Samstag, März 28, 2020

Wie gut war eigentlich…? Teil 2: Tomas Rosicky

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Chris McCarthy
Chris McCarthy
Chefredakteur

Er war ein genialer Spielmacher bei Borussia Dortmund und wurde beim FC Arsenal leider von vielenVerletzungen geplagt. Wie gut war eigentlich Tomas Rosicky?

Wenn man an Tomas Rosicky denkt, kommen einem mehrere Sachen in den Sinn: Das mittellange Haar, das in dieser Form wohl nie den Einzug in einen modernen Frisurenkatalog erhalten wird. Das schlabbrige Trikot, das über der Hose hing und seinen schmächtigen Körper überdeckte. Das Schweißband am Handgelenk, das bei einstelliger Gradzahl postwendend gegen Handschuhe eingetauscht wurde. Die Außenristpässe, Weitschusstore und Tempodribblings, die gleich mehrere Gegenspieler ins Nichts schickten.

Wenn man an Tomas Rosicky denkt, schießen einem aber leider auch die unzähligen Verletzungen in den Kopf und damit ein Gedanke, den selbst der mittlerweile 39-Jährige bei seinem Karriereende 2018 nicht ausblenden konnte: „Es ärgert mich, dass ich nie dahin gekommen bin, wo ich hätte sein können.“

Rosickys Anfänge

Wie sein Vater und sein Bruder, begann auch Tomas Rosicky seine Karriere bei Sparta Prag. Dort feierte er 1998 im Alter von 18 Jahren sein Profidebüt. 1999 spielte er sich endgültig in der Mannschaft fest, die die Meisterschaft verteidigte, und wurde zum Talent des Jahres ausgezeichnet. 2000/2001 hinterließ Rosicky dann auch auf der europäischen Bühne seine ersten Duftmarken, als er in der Gruppenphase der Champions League zwei Treffer erzielte.

Das weckte europaweit Begehrlichkeiten. Bereits im Januar 2001 folgte schließlich der erste große Karriereschritt. Im Werben um Rosicky setzte sich Borussia Dortmund unter anderem gegen den FC Bayern durch und machte den Mittelfeldspieler für damals 25 Millionen Mark zum teuersten Neuzugang der Bundesliga sowie dem teuersten tschechischen Export.

“Halb Europa war hinter ihm her. Wir sind sehr stolz auf diesen Transfer”, kommentierte Dortmunds Manager Michael Meier damals. Für Rosicky, der noch im Februar 2001 sein Länderspieldebüt gab, lief alles nach Plan.

(Photo by Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images)

BVB: Vom Schnitzel zum kleinen Mozart

In Dortmund sorgte Rosicky aufgrund seiner regelrecht zerbrechlichen Figur anfangs für Skepsis unter den Anhängern. Er solle mal ein Schnitzel essen, so der Tenor von den Rängen, was zum Spitznamen „Schnitzel“ führte. Matthias Sammer, der damalige Trainer des BVB, wusste aber, was in dem 64-Kilogramm-Leichtgewicht steckte: “Einen Mann wie ihn habe ich mir gewünscht, um das Vakuum im kreativen Mittelfeld zu beseitigen”, sagte er bei der Verpflichtung.

Und siehe da, die Zweifel wichen, der Spitzname auch. Schon bald wurde aus „Schnitzel“ „kleiner Mozart“, denn die Art und Weise wie Rosicky das Spiel der Dortmunder 2001/2002 trotz seiner erst 21 Jahre dirigierte, war beeindruckend. Er zog durch sein hervorragendes Auge die Fäden im Mittelfeld, ließ seine Gegenspieler dank seiner Dynamik und engen Ballführung reihenweise stehen und setzte gerne zu einem kraftvollen Distanzschuss, den man seiner Statur nicht zugetraut hätte.

Mit wettbewerbsübergreifend sechs Toren und 15 Vorlagen in der Bundesliga sowie unzähligen Impulsen aus der Kreativzentrale hatte er einen enormen Einfluss auf den knappen Gewinn der Meisterschaft 2001/2002 und den Einzug in das UEFA-Cup-Finale, das letztendlich mit 2:3 gegen Feyenoord Rotterdam verloren ging.

(Photo by Martin Rose/Bongarts/Getty Images)

Der BVB konnte in der Folge nicht mehr an die Saison 2001/2002 anknüpfen. Auch Rosicky litt unter der sinkenden Formkurve der Mannschaft sowie nickeligen Verletzungen. Höhepunkte hab es nur noch in der Nationalmannschaft. 2004 scheiterte er mit Tschechien erst im Halbfinale der EM am späteren Europameister Griechenland.

In Dortmund dagegen wuchs der schwarzgelbe Schuldenberg inmitten der sportlichen Stagnation heran, was den Klub beinahe in die Insolvenz stürzte, und Rosicky wurde 2006 für lediglich zehn Millionen Euro an den FC Arsenal verkauft. Einen Schritt, den ihm im Revier keiner verübelte.

Spätstarter bei Arsenal

Als Rosicky im Sommer 2006 zu Arsenal wechselte, war die Erwartungshaltung hoch. Nur wenige Monate, nachdem die Gunners knapp im Champions-League-Finale dem FC Barcelona unterlagen, war er in als Teil eines Umbruchs der einzige Neuzugang.

Stützen der sogenannten Invincibles, wie Ashley Cole oder Robert Pires, wechselten, Dennis Bergkamp beendete seine Karriere. Das Geld saß allerdings nicht locker, der kostspielige Umzug in das neue Emirates Stadium wurde schließlich gerade erst vollzogen. Eine Maßnahme, die den Klub in den kommenden Jahren kastrieren würde. Tomas Rosicky stand also vom ersten Tag an unter Zugzwang.

(Photo by Alex Livesey/Getty Images)

Die Mannschaft von Arsene Wenger kam jedoch ebenso wenig wie Rosicky aus den Startlöchern. Der Techniker tat sich schwer, in der raueren Premier League zurecht zu kommen. Nach einer durchwachsenen Saison mit nur vier Torbeteiligungen folgte 2007/2008 endlich der Durchbruch.

Der Tscheche blühte auf, erzielte bis Januar 2008 fünf Tore in der Liga und verhalf Arsenal damit auf Platz eins der Premier League. Ob auswärts oder daheim, die Fans feierten ihren „Super Tom Rosicky.“ Der kleine Mozart war endlich auf der Insel angekommen, so schien es…

Ständiger Begleiter

26. Januar 2008. Arsenal schaltet mühelos Newcastle United im FA Cup aus. Einzig die frühe Auswechslung Rosickys trübte im Anschluss die Gemüter. Doch selbst das schien eine Kleinigkeit zu sein. Seine Oberschenkelverletzung sollte laut den ersten Prognosen bereits nach wenigen Tagen auskuriert sein.

Was zu diesem Zeitpunkt keiner ahnte: Rosicky würde ganze 434 Tage ausfallen und seine Karriere sich schlagartig verändern. Seine Probleme entpuppten sich als seltene Sehnenverletzung. Arsenal stürzte auf Platz vier, Rosicky verpasste die EM 2008 und nach weiteren Probleme an der Leiste sogar die komplette Saison 2008/2009. „Ich dachte, ich würde nie wieder spielen“, sagte Rosicky 2009.

Er kam zurück. Doch Verletzungen, die oftmals auftraten, als er wieder zu alter Stärke fand, würden fortan zu seinem ständigen Begleiter werden und auch sein Spiel nachhaltig verändern.

Tomas Rosicky 2.0

Es gab noch immer den ein oder anderen Weitschusshammer, beispielsweise 2014 gegen Erzrivale Tottenham, gegen den der Tscheche zur Freude der Fans besonders gerne traf. Doch das Bild des einst so dynamischen Spielmachers verblasste. Ein taktischer Spielgestalter, der fortan nur noch aus der Zentrale und eher aus der Tiefe kam, wurde geboren. Eine notgedrungene Transformation, die für Rosickys große Klasse spricht.

(Photo by Laurence Griffiths/Getty Images)

Sein Auge, seine makellose Technik, mit der er den Ball regelrecht streichelte und sein ausgezeichnetes Spielverständnis waren weiterhin da. Auch ihm war es zu verdanken, dass der im Norden Londons so zelebrierte Wengerball auch in den wechselhaften Jahren nach dem Stadionwechsel regelmäßig auf dem akkuraten Rasen des Emirates Stadiums bestaunt werden durfte.

Die Anlässe wurden jedoch eine Seltenheit. Sieben Jahre lang wehrte sich Rosicky bei Arsenal gegen seinen eigenen Körper. In den insgesamt zehn Jahren bei den Gunners absolvierte Rosicky nur 248 von knapp 400 möglichen Pflichtspielen. Er gewann bei Arsenal zwei Pokale, konnte allerdings kaum dazu beitragen.

Wie gut war Rosicky?

2016 ließ er seine Karriere bei Heimatverein Sparta Prag ausklingen, ehe er 2017 die Schuhe endgültig an den Nagel hängen musste. „Ich bin nicht mehr in der Lage, meinen Körper für den professionellen Fußball in Form zu bringen“, kommentierte der damals 37-Jährige seinen Entschluss, eine Karriere zu beenden, die aufgrund der unzähligen Verletzungen für viele als unvollendet gilt. Doch selbst unter diesen Umständen hat Tomas Rosicky der Fußballwelt seinen Stempel aufgedrückt, im Verein sowie in der Nationalmannschaft.

Er verpasste verletzungsbedingt unzählige KO.-Spiele, Finalspiele oder gar ganze Turniere (EM 2008). Dennoch war der 105-fache Nationalspieler und dreifache Spieler des Jahres über eine Dekade lang das Aushängeschuld des tschechischen Fußballs. Der ehemalige Nationaltorhüter Petr Cech adelte ihn 2018 als „einen der besten tschechischen Spieler aller Zeiten.“

(Photo by Friedemann Vogel/Bongarts/Getty Images)

Matthias Sammer, der Rosicky beim BVB trainierte, gerät noch immer ins Schwärmen, wenn er an den Spielmacher seiner Meistermannschaft denkt: „Ich finde, er war ein genialer, kreativer Spielmacher. Er war in der Lage, selbst Tore zu erzielen und in den Abschluss zu gehen. Aber noch größer war eigentlich sein letzter Pass, andere Mitspieler in Szene zu setzen, sie besser zu machen. Er war unglaublich ballsicher, seine Übersicht war überragend, er hatte immer den Kopf oben – und hat immer nach torgefährlichen Lösungen gesucht. Seine Dribblings waren unglaublich und seine Pässe auch mit dem Außenrist legendär.“

Es war immer etwas Besonderes, wenn Rosicky auf dem Platz stand, vielleicht gerade weil es zu selten war. Denn er war ein Spieler für die besonderen Momente, die wir an diesem Sport so lieben. „Wenn du Fußball liebst, liebst du Tomas Rosicky“, sagte Arsene Wenger beim Karriereende seines einstigen Schützlings. Nicht schlecht für jemanden, der nie dahin gekommen ist, wo er hätte sein können.

Chris McCarthy

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(Photo by Paul Gilham/Getty Images)

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