc Blanco ist der drittälteste Torschütze bei einer WM-Endrunde, spielte trotz sichtbarer Verschleißerscheinung Anfang seiner Dreißiger-Jahre noch sehr lange Fußball, ist Namensgeber eines Tricks und hat für seine Fähigkeiten insgesamt viel zu wenige Titel gewonnen. Doch sollte die Geschichte hier enden, würde etwas fehlen. Dem ist aber glücklicherweise nicht so. Denn was macht ein langjähriger Fußballer, wenn er seine Karriere hat? Richtig, er geht in die Politik. Nein? Cuauhtemoc Blanco tat genau dies.

Er trat 2015 bei der Bürgermeisterwahlen Cuernavaca an – und gewann. Sicherlich auch aufgrund seiner großen Popularität. Blanco kündigte an, dass er einiges ändern wolle. Angesichts hoher Kriminalität und Korruption war dies ein schwieriges Unterfangen, insbesondere als politischer Newcomer. Schnell gab es Gegenwind für Blanco, später wurde es noch dramatischer. Blanco wurde – durch die Aussagen des Täters – dem Auftrag des Mordes an Geschäftsmann Juan Manuel Garcia Bejarano bezichtigt, stritt dies aber vehement ab. Er sprach in der Folge nie viel über Politik, teilte lediglich mit, dass er den Menschen helfen wolle. Und offensichtlich kam diese Botschaft an, denn seit 2018 ist Blanco Gouverneur des Bundesstaates Morelos. Und wer ihn kennt, der weiß: Diese Geschichte ist noch immer nicht zu Ende. 

(Photo by MARTIN BERNETTI/AFP via Getty Images)

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