Hauptsache, der Ball rollt | Der Fußballjournalismus muss sich verändern!

Nachspielzeit

Eine Kolumne darüber, welche Lehren aus den nun allgegenwärtigen, aber schon seit Jahren bekannten schmutzigen Geschäften von Roman Abramowitsch für den Fußballjournalismus zu ziehen sind. Und wie er selbst von diesem blutigen Geld profitiert.


„Hauptsache, der Ball rollt“ erscheint künftig wöchentlich. Jeden Montag als Rückblick auf Verbandspolitik oder darauf, welche wechselseitigen Auswirkungen von Fußball und Politik in der vergangenen Woche wichtig waren. Um die Mär, Fußball sei unpolitisch, der noch immer einige Funktionäre hinterhersinnen, zu widerlegen.


Der Fußball ist voll von schmutzigem Geld. Spätestens seit den Sanktionen gegen Roman Abramowitsch, dem (noch) Besitzer vom FC Chelsea, ist diese Nachricht bei jedem angekommen. Sogar Markus Lanz, der dem Fußball so nahe steht wie Olaf Scholz der Ekstase, hat am Mittwoch eine Sendung dazu gemacht. Angeklagt wurden in jener Sendung, in der es um den FC Chelsea und Newcastle United ging, vor allem die Fans, denen Markus Lanz aufgrund der Trostlosigkeit des Lebens in Newcastle – ja, so hat er wirklich argumentiert und in Lanz’scher Manier nachgeschoben: „Stichwort Deindustrialisierung“ – die Fähigkeit absprach, zu hinterfragen, wo das Geld ihres Lieblingsklubs herkommt.



Autor Dietrich Schulze-Marmeling, Gast der Sendung, fügte hinzu, dass die Zuschauer während der Partie Newcastle United gegen den FC Chelsea darüber sangen, mehr Geld zu haben als der Gegner. Kurz zuvor wurde ein Video von Jürgen Klopp gezeigt, in dem er den fragenden Journalisten entgegnet: „Hat es Sie interessiert, als Roman Abramowitsch Chelsea [gekauft] hat? Hat es jemanden wirklich interessiert, als Newcastle übernommen wurde? Ist es den Fans egal? Das ist die Frage. Ich denke, es ist ziemlich offensichtlich, wo das Geld herkommt. Also wusste es jeder. Aber wir haben es akzeptiert. Das ist unsere Schuld, die Schuld der Gesellschaft.“

Die Fans und ihr Recht auf Irrationalität

In einer weniger paternalistischen Art als Markus Lanz ist dieser Anklage zuzustimmen. Zugegeben: In einer perfekten Welt sollten Fans die Übernahme ihrer Mannschaft durch blutiges Geld mit einem Boykott bestrafen. Und eine Weltmeisterschaft in Katar obendrein boykottieren. Doch seien wir mal ehrlich und hinterfragen uns selbst: Jeder von uns sollte sich kurz entsinnen, wie er zu seinem Lieblingsverein gefunden hat. Fansein ist etwas, dass sich in der Regel im frühkindlichen Alter entwickelt und für den Rest seines Lebens Teil von einem ist. Wie – etwas pathetisch ausgedrückt – eine nie endende Liebe. Es entbehrt sich oftmals jeglicher Rationalität.

Dies bestätigt sich, wenn man sich bewusst macht, was das Wort „Fan“ bedeutet. Es ist lediglich eine Abkürzung des Wortes „Fanatiker“. Einem Wort, das gleich in einem anderen, schärferen Ton erklingt und nichts anderes meint, als „jemand, der an einer Idee oder ideologischen Vorgabe unbedingt festhält, weitgehend ohne Rücksicht auf praktische Konsequenzen für ihn oder andere.“

Natürlich soll dies keine Entschuldigung für Fans sein, alles blind und unkommentiert hinzunehmen. Und glücklicherweise ist es in der Realität auch nicht so. Das Erwachsenwerden ist auch das Erlernen von Rationalität. Wohlgemerkt ohne sie je in einer sich selbst genügenden Weise zu erreichen, aber das tut hier nichts zur Sache. Jedenfalls: Ein Zugewinn an Rationalität ist auch bei Fußballfans zu beobachten. Bei manchen mehr, bei anderen weniger.

Allerdings ist es doch Hanebüchen, Fans, in Anbetracht deren Rolle im Fußball, eine allzu große Mitschuld an den schmutzigen Verfehlungen dieses Sports zuzuschreiben. Denn die Gesellschaft hat einen Berufskaste herausgebildet, deren Job es ist, Phänomene, über die sie berichten, kritisch zu hinterfragen: den Journalismus. Und innerhalb dieser Berufskaste gibt es obendrein Spezialisten – in diesem Fall die sogenannten Fußballjournalisten. Ist es nicht vielmehr deren Aufgabe, die schmutzigen Geschäfte des Fußballs aufzudecken, zu hinterfragen und immer wieder zum Thema zu machen?

„Follow the money“ gilt auch für Fußballjournalisten

Es findet statt, gewiss, aber bei Weitem nicht in dem Ausmaß, dass es den mittlerweile fast verbrecherischen Strukturen des Spitzenfußballs gerecht werden würde. Wieso dies nicht geschieht, liegt wohl daran, dass der Sportjournalismus genauso von den immer dubioser werdenden Geldgebern profitiert, wie alle anderen in dieser Branche. Er kontrolliert den Unterhaltungs-Giganten Fußball nicht, sondern ist Teil dieser Maschinerie. Stilisiert Akteure zu Helden, ohne ausreichend auf die dunklen Seiten der Akteure hinzuweisen. Die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland, die Verstrickungen des FC Bayern mit Katar und die Vergewaltigungsvorwürfe gegen Cristiano Ronaldo sind nur einige von unzähligen Beispielen. Wenn diese Themen öffentlich durchleuchtet werden, dann oftmals außerhalb des expliziten Fußballjournalismus, in den großen, allgemeinen Medien.

Innerhalb des Fußballjournalismus werden, natürlich nicht ausschließlich, aber in einem absurden Ausmaß zwei Dinge getan: Gerüchte gestreut und für Spiele geworben. Und eine Maxime steht dabei oftmals über allem: dem Fußball auf keinen Fall zu schaden. Denn wenn er dem Fußball schadet, schadet er auch sich selbst. Der Sportjournalismus ist monetär so abhängig von seinem Berichterstattaungsgegenstand wie keine andere Art von Journalismus. Denn wer nicht fußballbegeistert ist, konsumiert auch keinen Journalismus darüber. Etwas, was ihn von anderen Arten des Journalismus unterscheidet. Von dieser monetären Abhängigkeit muss sich der Journalismus allerdings lösen. Idealismus und kritisches Hinterfragen ist ihm inhärent, denn sonst ist es nichts weiter als begleitende PR.

In Anbetracht dessen, was für eine milliardenschwere Industrie der Fußball mittlerweile ist, müsste es innerhalb des Fußballjournalismus eine viel größere Anzahl an Leuten geben, die wie Wirtschaftsjournalisten arbeiten. Kritisieren und hinterfragen, statt zu schmeicheln und zu werben. Ein wichtiger Grundsatz deren Arbeit ist so einfach wie prägnant formuliert: „Follow the money!“ Ein Satz, der übrigens fälschlicherweise den Enthüllern der Watergate-Affäre Bob Woodward und Carl Bernstein zugeschrieben wird, der zum journalistischen Grundrüstzeug gehört. In seiner Wichtigkeit bei vielen Sportjournalisten aber noch nicht angekommen ist.

All dies bedeutet nicht, dass der Journalismus rund um den Fußball ausschließlich so arbeiten muss. Reportagen über die Fankultur à la „11FREUNDE“ sind unerlässlich, Analysen zu dem Geschehen auf dem Platz à la Tobias Escher und Max-Jacob Ost ebenso. Und auch vieles hier nicht erwähnte ist sicherlich wichtig. Aber vor allem das Hinterherjagen von jedem noch so kruden Gerücht und das Floskelgewitter, das sonntäglich im Doppelpass zu hören ist, sind in seiner journalistischen Relevanz zumindest zu hinterfragen. Ein Fußballjournalismus, der vor allem die wirtschaftlich motivierten Schattenseiten des Spiels beleuchtet, wäre aber bitter notwendig. Und existiert gegenwärtig in dieser Weise in einem viel zu geringen Ausmaß.

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