Samstag, Dezember 5, 2020

FC Bayern | Ein Jahr Hansi Flick: Mit Menschlichkeit und Akribie an die Spitze

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Vor genau einem Jahr übernahm Hansi Flick (55) den FC Bayern. Als er kam, hechelte die Mannschaft der nationalen und internationalen Konkurrenz hinterher. Ein Jahr später ist er Trainer einer unnachgiebigen Siegesmaschine, die quer durch Europa pflügt.

Bochum und Frankfurt: Als das Münchener Fass überlief

Es war der 29. Oktober 2019, beim FC Bayern war nach dem glücklichen 2:1 in Bochum in der zweiten Pokalrunde maximaler Druck an allen Ecken und Enden. Der damalige Sportdirektor und heutige -vorstand Hasan Salihamidžić (43) sagte in einem Interview, er sei “nur da, um da zu sein”. Mit beißender Ironie sprach er von einem “top, top, Abend” und davon, dass man den Gegner “hergespielt” hätte. Zudem blockte er jede Frage nach einer Partie, in der die Münchener 80 Minuten lang vor sich dilettierten, rigoros ab, um das Interview nicht noch legendärer werden zu lassen, als ohnehin schon. Man sah ihm jedoch deutlich an, dass es in ihm brodelte und der Vulkan jeden Moment ausbrechen könnte. Zum Schluss meinte er noch: “Gottseidank gibt’s ein Spiel in drei Tagen”.

Dieses fand im Waldstadion zu Frankfurt statt – und war für die Münchener ein einziger Vollwaschgang. Schon nach acht Minuten sah Jérôme Boateng (32) aufgrund einer Notbremse gegen Gonçalo Paciência nach Rücksprache mit dem VAR glatt rot, in der Folge überrollte die Eintracht den Rekordmeister. Filip Kostic (28/25. Minute), Djibril Sow (23/33′), David Abraham (34/49′), Martin Hinteregger (28/61′) und eben Gonçalo Paciência (26/85′) sorgten für einen großen Nachmittag der SGE, Robert Lewandowski (32/37′) gelang lediglich der zwischenzeitliche Anschlusstreffer. Der Endstand: Eintracht Frankfurt 5, FC Bayern 1. Rumms.

Für die Münchener war es die höchste Bundesliganiederlage seitdem ein gewisser Grafite ihre Hintermannschaft 2009 zum Tänzchen bat und gleichzeitig wettbewerbsübergreifend das erste Spiel seit dem 2:5 im DFB-Pokalfinale 2012 gegen Borussia Dortmund, in dem sie fünf Gegentore kassierten. Wer diesen Verein auch nur ansatzweise kennt, der weiß, dass solche Niederlagen kurz- bis mittelfristig Konsequenzen nach sich ziehen.

Hansi Flick: Mehr, als nur eine Interimslösung

Schon in den Wochen und Monaten zuvor stand Niko Kovac (49) stark in der Kritik. Ausbleibende Ergebnisse, spielerisch enttäuschende Vorstellungen, dazu hatte er den Rückhalt der Mannschaft durch mehrfache unglückliche Äußerungen verloren. So sagte er, angesprochen auf das Pressing von Liverpool und Jürgen Klopp (53), man könne nicht mit einer Mannschaft 200 km/h fahren, wenn sie nur 100 schaffen. Eine der größeren Fehleinschätzungen der jüngeren Fußballgeschichte. Zudem degradierte er Thomas Müller (31) öffentlich zum Notnagel. Zuletzt wichen auch die Münchener Fans von seiner Seite, als Kovac die der Eintracht als “die besten der Liga” adelte. Seine Reputation und Zukunft in München, sie hing an dem seidensten aller Fäden. Daher war es nach dem 1:5 in Frankfurt für Fans wie Experten eine Frage der Zeit, bis der Verein in den sozialen Medien die entsprechende Pressemitteilung veröffentlichen würde.

(Photo by Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

Zur Überraschung aller kam man aber zum Schluss, dass man Kovac noch die beiden darauffolgenden Spiele gegen Olympiakos Piräus und Borussia Dortmund geben wolle. In der anschließenden Länderspielpause konnte man in Ruhe potentielle Nachfolger sondieren. Doch wie so oft im Fußball kam es erstens anders und zweitens, als man denkt. Noch am gleichen Abend setzten sich Kovac und die Vereinsführung erneut zusammen und kamen zu der Entscheidung, dass eine Trennung für alle Seiten die beste Lösung sei. Wild wurde über Nachfolger diskutiert. Massimiliano Allegri (53)? Arsène Wenger (71)? Die besten Karten schien Ajax-Coach Erik ten Hag (50) zu haben. Interimsweise übernahm jedoch Hansi Flick (55) die Mannschaft. Noch im Sommer 2019 war er als Co-Trainer gekommen, nachdem sich Peter Herrmann (68) aufs Altenteil zurückzog.

“Die beiden Spiele gegen Olympiakos und Dortmund sind die Ziellinie”, so der Grundtenor. Doch nachdem der FC Bayern besagte Gegner 2:0 und 4:0 besiegte, wurde aus zwei Spielen “bis auf Weiteres”.

Der Wendepunkt an der Stamford Bridge

Zwar wurden nach Bundesliganiederlagen gegen Leverkusen (1:2) und in Gladbach (1:2) auch bezüglich einer Weiterbeschäftigung von Flick kritische Stimmen laut, als der Verein als Tabellensiebter sieben Punkte Rückstand auf den Spitzenreiter vom Niederrhein hatte. Doch Siege gegen Bremen (6:1), in Freiburg (3:1) sowie gegen Wolfsburg (2:0) ließen auch diese verstummen. Am 1. Februar, dem 20. Spieltag übernahm der FC Bayern durch ein 3:1 in Mainz wieder die Tabellenführung und gab diese bis Saisonende nicht mehr her.

Eine Prüfung galt es für Hansi Flick jedoch noch zu bestehen: Er musste zeigen, dass er auch auf europäischer Ebene liefern kann. Die Gelegenheit dazu bekam er an der Stamford Bridge. Es war das erste Aufeinandertreffen in der Königsklasse zwischen Chelsea und dem FC Bayern seit dem Finale 2012. Diesmal mit besserem Ausgang für die Münchener. Nach einem Doppelpack von Serge Gnabry (25) sowie einem weiteren Treffer von Robert Lewandowski schenkte der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge (65) Flick zum 55. Geburtstag auf dem Bankett einen Stift mit der Anmerkung, man würde damit Papiere unterschreiben.

Der Rest ist bekannt. Flick und die Münchener gewannen neben der Meisterschaft und dem DFB-Pokal nach der Coronapause auch die Champions League und komplettierten so das zweite Triple der Vereinsgeschichte. Ein Jahr nach seiner Einstellung lesen sich Hansi Flicks Zahlen noch immer surreal: 47 Spiele, 43 Siege, ein Unentschieden, drei Niederlagen, 154 erzielte Tore und ein Schnitt von 2,77 Punkten pro Spiel. Nach einem Jahr stehen für ihn mehr Titel (fünf), als nicht gewonnene Spiele (vier) zu Buche. In allen Wettbewerben wohlgemerkt.

Flicks Mix beflügelt Bayern

Es sind aber nicht nur die nackten Zahlen, die Flicks herausragende Arbeit unterstreichen. Innerhalb dieses einen Jahres ist es ihm gelungen, praktisch jeden seiner Spieler auf ein neues Level zu heben. Robert Lewandowski erzielte in der abgelaufenen Königsklassenspielzeit so viele Tore (15), wie sonst nur Cristiano Ronaldo (35), legte jedoch auch fünfmal auf. Zudem ist er viel mehr ins Bayern-Spiel eingebunden und lässt sich auch tiefer fallen, um selbiges anzukurbeln.

Thomas Müller ist unter Flick wieder Thomas Müller, trifft wieder wie Thomas Müller und hält seit der vergangenen Bundesligasaison auch den Rekord für die meisten Assists innerhalb einer Spielzeit (21). 210 von 211 Nationaltrainern würden einen solchen Spieler mit Kusshand berufen. Leon Goretzka (25) kam 2018 als talentierter Box-to-Box-Spieler. Seit dieser Saison ist er für die Münchener essentiell, reißt im Mittelfeld immer wieder Lücken, erzielt selbst Tore und hat ganz vielleicht auch ein paar Kilo an Muskelmasse zugelegt. Und Joshua Kimmich (25) lässt völlig in Vergessenheit geraten, dass der FC Bayern diesen Sommer Thiago (29) nach Liverpool hat ziehen lassen. Diese Liste ließe sich mit Alphonso Davies (20), David Alaba (28), Benjamin Pavard (24), Lucas Hernández (24) oder Kingsley Coman (24) beliebig erweitern.

(Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)

Es ist bei Hansi Flick eine besondere Mischung, die auch die letzten Prozente aus dem Münchener Kader kitzelt. Einerseits ist er extrem akribisch, fordernd und auch nach guten bis sehr guten Spielen ganz gerne mal nur “zufrieden”. Andererseits hat er durch seine menschliche und nahbare Art einen guten Draht zu seinen Profis entwickelt – oder von der Weltmeisterschaft 2014 behalten. Es ist diese Mischung, die seinerzeit auch schon Ottmar Hitzfeld (71) und Jupp Heynckes (75) auszeichnete. Ergebnis bekannt.

Bayerns Methoden färben ab

Auch in dieser Saison hat Hansi Flick eine kaum zu stoppende Siegesmaschine erschaffen. Elf Spiele, zehn Siege, lediglich das 1:4 in Hoffenheim fällt aus der Reihe. Dazu erzielten sie 38 Tore und scheinen jedes noch so enge Spiel irgendwie noch auf ihre Seite ziehen zu können. Zuletzt gab es zwei 2:1-Siege bei Lok Moskau und in Köln, davor wurden Atlético Madrid sowie Eintracht Frankfurt 4:0, beziehungsweise 5:0 abgefertigt. Mit dieser Konstanz ist es schwer, die Münchener nicht als Favorit in sämtlichen Wettbewerben zu sehen.

Logisch, dass sich andere Vereine daran ein Vorbild nehmen. Beim einst glorreichen AC Mailand galt Stefano Pioli (55) lediglich als Übergangslösung, Ralf Rangnick (62) hieß ihr Wunschkandidat. Doch urplötzlich brach man die Verhandlungen ab und ließ Pioli gewähren. Mit Recht. Milan ist aktuell ungeschlagen Tabellenführer der Serie A. Angeführt von Zlatan Ibrahimovic (39) holten die Rossoneri in dieser Saison 16 von 18 möglichen Punkten. Und auch Pioli selbst lobte die Münchener. In einem Interview mit The Athletic sagte er: “Ich habe ab Januar begonnen, Bayern intensiv zu verfolgen. Ich habe zu meinen Assistenten gesagt, dass sie die Mannschaft sind, die aktuell in Europa den besten Fußball spielt. Es ist ein sehr intensiver und aggressiver Spielstil.”

Diesen Sommer kehrte Philippe Coutinho (28) nach einjähriger Leihe zum FC Barcelona zurück. Auch den Katalanen fiel auf, dass er beim FC Bayern etwas Zeit im Kraftraum verbracht zu haben schien. Das haben sie wohlwollend registriert und planen nun, Toptalent Pedri (17) ähnlich zu entwickeln, berichtet die Sport.

Es war bei Weitem kein normales Jahr für den FC Bayern. Nach dem 1:3 zuhause gegen Jürgen Klopp und den FC Liverpool wurde öffentlich die Frage gestellt, ob die Münchener den Anschluss an Europas Spitze nicht gänzlich verloren hätten. Nun sind sie selbst genau dort. Die Entscheidung für Hansi Flick war eine umsichtige und in höchstem Maße zukunftsweisende. Auch Klopp selbst konstatierte nach Bayerns Champions-League-Sieg im ZDF: “Mehr Geschichte in acht Monaten zu schreiben, ist schwierig”. Aktuell spricht wenig dafür, dass diese Geschichte schon zu Ende erzählt ist.

(Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)

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Victor Catalina

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