Mittwoch, August 12, 2020

“Salary Cap” und Co. – Ist das die Zukunft des Fußballs?

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Die Fußballwelt, vor allem in Deutschland, scheint so gespalten wie selten zuvor. Das Lager der Befürworter des Re-Starts auf der einen Seite, die Gegner dessen auf der anderen. Trotzdem scheint bei einem Thema Einigkeit zu herrschen: Die Fußball-Branche muss sich ändern.

Dabei werden vor allem ein so genannter “Salary Cap” und eine Deckelung der Ablösesummen bei Spielertransfers als mögliche Lösungen ins Spiel gebracht. Doch sind diese Instrumente wirklich zielführend? Das versuchen wir im Folgenden für euch zu diskutieren.

Das “Salary Cap” in der MLS

Blicken wir zunächst einmal auf das Konzept des “Salary Cap”, das vor allem im US-Sport, u.a. auch in der Major League Soccer (MLS), Anwendung findet. In der MLS darf deshalb jedes Team/je Franchise maximal 4,9 Millionen US-Dollar für Spielergehälter aufwenden. Zudem darf ein Spieler maximal 612.500 US-Dollar an Gehalt beziehen, während das Minimum auf 81.375 US-Dollar festgelegt ist. So weit, so gut. Doch es wird noch komplizierter.

Das Salary Cap gilt nämlich nur für die Spieler 1-20 im sogenannten “Senior Roster”, wobei ein Verein nicht alle 20 Plätze besetzten muss, Platz 19 und 20 können frei bleiben, um den ersten 18 Spielern höhere Gehälter zahlen zu können. Darüber hinaus darf ein Verein maximal 30 Spieler melden, wobei für die Spieler 21-30 nochmal bestimmte Anforderungen gelten. Die Spieler 21-30 fallen aber nicht unter das Salary Cap. Außerdem gibt es auch noch die sog. “Designated Players” (max. drei pro Club), die mehr als das Gehaltsmaximum verdienen dürfen. Sie werden aber i.d.R. mit dem Maximalgehalt von 612.500 US-Dollar in das Salary Cap eingerechnet, auch wenn sie in Wirklichkeit deutlich mehr verdienen.

(Photo by Alex Menendez/Getty Images)

Das ist ganz grob die Umsetzung dieses Konzepts in der MLS, ohne näher auf die Details eingehen zu wollen. Dabei fällt aber schon auf, dass die Regel zu einem gewissen Grad ausgehöhlt worden ist, um die Liga wettbewerbsfähiger zu machen. Nichtsdestotrotz erscheint es ein durchaus wirkungsvolles Instrument zu sein, um die Gehälter besser kontrollieren zu können. Dass sich die Vereine daran halten und nicht versuchen diese Regeln zu umgehen, liegt in erster Linie an der besonderen Organisation der Liga.

Knackpunkt Interessenkonflikt

Die Liga lässt sich nämlich durchaus mit einer Genossenschaft vergleichen, sie ist im Grunde ein Zusammenschluss der Club-/Franchise-Eigner, die wiederum eine Art Interessengemeinschaft bilden – geht es der Liga gut, geht es den Eignern gut. Dadurch, dass die Liga geschlossen ist und es somit keinen Abstieg gibt, ist der eventuelle sportliche Misserfolg der eigenen Franchise zudem nicht unbedingt dramatisch. Außerdem sind die Spieler auch nicht beim Verein selbst, sondern bei der Liga angestellt, was natürlich eine Kontrolle der Einhaltung der Regeln deutlich erleichtert und einem “moral hazard” vorbeugt.

Schon aufgrund dieser völlig anderen Ausgangslage, ist es nahezu unmöglich (oder zumindest unsinnig) dieses Prinzip so nach Europa zu überführen. Durch die Möglichkeit des sportlichen Auf- und Abstiegs (inkl. der Qualifikation für europäische Wettbewerbe) und des damit zusammenhängenden sportlichen Erfolgsdrucks, ist die Versuchung die etwaige Regeln zu umgehen einfach zu groß. Außerdem dürfte es für die betreffenden Vereine auch sehr leicht sein diese zu umgehen.

Einfache Schlupflöcher

Nur mal ein paar Optionen: Viele Spieler haben eigene Unternehmen für ihre “Image Rights”, ihre Vermarktungsrechte, gegründet, um steuerliche Vorteile zu generieren. Das wiederum könnte man natürlich nutzen, um Werbedienstleistungen an den Verein zu verkaufen, der dem Spieler so indirekt ein höheres Gehalt anbieten kann. Eine andere Möglichkeit wäre der Weg über Dritte, also z.B. über einen Sponsoren des Vereins, der dem Spieler Geld zukommen lässt, möglicherweise auch im Gegenzug für “Werbung” oder ähnliches.

Ein naheliegendes, anschauliches Beispiel: Puma ist Ausrüster und Shareholder von Borussia Dortmund. Marco Reus ist Spieler und Kapitän von Borussia Dortmund und hat seinerseits auch einen Ausrüstungsvertrag mit Puma, das ihn wiederum als Testimonial einsetzt. Der BVB hat ein Interesse daran Marco Reus zu halten, Puma hat ein Interesse daran, dass er beim BVB spielt, somit ist es naheliegend, dass Puma sein Gehalt “bezuschussen” könnte. Ein Verstoß gegen Regeln wäre hier nicht leicht nachzuweisen.

(Photo by Ronny Hartmann/Bongarts/Getty Images)

Andere Optionen, wie Anschlussverträge für einen Posten nach der Karriere oder die Anstellung eines Familienangehörigen in einer anderen Position, usw., wären natürlich ebenfalls denkbar und würden die Regeln genauso wertlos machen. Das größte Problem liegt somit offensichtlich im Interessenkonflikt. Dem wird auch nicht so leicht beizukommen sein, vor allem weil es sicherlich auch nicht wünschenswert ist, dass auch hier geschlossene Ligen etabliert und Vereine in privatisierte Franchises umgewandelt werden.

Financial Fair Play

Ein weiteres Problem in diesem Kontext ist sicherlich auch das europäische Arbeitsrecht, dass die Möglichkeiten Gehälter einzugrenzen stark einschränkt. In dem Kontext sollte man sich auch sicherlich die Frage stellen, ob es sinnvoll wäre, die Fußball-Branche, die nun mal zwangsläufig in die vorherrschende Marktwirtschaft eingebettet ist, aus dem marktwirtschaftlichen Kontext herauszulösen. An dieser Stelle wird oftmals hervorgebracht, dass ja auch die Managergehälter in der “freien Wirtschaft” begrenzt worden seien. Diese Begrenzung wird allerdings von jedem Unternehmen selbst festgelegt. Eine vergleichbare Regelung würde höchstwahrscheinlich wenig Erfolg mit sich bringen, zumal es ja bereits jetzt möglich ist, dass Vereine interne Limits formulieren, was auch einige Vereine sinnvollerweise tun.

Eine andere Möglichkeit die Gehaltsausgaben stärker zu kontrollieren könnte der Weg über das “Financial Fair Play” sein. Das FFP der UEFA könnte allerdings nur einen Teil dieses Instruments stellen, da der Einfluss der UEFA im Grunde auf die Europapokal-Teilnehmer begrenzt ist. Es müssten dementsprechend auch auf nationaler Ebene vergleichbare Instrumente etabliert werden.

So machen es England und Spanien

Und tatsächlich gibt es diese auch schon. In der englischen Premier League gibt es beispielsweise das sog. “Short Term Cost Control (STCC)”. Das besagt, vereinfacht, dass die Vereine jährlich maximal sieben Millionen Pfund, plus die ggf. erzielten Zuwächse in Spieltags- und Werbeeinnahmen, sowie den durchschnittlichen Gewinnn aus Spielertransfers der vergangenen drei Saison, mehr für Gehälter aufwenden dürfen. Für die Aufsteiger gilt unterdessen ein fixes Maximum, das in der Saison 2018/19 beispielsweise bei 81 Millionen Pfund lag.

In der spanischen La Liga setzt man unterdessen auf festgelegte, maximale Gehaltsbudgets, die aus den Umsätzen der jeweiligen Vereine abgeleitet werden. Die Folge: In der Saison 2018/19 durfte der FC Barcelona insgesamt ca. 624 Millionen Euro für Gehälter ausgeben, während Valladolid dafür nicht mal 24 Millionen Euro zur Verfügung hatte. Oder anders ausgedrückt: Barça durfte mehr als 80 Millionen Euro mehr für Gehälter ausgeben, als die unteren 12 (!) Vereine zusammen. So werden die bestehenden Verhältnisse zunehmend zementiert und die gläserne Decke für die Verfolger wie Sevilla, Valencia oder sogar Atlético Madrid wird mehr und mehr zu Beton.

(Photo by LLUIS GENE/AFP via Getty Images)

Auch solche Mittel erscheinen also mehr als ungeeignet zu sein, vor allem, weil sie der stetigen Steigerung der Gehälter auch nur wenig entgegenzusetzen hatten. Der Fairness halber sollte allerdings auch erwähnt sein, dass diese Instrumente in erster Linie Insolvenzen und finanzielle Probleme verhindern und nicht unbedingt die Ausgeglichenheit erhöhen sollten.

Die Deckelung der Ablösesummen

Demzufolge braucht es in diesem Zusammenhang zwingend neue Regelungen, um die Gehaltsausgaben schrittweise (anders dürfte es nicht möglich sein) zu reduzieren. Um das aber wirklich realisieren zu können, braucht es (positive) Anreize, die die Vereine dazu bringen, dass sie sich freiwillig darum bemühen, und Solidarität in der Branche. Beides wird nicht leicht zu erreichen sein.

Auch die Deckelung von Ablösesummen dürfte nicht allzu leicht umsetzbar sein, da auch hier etliche juristische Fragestellungen geklärt und Loopholes geschlossen werden werden müssten. Nichtsdestotrotz erscheint hier eine Lösung deutlich eher greifbar zu sein. Denkbar wäre beispielsweise die verpflichtende Einführung von Ausstiegs-Klauseln, nach spanischem Vorbild. Dass heißt, dass bei jedem Vertragsschluss eine Summe festgelegt werden muss, die es dem Spieler ermöglicht den Vertrag einseitig, gegen die Zahlung einer gewissen Summe, zu kündigen. Diese Summe müsste dann bei der jeweiligen Liga hinterlegt werden, damit der aufnehmende Verein, der i.d.R. die entsprechende Summe bezahlt, die Registrierungsrechte des Spielers bekommen kann.

Nur in Kombination sinnvoll

Um die Ablösesummen tatsächlich deckeln zu können, müssten dann aber natürlich auch für die Ausstiegs-Klauseln entsprechende Maximal-Summen festgelegt werden. Denkbar wäre hier zum Beispiel eine direkte Verknüpfung zum Gehalt und zur restlichen Vertragslaufzeit. Eine ähnliche Regelung sieht auch der Artikel 17 des FIFA-Transfer-Reglements vor. Diese Norm könnte in diesem Zusammenhang von Interesse sein, um eine weltweite Deckelung zu erreichen. Allerdings braucht es auch dazu Initiative, Solidarität und viel juristische Arbeit.

Nach dieser Betrachtung steht also für mich fest, dass eine Deckelung von Ablösesummen nur in Kombination mit einer Gehaltsbegrenzung wirklich sinnvoll sein kann, insbesondere auch im Hinblick auf Handgelder/”Signing Sees” und so weiter. Der Weg dahin wird wohl ein langer und ein schwieriger werden, bei dem es vor allem auf die Bereitschaft der Akteure und auf Augenmaß (gilt nicht für die juristische Präzision) ankommen wird.

Was passiert mit dem Geld?

Doch selbst wenn die Gehälter und Ablösesummen begrenzt werden könnten, bleibt doch die Frage zurück, was mit dem eingesparten Geld passieren würde. Es erscheint mir mehr als unrealistisch zu sein, dass die Ticketpreise, die TV-Abos und die Merchandising-Artikel wirklich bedeutend günstiger werden würden. Es wäre zumindest sehr untypisch, dass Unternehmen freiwillig auf Geld verzichten, dass sie eigentlich sicher einnehmen könnten. Mit einem wirklichen Einbruch der Nachfrage würde ich nämlich nicht rechnen.

Daher bleibt für mich die Befürchtung zurück, dass das Geld einfach in die Taschen der Eigentümer wandern würde. Im Falle der mitgliedergeführten Vereine wäre das sicherlich weniger tragisch, doch das ist die Minderheit. Die Mehrzahl ist anders aufgestellt, sodass das Geld dann vermutlich doch bei den privaten Investoren, egal ob nun Privatperson oder Unternehmen, landen würde. Das würde wiederum dazu führen, dass das nun viel lukrativere Geschäft Profi-Fußball noch mehr “klassische” Investoren, die in erster Linie darauf aus sind Profite zu erzielen, anziehen würde, was den Fußball sicherlich nicht wirklich näher zu seinen viel zitierten Werten bringen würde.

Ist das Geld bei den Spielern doch besser aufgehoben?

Wenn ich ganz ehrlich bin, wäre es mir, im Vergleich dazu, deutlich lieber, wenn das Geld bei den Spielern, die am Ende des Tages die Attraktion darstellen, bleibt. Ohnehin gibt es auch einige Gründe dafür, dass die Spieler das Geld durchaus verdient hätten, als Schmerzensgeld (für langfristige, körperliche Beeinträchtigungen), als Entschädigung für den Verzicht, den sie in ihrer Jugend und während ihrer Karriere in Kauf genommen haben, und für den Verzicht auf die Privatsphäre, die aufgrund ihrer Popularität extrem eingeschränkt ist. Auch vielleicht als Entschädigung für die Beschimpfungen, Anfeindungen und den Druck, den sie Aushalten müssen.

Und vielleicht gönnt man es auch dem einen oder anderen, der es aus den schlechtesten Verhältnissen an die Weltspitze gebracht hat. Nicht zuletzt sollte man auch nicht vergessen, dass die Aussicht auf großen Reichtum und die Berühmtheit auch ein wesentlicher Treiber dafür ist, dass es für viele Kinder und Jugendliche so erstrebenswert ist Profi-Fußballer zu sein. Die großen Summen, die in diesem Zirkus bezahlt werden, sind also auch gewissermaßen ein Teil der Faszination.

(Photo by Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images)

Gesellschaftliche Verantwortung als Schlüssel?

Doch vielleicht gibt es auch noch andere Möglichkeiten. So könnte man zum Beispiel versuchen die Einnahmen bzw. den Überschuss fairer zu verteilen. Man könnte versuchen größere Anteile der Einnahmen aus der Vermarktung der Übertragungsrechte an den Unterbau, die unteren Ligen (inkl. dem Amateurfußball), zu geben, um dort zu helfen. Gewissermaßen als Anerkennung der Arbeit, die dort geleistet wird und die letztendlich auch der Spitze zugute kommt.

Außerdem wäre es sicherlich sinnvoll das gesellschaftliche Engagement stärker in der Lizenzierung zu verankern. So könnte man beispielsweise festschreiben, dass jährliche eine bestimmte Summe für soziale und gesellschaftliche Projekte aufzuwenden ist. Oder man versucht es positiver, indem ein Teil der TV-Einnahmen anhand von Kriterien, die eben auf dieses gesellschaftliche Engagement abzielen, verteilt. Das wäre eine Möglichkeit, wie der Profi-Fußball etwas zur positiven Entwicklung der Gesellschaft beitragen und somit auch seine Akzeptanz in der Gesellschaft erhöhen könnte.

Die letztgenannten Maßnahmen wären in meinen Augen sehr wünschenswert, doch es ist ein langer Weg dahin. Auch wenn sicherlich erwähnt sein sollte, dass viele Bundesliga-Clubs ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bereits durchaus mit starken Projekten gerecht werden.

Zusammenfassend lässt sich aber festhalten, dass es keine einfache Lösung geben wird. Die Vorschläge, die momentan des öfteren kursieren, stellen, zumindest meiner Meinung nach, keine ausreichenden Lösungen dar. Eine einfach Lösung zu erwarten wäre, angesichts der Komplexität des Problems, auch völlig falsch. Mir wäre es daher ein Anliegen, dass das im öffentlichen Diskurs auch anerkannt wird.

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(Photo by Simon Hofmann/Bongarts/Getty Images)

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