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Was die “Niederlage” des FC Bayern auf dem Transfermarkt für den Sommer bedeutet

7. Februar 2019
Manuel Behlert

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Was die “Niederlage” des FC Bayern auf dem Transfermarkt für den Sommer bedeutet

Der FC Bayern München wollte im Wintertransferfenster tätig werden und mindestens einen Spieler verpflichten. Callum Hudson-Odoi, Adrien Rabiot oder Lucas Hernandez wurden mit dem Rekordmeister in Verbindung gebracht, vor allem um erstgenannten bemühte man sich intensiv. Es kam am Ende keiner dieser Spieler, “nur” Alphonso Davies wurde verpflichtet und dessen Transfer war schon länger unter Dach und Fach.

Doch was bedeutet diese “Niederlage” auf dem Transfermarkt für den Verein? Nun, zunächst einmal – und das ist offensichtlich – bedeutet der Transferwinter, dass für den Sommer umso mehr zu tun ist. Die Spieler, die man in München im Visier hat, sind begehrt. Und es soll sich auf vielen Positionen etwas tun. Wir beleuchten die Situation und die Aufgaben für den Sommer ohne dabei Position für Position, Name für Name durchzugehen.

Bayern will Zeichen setzen

Die Bereitschaft für einen Spieler wie Lucas Hernandez eine hohe Summe auszugeben und vor allem die Vehemenz, mit der man betonte, dass Callum Hudson-Odoi, der Teenager des FC Chelsea, für den ein Angebot aus München in Höhe von mehr als 35 Millionen Euro vorlag, nicht nur ein “interessanter Spieler” sei, sondern ein absolutes Transferziel des Klubs ist, zeigt: Man will ein Zeichen auf dem Markt setzen. Der FC Bayern ist im Geschäft, bereit den Umbruch mit der entsprechenden Akribie zu planen und durchzuführen und nicht vor hohen Ablöseforderungen oder wochenlangen, zähen, undurchsichtigen Verhandlungen zurückzuschrecken.

(Photo by Charles McQuillan/Getty Images)

Und das ist auch bitter nötig. Der Kader hat schon jetzt eine Größe, die eher an der unteren Grenze anzusiedeln ist. Dazu verlassen Rafinha, Robben und Ribery den Verein sicher, Wagner ging bereits im Winter und Spieler wie Renato Sanches, aber auch Mats Hummels oder Jerome Boateng, sicher nicht beide, könnten den Verein verlassen, sind immer wieder Bestandteil der Gerüchteküche. Und man muss kein großer Mathematiker sein, um auszurechnen, wie viele Spieler verpflichtet werden müssen um alleine die Abgänge zu kompensieren. Mit der Pavard-Verpflichtung und dem Interesse an Lucas Hernandez zeigt man, dass man gewillt ist, vor allem in der Defensive die größtmögliche Positionsabdeckung durch flexibel einsetzbare Spieler zu generieren. Sollte auch der andere Franzose, also Hernandez, verpflichtet werden, stünden gleich zwei Spieler im Aufgebot, die sowohl innen als auch außen eingesetzt werden können – ohne signifikanten Qualitätsverlust, ohne den Kompetenzbereich eines Alaba oder Kimmich in irgendeiner Art und Weise einzuschränken. Pavard und Hernandez (oder einen vergleichbaren Spieler) zu verpflichten würde in erster Linie bedeuten, dass man den Generationenwechsel in der Innenverteidigung weiter vorantreibt, gleichzeitig aber auch die Außenpositionen durch defensivstarke, junge Spieler mit abdeckt.

Salihamidzic und die Lehren des Winters

Eine nicht gerade untergeordnete Rolle spielte Hasan Salihamidzic in diesem Winter. Der Sportdirektor des FC Bayern, der nicht selten Gegenstand von Kritik ist, muss und will sich beweisen, den Umbruch managen. In Zusammenarbeit mit einer breit gefächerten Scoutingabteilung um Chefscout Neppe arbeitet Salihamidzic an Lösungen, sucht nach Spielern, die fußballerisch und charakterlich, aber auch zur Altersstruktur passen. Die Namen, die mit dem Rekordmeister in Verbindung gebracht werden, seien es Nabil Fekir, Florian Thauvin, Nicolas Pepe, Steven Bergwijn, Callum Hudson-Odoi, Lucas Hernandez, Kai Havertz, Mario Hermoso, Timo Werner, Luka Jovic oder wer auch immer, zeigen, dass man in München viele Spieler auf dem Schirm hat, sich für alle Eventualitäten wappnen will. Doch Hasan Salihamidzic hat, streng genommen, bisher noch nicht viel bewegt. Die kommende Transferperiode wird für ihn also nicht nur eine Bewährungsprobe, sondern, weil derart viel auf dem Spiel steht, auch die eigene Zukunft prägen.

(Photo by Martin Rose/Bongarts/Getty Images)

Natürlich sendete der FC Bayern Signale an die Konkurrenz, aber er sendete auch Signale an die Vereine, dessen Spieler man im Visier hat. Der Rekordmeister hat nicht nur die Absicht neue Spieler zu verpflichten, sondern auch den Bedarf nach frischem Wind. Und viel Geld. Karl-Heinz Rummenigge ließ bereits durchblicken, dass das forsche Auftreten von Hasan Salihamidzic vielleicht nicht die beste Idee war. Beim FC Chelsea hat man die Aussagen über Callum Hudson-Odoi nicht gerade mit Wohlwollen wahrgenommen und vielleicht auch deshalb am Ende einen Wechsel mit Nachdruck blockiert. Aus dieser Niederlage muss Hasan Salihamidzic lernen und zwar schnell. So unbefriedigend die immergleichen Aussagen zu möglichen Transfers auch sind, sie werden nicht ohne Grund in jeder Transferperiode von fast jedem Verantwortlichen verwendet. Denn eines tut man nicht, wenn man sich vorsichtig und zurückhaltend äußert: Die Karten auf den Tisch legen. Seine Aussagen, die Wirkung und das Resultat werden für Salihamidzic eine wichtige Lehre sein.

Die wenige Zeit sinnvoll nutzen: Grundlegende Fragen beantworten

Man könnte nun meinen, dass bis zum Transfersommer noch einige Monate Zeit sind und nicht unbedingt Eile geboten ist. Doch das ist ein Trugschluss. Ein Trainer hat einen Großteil der Mannschaft im Idealfall bereits zum Vorbereitungsstart beisammen, wichtige Fragen in der Kaderplanung beantwortet. Und beim FC Bayern stellen sich einige grundlegende Fragen. Die nach der Altersstruktur beantwortet sich nahezu von alleine. Durch die Abgänge von Robben (35), Ribery (im Sommer 36) und Rafinha (33) wird das Durchschnittsalter im Team definitiv sinken, da automatisch jüngere Spieler hinzugeholt werden. Mit Neuer, Ulreich, Hummels, Boateng, Martinez, Müller (wird im September 30) und Lewandowski stünden dann, sofern keiner dieser Spieler abgegeben wird, noch 7 Spieler im Aufgebot, die 30 Jahre alt oder älter sind.

(Photo by Sebastian Widmann/Bongarts/Getty Images)

Eine weitere, wichtige Frage wird erst in den kommenden Wochen beantwortet: Wer wird zum Auftakt der neuen Saison auf der Trainerbank des FC Bayern sitzen? Niko Kovac sitzt, auch wenn sein Vertrag noch bis 2021 läuft, keinesfalls fest im Sattel. In der Liga hat man 7 Punkte Rückstand, in der Champions League ist ein Aus denkbar. Ein Kader muss immer auch mit dem Trainer abgestimmt werden, vor allem bei einem großen Umbruch muss der Trainer Mitspracherecht haben. Außerdem bestimmt ein Trainer die Ausrichtung der Mannschaft, für bestimmte Formationen müssen entsprechende Spielertypen zur Verfügung stehen, der Kader muss in der Breite ebenfalls mit den entsprechenden Qualitäten, die auch bei alternativen Systemen notwendig sind, ausgestattet sein. Kurzum: Man plant nicht nur einen Kader, bestehend aus 24, 25 Spielern, sondern man plant das große Ganze.

Man macht nichts “Verrücktes” – Das Scouting ist entscheidend

Doch damit ist nur der Grundstein für eine erfolgreiche Kaderplanung, einen erfolgreichen Umbruch gelegt. Man muss nicht nur Spieler im Blick und eine Gesamtvision haben, man muss diese auch umsetzen. Nun ist der FC Bayern zwar zu den größten Klubs der Welt zu zählen, mehrere Transfers jenseits der 40 oder 50 Millionen Euro wird man in kurzer Zeit aber wohl eher nicht sehen, auch wenn das kommende Transferfenster zumindest eine kleine Ausnahme darstellen wird. Die ganz großen, fertigen, ausgebildeten, international erfahrenen Topstars sind vor allem in der Mehrzahl schwer machbar, Spieler wie Eden Hazard bevorzugen eher Real Madrid, das insgesamt eine höhere Anziehungskraft für diese Art Spieler hat. Bayern kann finanziell mit vielen der anderen Topklubs mitgehen, der Weg ist aber ein anderer.

Der FC Barcelona verpflichtete Neymar, Coutinho und Dembele für mehr als 300 Millionen Euro, zahlt im Sommer 75 Millionen Euro für Frenkie de Jong. PSG legte alleine für Neymar über 200 Millionen Euro hin, auch Real Madrid kratzt mit James, Bale und Ronaldo an den 300 Millionen Euro. Manchester United zahlte für Lukaku und Pogba und Di Maria über 270 Millionen Euro, Juventus konnte einen Cristiano Ronaldo verpflichten, Liverpool, Chelsea und Manchester City tätigen auch große Investitionen. Natürlich wird man in München auch einmal einen Spieler verpflichten müssen, der sich in dieser Größenordnung bewegt. Die oft zitierte “Vernunft” auf dem Transfermarkt soll aber weiterhin vorherrschen. Doch dafür muss das Scouting entsprechend funktionieren.

(Photo by Martin Rose/Bongarts/Getty Images)

Das tat es bereits in der Vergangenheit, wie an den Beispielen Joshua Kimmich oder Kingsley Coman zu sehen ist. Aber das muss es in der Zukunft noch häufiger tun. Kai Havertz wird verschiedenen Medienberichten zufolge schon länger beobachtet, Callum Hudson-Odoi soll man seit der U17-Weltmeisterschaft im Blick haben. Das zeigt, dass der Klub eine Strategie hat, die langfristigen für positiven Ertrag sorgen kann. Nun muss aber, wie bereits erwähnt, nicht nur die Bereitschaft da sein junge Spieler zu verpflichten, sondern es muss auch gelingen.

Potenzielle Neuzugänge müssen von einem Projekt überzeugt werden

Und damit das gelingt, muss ein ganz entscheidender Punkt beachtet werden. Potenzielle Neuzugänge müssen nicht nur vom Namen eines Vereins, sondern vielmehr auch vom Umfeld, von einem Gesamtprojekt überzeugt werden. In den Gesprächen muss den Spielern klargemacht werden, wie der kurz-, mittel- und langfristige Plan des Vereins lautet. Der FC Bayern wird keine absoluten Weltstars verpflichten (können), er muss erkennen, welche Spieler im Umfeld des FC Bayern den letzten oder die letzten, noch fehlenden Schritte gehen können um in München zu einem Weltstar zu reifen und ihnen das glaubhaft vermitteln.

Wie vielversprechend das Projekt FC Bayern in den kommenden Jahren sein wird, hängt vom Plan und dessen Umsetzung an. Es werden aber auf einigen Positionen Plätze frei, die Strahlkraft ist weiter hoch, die Aussichten auf Titel ebenso. Und das auch international, wenn die richtigen Schlüsse gezogen werden.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die “Niederlage” auf dem Transfermarkt im Winter vor allem bedeutet, dass Hasan Salihamidzic & co. extrem viel und extrem wichtige Arbeit vor sich haben. Der kommende Transfersommer wird wegweisend sein, für weitere Verpflichtungen, für die kurz- und mittelfristigen Erfolgsaussichten des Vereins. Es ist davon auszugehen, dass der Sportdirektor sich in Zukunft nicht mehr so offensiv zu Spielern äußert, sich noch intensiver darauf konzentriert die Verpflichtungen zu fixieren. Und anschließend, wenn klar ist mit welchem Kader der Rekordmeister in die Saison 2019/20 geht, kann man abschließend beurteilen, was man in München für Lehren aus dem vergangenen Winter gezogen hat und ob der nächste, wichtige Schritt des Umbruchs entsprechend vollzogen wurde.

 (Photo by Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

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