Donnerstag, Mai 28, 2020

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Spotlight | Seit mehr als sieben Jahren ist der FC Bayern inzwischen Deutscher Meister. Kinder, die heute in die erste Klasse gehen, haben gar keinen anderen Meister als die Münchner erlebt. Vor einigen Jahren war das noch anders, 2004 triumphierte Werder Bremen mit einem aus heutiger Sicht erstaunlich zeitgemäßem Spielstil im Münchner Olympiastadion.

Die Ausgangslage

Im Vorjahr noch auf Tabellenplatz sechs gelandet, galt Werder im Sommer 2003 erneut als Aspirant auf den UEFA Cup. Seit dem 16. Spieltag, als man das Spitzenspiel in Leverkusen mit 3:1 gewann und sich als Tabellenzweiter beim Dritten durchsetzte, führte der SVW durchgehend die Tabelle an. Bremen stand bereits am vierten und achten Spieltag an der Spitze, hielt sich dort aber nur für jeweils eine Woche.

Die Niederlage, die Werder am neunten Spieltag von der Spitze stieß, ein 1:3 gegen den VfB Stuttgart, war bis zum Duell mit dem FC Bayern die letzte gewesen. Werder war zu dem Zeitpunkt 26 Pflichtspiele ungeschlagen. In der Liga trat man konstant auf und hatte zudem das DFB Pokal-Finale erreicht. Das Prunkstück des Tabellenführers war der Sturm, 73 Tore hatten die Bremer in nur 31 Ligaspielen erzielt. In der Vorwoche fegte man beispielsweise mit 6:0 über den Nordrivalen HSV hinweg.

(Photo by Friedemann Vogel/Bongarts/Getty Images)

Ein Spiel, über das sich Uli Hoeneß besonders geärgert hatte. Bayerns Manager warf den Hamburgern Wettbewerbsverzerrung vor, er vermutete einen Komplott der beiden Nordclubs. Hoeneß empfand das Verhalten vom HSV als schändlich und verglich die Situation mit dem vorletzten Spieltag der Saison 92/93, als Bremen in Hamburg 5:0 gewann und die Bayern auf der Zielgeraden überholte. Der Manager sagte außerdem, die Bayern wollten den SV Werder niedermachen – eine klare Kampfansage gen Norden.

Hoeneß ist in seiner Zeit als Manager gerne verbal in den Angriff gegangen, wenn der Rekordmeister einer Mannschaft hinterher lief, was auf eben diese Spielzeit zutraf. Die Bayern hatten bei drei verbleibenden Partien sechs Punkte Rückstand. Ein Sieg gegen Werder war daher Pflicht, wenn man weiter im Rennen um die Schale sein wollte.

Der “Kugelblitz” und ein genialer Zehner

Die Bayern zeigten sich in der Woche vor dem Gipfeltreffen also angefressen und angriffslustig, während Bremen noch von dem Rausch des Derby-Sieges zehrte. Diese beiden Stimmungslagen entsprachen irgendwie auch sinnbildlich der bisherigen Saison. Werder Bremen begeisterte mit furiosem Angriffsfußball. Top-Stürmer Ailton, der sich sowohl durch sein hohes Tempo, als auch durch seine körperliche Robustheit auszeichnet, was ihm den Spitznamen “Kugelblitz” einhandelt, überragt mit 28 Saisontoren und wird Torschützenkönig.

(Photo by Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Von sechs Jahren an der Weser, wird sein letztes das persönlich und mannschaftlich Erfolgreichste. Dies galt ebenso für seine gesamte Karriere. Ailton war ein sensibler Spieler. In Bremen fühlte er sich unter Thomas Schaaf pudelwohl und bereute noch während der titelbringenden Bremer Rückrunde, sich bereits vorher für einen Wechsel zum FC Schalke im Sommer 2004 entschieden zu haben.

Ailton wirbelte gemeinsam mit Sturmpartner Ivan Klasnic die Abwehrreihen Deutschlands durcheinander: Während der Kroate viele Wege ging, stand Ailton im Ballbesitzspiel häufig richtig, brillierte beim schnellen Bremer Umschalten aber durch sein Tempo. Klasnic bewegte sich insgesamt mehr, war aber noch nicht die Art mitspielender Stürmer, wie man ihn heutzutage kennt. Trotzdem ergänzte er sich gut mit Ailton, gemeinsam trifft das Duo in dieser Spielzeit 41 Mal, Klasnic bereitete zudem starke elf Tore vor.

In Szene gesetzt wurden beide Stürmer von Johan Micoud. Der offensive Mittelfeldspieler hatte die Fähigkeit, häufig den richtigen Pass zu spielen. Der Franzose lenkte das Spiel und leitete es. Micoud gab den Takt an, nahm das Tempo raus oder erhöhte es mit seinen Pässen. Seine feine Technik machte es seinen Gegnern außerdem schwer, ihn vom Ball zu trennen. Micoud war ein Spieler für die besonderen Momente, vor allem lieferte er in dieser Spielzeit aber konstant.

(Photo by Martin Rose/Bongarts/Getty Images)

Bayerns Saison hinter den eigenen Ansprüchen

Den zweitstärksten Sturm der Liga hatte zu diesem Zeitpunkt der FC Bayern. Einerseits eine gute Marke mit 66 Toren, andererseits eben nicht gut genug. Seit dem 19. Spieltag standen die Bayern auf dem zweiten Rang. An der Tabellenspitze stand der Titelverteidiger über die gesamte Spielzeit nicht ein einziges Mal.

Gerade Auswärts verloren die Münchner zu häufig, insgesamt fünfmal, dazu gesellten sich acht Unentschieden. Die Mannschaft war mit Stars gespickt, viele Spieler wurden schon im Vorjahr Meister und im Sommer kam mit Roy Makaay ein Stürmer von internationalem Format. Trotzdem schaffte es das Team von Ottmar Hitzfeld es in diesem Jahr nicht, konstant gute Leistungen zu bringen. Und wenn die Münchner mal konstant punkten wie vom zwölften bis zum 19. sowie vom 21. bis zum 28. Spieltag, wo sie jeweils acht Spiele in Folge nicht verlieren, hält Werder trotzdem den Vorsprung.

Roy Makaay war mit 23 Bundesligatoren der gefährlichste Stürmer, auch Michael Ballack überzeugte im Mittelfeld mit sieben Toren und 13 Vorlagen, genauso wie Zé Roberto, der an insgesamt 13 Treffern direkt beteiligt war.
Aber oft war es die individuelle Klasse, die den Bayern Punkte bescherte. Die Mannschaft wirkte nicht immer gefestigt – so auch am achten Mai 2004 im Olympiastadion.

(Photo by Friedemann Vogel/Bongarts/Getty Images)

Laufstarke Bremer setzen Bayern unter Druck

Die Bayern spielten in einem flach ausgerichteten 4-4-2 System, der SV Werder in seiner angestammten 4-4-2 Formation mit Mittelfeldraute. Michael Ballack und Owen Hargreaves sicherten im zentralen Mittelfeld ab, während Zé Roberto und Bastian Schweinsteiger im offensiven Mittelfeld links und rechts Impulse geben sollten.

Vorne stürmten Roy Makaay und Claudio Pizarro. In der Abwehr spielte Mittelfeldmann Jens Jeremies, obwohl mit Samuel Kuffour, Martin Demichelis und Robert Kovac drei Innenverteidiger auf der Bank saßen. Neben Jeremies stand Thomas Linke in der Startelf, in der Außenverteidigung Hasan Salihamidzic rechts und links Bixente Lizarazu. Das Tor hütete natürlich Oliver Kahn, welcher an diesen Nachmittag die entscheidende Rolle spielen sollte.

Im Bremer Tor stand Andreas Reinke und wusste die Viererkette aus Paul Stalteri, Valerien Ismael, Mladen Krstajic und dem jungen Christian Schulz vor sich. Im zentralen defensiven Mittelfeld spielte Frank Baumann, vor ihm Tim Borowski sowie Fabian Ernst, die in dieser Spielzeit zuverlässige Abräumer und Passgeber zugleich waren. Im offensiven Mittelfeld agierte Johan Micoud, vor ihm im Sturm Ailton und Ivan Klasnic.

Als Schiedsrichter Edgar Steinborn die Partie anpfiff, liefen die Bremer von Beginn an viel, stellten die Räume zu und standen insgesamt sehr offensiv. Der Spielstil erinnert aus heutiger Sicht stark an das inzwischen an vielen Orten praktizierte Pressing. Werder griff den Gegner aktiv an und schaltete nach Ballgewinn schnell um. Gerade im Mittelfeld liefen Borowski und Ernst sehr viel und Werder funktionierte als Kollektiv. Einige Spieler aus dieser Mannschaft spielten lange an ihrem Limit und kamen nach dem Titelgewinn nicht mehr an das Niveau heran.

Klasnic’ Drehung ist Kahns Dilemma

Die Entscheidung um die Deutsche Meisterschafft fiel schon in der 19. Minute. Werder konterte nach einer Ecke der Bayern und Ailton spielte einen eigentlich harmlosen Ball, der zu weit für Klasnic war. Kahn verließ seinen Kasten und musste den Ball nur in seine Arme schließen, aber in diesem Moment wurde der Titan zum Menschen.

Wie schon im WM-Finale 2002 und im Champions-League-Achtelfinale gegen Real Madrid einige Monate zuvor, unterlief Deutschlands Nummer Eins ein krasser Fehler: Der Ball sprang Kahn weg, Klasnic schaltete schnell, nutzte den Fehler und schob ins leere Tor ein. Vor dem Spiel hatte Kahn noch verlauten lassen, er würde bis Saisonende kein Tor mehr kassieren. Jetzt führte Werder und Bayerns großer Rückhalt zeigte Nerven, was die ganze Mannschaft verunsichern sollte.

 (Photo by Friedemann Vogel/Bongarts/Getty Images)

Bremens direktes Pass- und Umschaltspiel zeigte sich schon vor dem glücklichen 1:0 und machte den Bayern weiterhin Probleme. Sieben Minuten später erhöhte der Gast mit einem technisch höchst anspruchsvollem Spielzug. Im Mittelpunkt: Micoud. Baumann kam am Mittelkreis an den Ball und spielte nach außen zu Ernst. Dieser leitete den Ball dann weiter nach vorne in den Lauf von Micoud.

Der Franzose lief in den Strafraum und hob den Ball mit dem ersten Kontakt über Kahn im hohen Bogen ins Tor. In diesem Moment zeigte sich der geniale Instinkt von Micoud. Der Franzose wusste bereits dass Kahn aus seinem Tor kommt, wenige Schritte und eine einzige Ballberührung genügten ihm, um die Situation zu entscheiden. Dem schweren Münchner Fehler folgte ein Bremer Traumtor, Werder führte 2:0 und befand sich auf dem Weg zur Meisterschaft.

Die Bayern wirkten nach vorne behäbig und agierten langsam in der Rückwärtsbewegung. In der 35. Spielminute meldete sich dann auch Top-Torjäger Ailton. Der Brasilianer legte sich den Ball auf den linken Fuß am Strafraum und zirkelte diesen sehenswert ins linke obere Eck, Kahn war chancenlos. Eine Machtdemonstration.

Bayern bleibt harmlos und Werder wird Meister

Mit 3:0 ging es in die Pause, im zweiten Durchgang machte Bremen etwas weniger, doch die Bayern konnten nicht viel entgegensetzen. Kurz keimte noch einmal Hoffnung auf, als Makaay in der 56. Spielminute mit einem Distanzschuss traf. Bremen ließ insgesamt wenig zu und gewann nicht nur das Spiel, sondern auch die Deutsche Meisterschaft verdient.

(Photo by Sandra Behne/Bongarts/Getty Images)

Der Titelkampf endet mit einer grün weißen Party im Münchner Olympiastadion. Werder wird vor allem Dank mannschaftlicher Geschlossenheit und eines klaren taktischen Plans Deutscher Meister. Dass einige Spieler vielleicht über ihren Möglichkeiten gespielt haben, zeigt sich in den letzten beiden Spielen, die Werder verliert, ehe man die starke Saison mit dem DFB-Pokalsieg im Finale gegen Zweitligist Alemannia Aachen krönt.

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(Photo by Sandra Behne/Bongarts/Getty Images)

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