Dienstag, Dezember 1, 2020

Tottenham | Ein Jahr Mourinho: Die Spurs vor den Wochen der Wahrheit

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Chris McCarthy
Chris McCarthy
Chefredakteur

News | Nach acht Spieltagen der Saison 2020/2021 steht Tottenham Hotspur auf Rang zwei der Premier League. Die Arbeit von José Mourinho trägt Früchte, doch wie gut sind die Spurs wirklich?

Tottenham: Ein Jahr José Mourinho

Am 20. November 2020 wird José Mourinho genau ein Jahr bei Tottenham Hotspur im Amt gewesen sein. Als der Portugiese kam, standen die Spurs nach zwölf Spieltagen lediglich auf Platz 14 der Premier League. Ein Jahr später grüßt das Team aus London von Rang zwei.

In einer Spielzeit, in der Titelverteidiger Liverpool Souveränität und Glück offenbar ausgehen, Manchester City nicht richtig in Fahrt kommt und auch die anderen üblichen Verdächtigen aus den sogenannten Top-Six mit Problemen zu kämpfen haben, sind es Tottenham und Leicester, die für Furore sorgen. Auch wenn Mourinho öffentlich nichts davon wissen möchte, machte die BBC die Spurs vor der Länderspielpause nun zu einem Titelanwärter. Doch wie gut sind sie wirklich?

Mourinho und Tottenham: Mit wenig Glanz zurück in die Spur

Als José Mourinho vor einem Jahr im Norden Londons als neuer Trainer vorgestellt wurde, war die Erwartungshaltung gemischt. Optimisten glaubten noch immer an den ehrgeizigen Portugiesen, der mit Porto und Inter die Champions League gewann und in vier Ländern Meister wurde. Kritiker verwiesen auf die letzten fünf Jahre, in denen der launische 57-Jährige eher durch knackige Sprüche als durch taktische Meisterleistungen von sich Reden machte. Bei seinen letzten beiden Stationen Chelsea und Manchester United hatten seine pragmatischen Mittel an Wirkung verloren und Mourinho somit an Magie.

Doch mit genau diesem Pragmatismus führte Mourinho die mental wir körperlich ausgelaugte Mannschaft von seinem Vorgänger Mauricio Pochettino 2019/2020 in ruhigere Gewässer. Er führte sie zurück zu den Basics. Tottenham verteidigte kompakter, zerstörte mehr und verließ sich im Angriff auf gnadenlose Effizienz. Nur Manchester City, Liverpool und Chelsea holten bis Saisonende mehr Punkte, der Champions-League-Finalist sicherte sich nach dem Horror-Start so zumindest einen Platz in der Europa League.

Zweifel in Hinblick auf die Saison 2020/2021 gab es im Norden Londons und auf der Insel dennoch. Denn die Spurs rissen spielerisch keine Bäume heraus. Laut expected Goals holten sie elf Punkte mehr, als sie gemessen an erspielten und zugelassen Torchancen eigentlich hätten holen dürfen. Es schien, als würden einzig Heung-min Son und Harry Kane die Mannschaft tragen und mannschaftliche Defizite kaschieren.

Tottenham 2020/2021: Mehr als nur Son und Kane?

2020/2021 herrscht auf den ersten Blick ein unverändertes Bild bei Tottenham. Kane und Son haben 15 der insgesamt 19 Treffer beigesteuert. Nur drei Tore fielen ohne direkte Beteiligung der englisch-südkoreanischen Kombination. Und dennoch ist einiges anders. Die Spurs sind nicht mehr “nur” pragmatisch und reaktionär. Sie haben im Schnitt den fünftmeisten Ballbesitz, pressen deutlich mehr als Mourinho-Teams der letzten Jahre und liegen auch in Sachen exptected Points (17 zu 15.56 xPts) voll im Soll. Zahlen, die den visuellen Eindruck bestätigen.

Mourinho hat mit der Hilfe von Linksverteidiger Sergio Reguilón, Rechtsverteidiger Matt Doherty, Mittelfeldmann Pierre-Emile Höjbjerg und Rückkehrer Gareth Bale Schwachpunkte adressiert, sich punktuell verstärkt und eine ausbalancierte Mannschaft geschaffen. Die Defensive vor dem reflexstarken Torhüter Hugo Lloris lässt die viertwenigsten Chancen der Premier League zu. Der Mourinho-typische, eisenharte Mittelfeldblock um die Zweikämpfer Moussa Sissoko und Höjbjerg lässt gegnerische Kreativzentren nicht zur Entfaltung kommen. Mit Dynamik, dem Support der Außenverteidiger und dem Taktgefühl des revitalisierten Tanguy Ndombele oder Kreativgeist Giovani Lo Celso wird das Angriffsspiel ankurbelt.

Son und gerade Kane sind dennoch von elementarer Bedeutung, allerdings nicht nur als reine Vollstrecker. Denn trotz des homogenen Gerüsts fehlte es speziell aufgrund der läuferischen Defizite bei Problemkind Dele Ali an einem Bindeglied zum Angriff. Hier wurde Mourinho erfinderisch und funktionierte Kane kurzerhand von einem Knipser zu einem Spielmacher um. Der Engländer lässt sich oft tief fallen, setzt somit seine unterschätze Spielintelligenz ein und die pfeilschnellen Son, Bale oder Lucas Moura in Szene. Selbst an einem spielerisch schlechten Tag, können die Spurs somit blitzschnell für Torgefahr sorgen. Beispiel: Das 5:2 beim FC Southampton, als Kane gleich vier Mal für Son vorlegte. Kane hat nach acht Spieltagen acht Vorlagen auf dem Konto, was schon jetzt seinem Bestwert für eine Saison entspricht.

Tottenham: Mourinho back to the roots?

Doch wie aussagekräftig sind diese ersten Eindrücke, besser gesagt die 17 Punkte und Rang zwei? Ein Blick auf die letzten acht Spiele zeigt, dass mit Manchester United lediglich ein Gegner von Rang und Name bezwungen wurde. Und dieser implodierte regelrecht, als sie von der schonungslosen Lillywhites-Lawine mit 6:1 überrollt wurde.

Das Duell gegen Everton wurde mit 0:1 glanzlos verloren, das Southampton-Spiel (5:2) war deutlich knapper als das Ergebnis vermuten lässt. Gegen Newcastle gab es ein 1:1, gegen West Ham wurde sogar eine 3:0-Führung verspielt. Doch gerade dieses frustrierende Ergebnis gegen die Hammers am fünften Spieltag führte zu mehr Balance, einem defensiveren Tottenham, einem Mourinho-Team der alten Schule. Schossen die Spurs in den ersten fünf Spielen 7,4 Mal pro Spiel aufs Tor, wurden es danach 3,7. Aus 2,3 expected Goals pro Partie wurden 1,4. Die folgende Spiele gegen (allesamt schlagbare) Gegner wurden deutlich unspektakulär angegangen aber letztendlich allesamt verdient gewonnen: 1:0 bei Burnley (18.), 2:1 gegen Brighton (16.), 1:0 bei West Brom (18.).

“Wir haben den Schmerz gegen West Ham gespürt”, sagte Mourinho nach dem WBA-Spiel und erklärte: “Seitdem verhält sich die Mannschaft aus strategischer Sicht anders. Die weißen Westen bei Burnley und West Brom zeigten die Lektion: Eine Mannschaft, die in den letzten fünf Minuten sehr solide war. Es sieht so aus, als hätte der Schmerz einen positiven Effekt gehabt und das Team davon profitiert.”

(Photo by DAVE THOMPSON/POOL/AFP via Getty Images)

Tottenham und Mourinho vor den Wochen der Wahrheit

Die Erkenntnis, dass man sich auf die Defensive verlassen kann und auch weniger Chancen genügen, wenn man vorne einen Kane und einen Son hat, könnten in den kommenden Wochen von großer Bedeutung sein. Binnen sechs Wochen stehen Aufgaben gegen Manchester City, Chelsea, Arsenal, Liverpool und Leicester an. Alles spielstarke Mannschaften. Allesamt Mannschaften, gegen die Tottenham unter Mourinho im Vorjahr einen defensiveren Ansatz wählte und wohl wieder wählen wird. Im Schnitt hatten die Spurs unter der Leitung des Portugiesen gegen diese Teams 2019/2020 nur 38% Ballbesitz. Die Ausbeute: Zehn von 18 Punkten, also 1,67 Punkte pro Spiel. Hält dieser Schnitt – und man gewinnt dazwischen gegen Crystal Palace – stünde Tottenham nach 14 Spieltagen bei 28 Punkten. Im Vorjahr wäre das gleichbedeutend mit Platz vier gewesen, 2018/2019 sogar nur Rang sechs.

Tottenham tut sich 2020/2021 gegen kompakte Gegner immer noch etwas schwer, das Spiel zu bestimmen, hat allerdings Wege gefunden, in diesen Spielen als Sieger vom Platz zu gehen. Wie gut die Spurs nach einem Jahr unter Mourinho wirklich sind, werden allerdings erst die Duelle mit den Top-Teams der Premier League zeigen. Schneiden die Spurs gegen diese Kaliber besser ab als im Vorjahr, könnten sie sogar ein Titelanwärter sein. Schneiden sie ähnlich oder schlechter ab, werden sie wohl wie erwartet um einen Platz in den Top-Four kämpfen. Nach den kommenden Wochen der Wahrheit wissen wir mehr.

Chris McCarthy

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(Photo by ADAM DAVY/POOL/AFP via Getty Images)

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