Hauptsache, der Ball rollt | Katar – Plötzlich Partner?

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Eine Kolumne über die neue Energiepartnerschaft zwischen Katar und Deutschland und ob diese der FIFA eine Legitimation für die Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft in dem Emirat bietet.


„Hauptsache der Ball rollt“ erscheint künftig wöchentlich. Jeden Montag als Rückblick darauf, welche wechselseitigen Auswirkungen von Fußball und Politik in der vergangenen Woche wichtig waren. Um die Mär, Fußball sei unpolitisch, der noch immer einige Funktionäre hinterhersinnen, zu widerlegen.


Hat sich Katar plötzlich verwestlicht? Diese Frage drängt sich fast auf, blickt man darauf, mit welchem Wohlwollen gegenüber dem Golfstaat Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck die neue Energiepartnerschaft zwischen Deutschland und Katar verkündete. Noch vor wenigen Monaten blickten deutsche Spitzenpolitiker vorwurfsvoll auf die FIFA. Wegen den engen Verstrickungen zwischen dem Verband und Katar.



Annalena Baerbock, die Tandempartnerin von Robert Habeck, sagte im ARD-Sommerinterview 2021 etwa: „Man muss auch Katar deutlich machen: Wenn ihr weiter die Taliban auf diese Weise unterstützt, wenn ihr weiter auf diese massive Art zu Menschenrechtsverletzungen beitragt, können wir nicht demnächst bei euch Fußball spielen.“ Armin Laschet äußerte sich gegenüber Bild-TV ähnlich. „Ich hätte sie nicht in Katar gemacht. Ich finde, Katar ist kein guter Ort für eine Fußball-Weltmeisterschaft“, sagte der ehemalige CDU-Kanzlerkandidat. Die Berliner SPD forderte sogar ganz offiziell den Boykott der Weltmeisterschaft. In einem Antrag aus dem Dezember heißt es: „Ein Sport und insbesondere das finanzielle Geschäft damit darf nie höher gestellt werden als Menschenrechte.“

Dass ganze Mannschaften das Turnier boykottieren werden, da sind sich alle einig, wird nicht passieren. Auch dass namhafte Spieler das Turnier verweigern, ist weitgehend unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher und oft diskutiert wurde jedoch etwas anderes: ein politischer Boykott des Turniers durch die deutsche Bundesregierung. Ist ein solcher nun – in Anbetracht der neuen Eintracht zwischen Katar und Ampel-Regierung – überhaupt noch realistisch? Und wieso wäre ein solcher, auch wenn es nichts an dem Faktum ändert, dass dieses Turnier dort stattfinden wird, wichtig?

Der verheerende Status quo in Katar

Dazu ist es zunächst nötig, sich die Menschenrechtsverletzungen Katars nochmal zu vergegenwärtigen. Ausführungen, die ewig sein könnten. Zwei Felder, die häufig hervorgebracht werden, sind die verheerende Situation für Frauen und die schrecklichen Arbeitsbedingungen der Gastarbeiter. Ein 94 Seiten langer Bericht von „Human Rights Watch“ bezeichnete Frauenrechte als „stark eingeschränkt“. In der Ehe etwa können Frauen als „ungehorsam“ eingestuft werden, wenn sie ohne die Erlaubnis ihres Mannes, arbeiten, verreisen, das Haus verlassen oder ohne „triftigen Grund“ Sex verweigern. Die Vormundschaft von Frauen liegt bei ihren Ehemännern. Während Frauen selbst keine Vormundschaften übernehmen dürfen. Nicht mal für ihre eigenen Kinder. Selbst nicht, wenn der Vater des Kindes verstorben ist. Hat das Kind keinen männlichen Vormund, übernimmt die Regierung Katars diese Rolle.

Eine Vormundschaft für ihre eigenes Leben, das haben auch Gastarbeiter in Katar nicht. Wenn sie etwa ihren Arbeitgeber wechseln wollen, können sie von diesem wegen „Entlaufens“ angeklagt und anschließend verurteilt werden. Zudem hängt das Aufenthaltsrecht der Gastarbeiter ausschließlich von deren Arbeitgeber ab. Das bedeutet: Wenn ein Arbeitgeber will, droht einem Gastarbeiter Abschiebung oder im Härtefall eine Haftstrafe.

In Anbetracht dieser verheerenden Bedingungen scheint eine Partnerschaft, egal auf welcher Ebene, fragwürdig. Doch zumindest mit Blick auf die Bundesregierung ist eine Zusammenarbeit mit dem Emirat alternativlos. Die Realität gebietet: Man muss Unabhängig von Russland werden. Die Konsequenz daraus ist, dass die Bundesregierung sich auf die Suche nach Gas, Öl und Kohle machen musste. Rohstoffe, die nur in wenigen Ländern in einem für einen solche Partnerschaft ausreichendem Maße vorhanden sind. Es ist also keineswegs eine Entscheidung für einen problematischen Partner, obwohl es auch unproblematische gegeben hätte. Es ist eine Entscheidung für einen problematischen Partner, im vollen Bewusstsein darüber, wie problematisch dieses Bündnis ist. Robert Habeck, der im Auftrag der Bundesregierung in das Emirat flog, zeigte dies, indem er sich mit Menschenrechtsaktivisten, Regimekritikern und  Vertretern internationalen Arbeits-Vertretung traf. Und öffentlich sowie im Gespräch mit der katarischen Führung die Menschenrechtsverletzungen immer wieder thematisierte.

Der Unterschied zwischen ein Zweck- und Liebesbeziehung

Und genau hier liegt er Unterschied zwischen den Partnerschaften. Die FIFA hat sehr wohl eine Wahl. Sie könnte die Weltmeisterschaft in einem Land austragen, dessen Werte mit den selbst auferlegten Werte der FIFA kompatibel sind. Denn in einem Statut des Verbandes heißt es: „Die FIFA bekennt sich zur Einhaltung aller international anerkannten Menschenrechte und setzt sich für den Schutz dieser Rechte ein.“ Rechte, die Katar laut zahllosen Menschenrechtsorganisationen, Presseberichten und Regierungsverlautbarungen, bricht. Und auch die fehlende Thematisierung all dieser Probleme seitens der FIFA löst große Verzweiflung aus. Personifiziert im Chef-Schurken Gianni Infantino. Kein Wort der Kritik richtete er jemals an Katar. Stattdessen sagte er Anfang des Jahres im Europarat in Straßburg, die Arbeitsbedingungen dort seien vergleichbar mit denen in Europa. Und führte aus, die Berichte über Tausende Tote an den Baustellen für die Weltmeisterschaft seien falsch. Es seinen lediglich drei Leute gestorben. „Drei sind immer noch zu viel, aber zwischen drei und 6500 ist ein großer Unterschied“, fügte Infantino hinzu.

Abschließend gestand er bei diesem etwas kuriosen Auftritt zu, dass sich in Katar noch einiges ändern müsse. Eine erheblicher Wandel zum Besseren habe aber bereits stattgefunden. Die Bedingungen für Arbeiter und Frauen seinen deutlich besser als vielerorts berichtet, führte er aus. Und endete diese Ausführung mit dem Satz, wieso zumindest ein politischer Boykott der Weltmeisterschaft noch immer wichtig wäre. „Dieser Wandel ist der Verdienst des Fußballs“, sagte Infantino.

Wenn nun eine Regierung, deren oberstes Gebot die von Annalena Baerbock immer wieder beschworene „wertegeleitete Außenpolitik“ ist, nach einer Energiepartnerschaft auch noch die Spiele eines verbrecherischen Verbandes beklatscht, die nur zu Lasten menschenrechtswidriger Bedingungen stattfinden können, stimmt sie in gewisser Weise dieser kruden Erzählung Infantinos zu. Er, der Brückenbauer zwischen Katar und dem Westen. Um zu zeigen, dass diese Brücken nicht golden sind, sondern nur in Ausnahmefällen überquert werden sollten, wäre ein politische Boykott der Weltmeisterschaft nach der Energiepartnerschaft wichtiger als je zuvor.

(Photo by KARIM JAAFAR/AFP via Getty Images)

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