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Weißt du noch? Dezember 2010: Als zwischen Stuttgart und Bayern in 4 Tagen 17 Tore fielen

25. Januar 2019
Manuel Behlert

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Weißt du noch? Dezember 2010: Als zwischen Stuttgart und Bayern in 4 Tagen 17 Tore fielen

Nicht selten beschert eine Auslosung im Pokalwettbewerb zwei Mannschaften mehrere Aufeinandertreffen in kürzester Zeit. Im Dezember 2010 standen sich beispielsweise der VfB Stuttgart und der amtierende Doublesieger, der FC Bayern, gleich zweimal binnen weniger Tage in Stuttgart gegenüber. Und der Name “Südschlager” wurde diesen ereignisreichen Spielen nicht im Ansatz gerecht. 

Die Vorzeichen: Krise vs. größere Krise?

Nachdem der VfB Stuttgart in der Spielzeit 2009/10 den 6. Platz erreichte, waren die Hoffnungen auf eine noch bessere Saison 2010/11 groß. Doch vor allem der Abgang von Sami Khedira war für die Schwaben schwer zu kompensieren. Auch Sebastian Rudy, Roberto Hilbert und Ricardo Osorio verließen den Klub, einige Neuzugänge wie Mauro Camoranesi oder Johan Audel schlugen nicht ein. Und das hatte Konsequenzen. Bereits im Oktober trennte sich der VfB von Christian Gross, Jens Keller übernahm das Traineramt. Und dieser wurde Mitte Dezember von Bruno Labbadia ersetzt, der die durchaus undankbare Aufgabe hatte zwischen dem Amtsantritt und der Winterpause, auf Platz 17 stehend, zweimal gegen den FC Bayern zu spielen.

Die Probleme des VfB waren offensichtlich: 30 Gegentore in 16 Spielen waren eine indiskutable Marke. Gerade weil sich die Offensive in Torlaune präsentierte, ihrerseits schon 29 Treffer erzielen konnte. Bruno Labbadia musste der Mannschaft also die nötige Balance verleihen, doch die Spiele gegen den FC Bayern sollten ein Spiegelbild der bisherigen Hinrunde werden. Die Hinrunde lief übrigens auch für den Rekordmeister alles andere als gut. Unter Louis van Gaal gelang im Sommer noch fast das Triple – und das veranlasste den Niederländer dazu ohne externen Neuzugang in die Saison zu gehen. Lediglich David Alaba, der in der Vorsaison bereits mehrfach reinschnuppern durfte, gehörte nun permanent zum Aufgebot der Profis. 

Dass die gute Saison 2009/10 viel mit individuellen Momenten und einer tollen Serie zusammenhing, schien man in München ignoriert zu haben. Denn die fehlenden Reize durch neue Spieler machten sich bemerkbar. Vor dem Spiel gegen den VfB Stuttgart stand der Rekordmeister nur bei 26 Punkten aus 16 Spielen, der Abstand auf den BVB, der mit schnellem Offensivfußball überzeugte und die Tabelle anführte, war riesig. Einen kleinen Hoffnungsschimmer gab es vor dem Spiel in Stuttgart aber: Der BVB verlor in Frankfurt, der FC Bayern konnte den Abstand auf 14 (!) Punkte verkürzen. Wie gesagt, der Hoffnungsschimmer war klein… 

Das Ligaspiel am 19. Dezember: VfB Stuttgart 3:5 FC Bayern München

VfB Stuttgart: Ulreich – Bicakcic (60. Boulahrouz), Tasci, Delpierre, Molinaro – Träsch, Kuzmanovic (67. Gentner), Gebhart (46. Harnik), Boka – Cacau, Pogrebnyak

Bank: Ziegler, Bah, Elson, Schipplock

Trainer: Bruno Labbadia

FC Bayern: Butt – Lahm, Tymoschuk, Breno, Contento – van Bommel, Ottl, Altintop (46. Pranjic), Müller (77. Alaba), Ribery – Gomez (67. Klose)

Bank: Kraft, Braafheid, Demichelis, van Buyten

Trainer: Louis van Gaal

Guter VfB-Beginn und eiskalte Bayern

Nach dem Sieg in der Europa League gegen Odense rotierte Bruno Labbadia auf 4 Positionen, die Bayern mussten im Vergleich zum Spiel gegen den FC St. Pauli auf Bastian Schweinsteiger und Toni Kroos verzichten, auch Arjen Robben stand nicht zur Verfügung. Die Anfangsphase zeigte, dass Bruno Labbadia seine Mannschaft extrem motiviert hat. Gleich zu Beginn hatten die Schwaben durch Bicakcic eine große Chance, auch Träsch gab einen gefährlichen Schuss ab. Auf der Gegenseite scheiterte Müller an Ulreich, aber der Kombinationsfluss des FC Bayern war nicht vorhanden, das aggressive Pressing der Stuttgarter hatte Erfolg. 

 (Photo by THOMAS KIENZLE/AFP/Getty Images)

In der Folge verflachte die Partie. Die Hoffnung des VfB auf ein frühes Tor erfüllte sich nicht, der FC Bayern übernahm sukzessive die Kontrolle ohne selbst gefährlich in Erscheinung zu treten. Nach einer halben Stunde ging der Gast aus München in Führung: Müller bediente nach einem Bicakcic-Patzer Gomez und der ließ sich aus halblinker Position nicht zweimal bitten, schoss den Ball unhaltbar für Ulreich unter die Latte. Nur wenig später sollte der nächste individuelle Fehler der Gastgeber folgen. Diesmal patzte Delpierre, der den Ball an Gomez verlor. Dieser sorgte mit einer schnellen Hereingabe dafür, dass der heranrauschende Müller die Kugel nur noch ins Tor bugsieren musste. Das 2:0 für den Rekordmeister war ein Schock für den VfB – und es kam noch schlimmer. Nach einem Boka-Fehlpass bediente Ottl Ribery, der zog von der linken Seite in die Mitte und erzielte einen herausragenden Treffer zum 0:3. 

Gomez-Dreierpack und Stuttgarter Moral

In der Halbzeit wechselte Bruno Labbadia Martin Harnik ein – und das sollte sich schnell auszahlen. Der Österreicher sorgte für frischen Wind, traf 5 Minuten nach der Halbzeit zum 1:3, als er auf Vorlage von Pogrebnyak Butt im Bayerntor bezwang. Die Fans witterten Morgenluft, doch der FC Bayern hatte etwas dagegen. Ribery düpierte Bicakcic, seine Hereingabe wurde von Ulreich nur unzureichend abgewehrt und Gomez erhöhte mit seinem 2. Treffer des Tages auf 1:4. Für den ehemaligen Stuttgarter sollte es noch besser kommen, denn in der 54. Minute machte er den Dreierpack klar, traf nach Zusammenspiel mit Müller zum 5:1. 

 (Photo by CHRISTOF STACHE/AFP/Getty Images)

Danach ließ der FC Bayern den VfB ein wenig gewähren, Pogrebnyak kam noch zu einem Lattenkopfball, im Gegenzug hatte Ribery eine gute Chance. Die Abwehr des VfB war bereits von Beginn an überfordert, der Gast aus München ließ nun auch einiges zu. Und so entwickelte sich eine kurzweilige Partie. Harnik gelang nach knapp 65 Minuten noch das 2:5, ehe Gentner sogar noch das 3:5 erzielte. Bezeichnend für dieses Spiel: Eine Flanke auf das lange Eck rutschte durch alle Spieler durch und Butt konnte nicht mehr reagieren. Noch einmal keimte Hoffnung auf, doch der FC Bayern spielte in der Folge konzentrierter, ließ nur noch eine Chance durch Pogrebnyak zu und sicherte sich im letzten Bundesligapiel vor der Winterpause einen wichtigen Dreier im Kampf um die Champions League. 


Das Pokalspiel am 22. Dezember: VfB Stuttgart 3:6 FC Bayern

VfB Stuttgart: Ulreich – Boulahrouz, Tasci, Delpierre, Molinaro (35. Kuzmanovic) – Träsch, Gentner (89. Bicakcic), Harnik, Boka  – Pogrebnyak, Cacau

Bank: Ziegler, P. Degen, Bah, Elson, Schipplock

Trainer: Bruno Labbadia

FC Bayern: Butt – Lahm, Tymoschuk, Breno, Pranjic – Ottl, van Bommel (54. van Buyten), Schweinsteiger, Müller, Ribery – Gomez (30. Klose)

Bank: Kraft, Braafheid, Alaba, Contento, Demichelis

Trainer: Louis van Gaal

Früher VfB-Schock und späte Antwort

“Bloß nicht wieder so eine katastrophale Defensivleistung an den Tag legen!” So oder so ähnlich dürfte das Motto des VfB Stuttgart vor dem Duell mit dem FC Bayern gelautet haben. Bouhlarouz, Gentner und Harnik ersetzten Bicakcic, Gebhart und Kuzmanovic, beim FC Bayern kehrte Schweinsteiger zurück, außerdem spielte Pranjic von Beginn an. Und die Gäste erwischten den besseren Start. Andreas Ottl zog nach 5 Minuten einfach einmal aus der Distanz ab, traf den Ball perfekt und schoss die Kugel aus 30 Metern unhaltbar in den Winkel. Ein früher Schock für den VfB Stuttgart! Und es sollte noch schlimmer kommen: Nur 2 Minuten später fühlte man sich an das Aufeinandertreffen von vor wenigen Tagen zurückerinnert, als Müller viel Platz hatte, den Ball auf den kurzen Pfoten flanken und Gomez einnetzen konnte. 8 Minuten waren gespielt, der VfB lag mit 0:2 zurück. 

 (Photo by Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

In der Folge kontrollierte der FC Bayern das Spiel ohne selbst für die ganz großen Offensivaktionen zu sorgen. Das Spiel plätscherte ein wenig vor sich hin, nennenswert war im Prinzip nur die Auswechslung von Mario Gomez, der aufgrund einer Blessur für Miroslav Klose weichen musste. Kurz darauf bot der FC Bayern etwas an: Ottl unterlief einen Ball von Harnik und Pogrebnyak schloss in der Mitte aus abseitsverdächtiger Position ab und erzielte den Anschlusstreffer. Auch Bruno Labbadia reagierte früh auf die Probleme von Molinaro und wechselte Kuzmanovic ein, Boka verteidigt nun links. Es keimte Hoffnung bei den Schwaben auf, denn der Rekordmeister wirkte alles andere als souverän. Erst vergab Harnik gegen Butt, dann konnte sich der VfB kurz vor der Halbzeit doch noch belohnen, als Pavel Pogrebnyak seinen Doppelpack schnürte, indem er sich gegen die Verteidiger der Gäste durchsetzte und wuchtig abschloss. 

Tore, Platzverweise, Pokalfight – Alles dabei in Stuttgart

Beide Mannschaften gingen unverändert in die 2. Halbzeit, den psychologischen Vorteil hatte der VfB auf seiner Seite. Und die Schwaben machten weiter Druck, wollten den FC Bayern ärgern und das 3:2 erzielen. Van Bommel und Schweinsteiger hatten Probleme mit dem aggressiven Gastgeber, der durch Harnik und Cacau zwei gute Chancen hatte. Aber wie schon im Ligaspiel zuvor waren die Fehelr der VfB-Defensive eklatant: Boulahrouz wollte klären, der Ball kam zu Miroslav Klose und der schob aus circa 11 Metern ein und erzielte das 2:3. Für mehr Stabilität wechselte Louis van Gaal in der Folge und brachte den kopfballstarken Daniel van Buyten. 
(Photo by Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

In der Folge wurde es erst so richtig turbulent. Stuttgart gab sich nicht geschlagen, Butt musste gegen Cacau retten, Harnik traf im Nachschuss nur die Latte. Ein echter Pokalfight elektrisierte die Zuschauer, das spiel war zeitweise sehr hektisch, durchzogen von harten und nicht immer fairen Zweikämpfen. Dem FC Bayern fehlte die Souveränität, allerdings riss Schweinsteiger das Spiel immer mehr an sich. Dieser wurde nach knapp 70 Minuten von Boulahrouz gefoult und obwohl Schweinsteiger Referee Meyer mitteilte, dass das Foul nicht so schlimm war, schickte dieser den Niederländer mit gelb-rot vom Platz. Allerdings: Stuttgart war keineswegs geschockt! Nach einem Foul von Butt an Cacau zeigte Meyer auf den Elfmeterpunkt, doch Gentner scheiterte am Torhüter des FCB. Doch selbst nach dieser Situation ließ der VfB nicht die Köpfe hängen und bewies Moral. Delpierre nutzte die Chance nach einer Ecke von Kuzmanovic und köpfte zum 3:3 ein. Eine Viertelstunde vor dem Ende war die Pokalpartie wieder vollkommen offen! 

Doch beim VfB ließen nun sukzessive die Kräfte nach. Der hohe Aufwand in Verbindung mit der Unterzahl sorgten dafür, dass der FC Bayern wieder Vorteile hatte – und diese auch nutzte. Einen Steilpass von Schweinsteiger erlief Ribery, der auf Müller spielte und dieser blieb im Strafraum cool und vollendete zum 3:4. Stuttgart versuchte alles, mobilisierte die letzten Kräfte – aber es half nichts. Nach einem etwas kuriosen Durcheinander in der Abwehr des VfB spitzelte Klose das Leder zum 3:5 in die Maschen. Die 2. “Ampelkarte” des Abends, als Delpierre für ein taktisches Foul an Müller vom Platz flog, fiel nicht mehr ins Gewicht. Doch ein Highlight hatte der Gast noch parat: Franck Ribery stellte den Endstand mit einem Kopfballtor (!) her. Stutgart gegen Bayern, 19. und 22. Dezember 2010: 6:11.

Im weiteren Saisonverlauf stabilisierte sich der VfB Stuttgart, wurde am Ende mit 42 Punkten 12. in der Bundesliga und arbeitete noch bos 2013 mit Bruno Labbadia weiter. Eine Trainerentlassung fand derweil in München statt, als Louis van Gaal kurz vor Ende der Saison von seinem Amt als Cheftrainer entbunden wurde. Andries Jonker übernahm für kurze Zeit und sicherte  dem FC Bayern noch Platz 3, ehe er im Sommer von Jupp Heynckes ersetzt wurde. 

(Photo credit should read THOMAS KIENZLE/AFP/Getty Images)

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