Viel Schwarz und Rot, wenig Gold: Das DFB-Team nach der Nations League

DFB WM 2022
Nationalmannschaften

Spotlight | In knapp zwei Monaten beginnt die Weltmeisterschaft in Katar. Sonderlich gut stehen die Zeichen momentan nicht für das DFB-Team. Eine Analyse von 90PLUS-Redakteur Michael Bojkov.

Ein Punkt aus zwei Spielen – eine ernüchternde Bilanz, die die letzten beiden Pflichtspiele vor der Weltmeisterschaft ziert. Negativ in Erinnerung bleibt vor allem die 0:1-Niederlage gegen Ungarn. In der ausverkauften Red-Bull-Arena zu Leipzig funktionierte herzlich wenig und so war das Endresultat gegen einen eigentlich individuell schwächeren Gegner auch kein überraschendes. 

Im legendären Wembley-Stadion wollte man Wiedergutmachung gegen England betreiben, was aber auch nur in Teilen funktionierte und am Ende in einem wilden 3:3 mündete. 56 Tage vor dem ersten WM-Gruppenspiel gegen Japan hat das DFB-Team noch einige Probleme zu bewältigen.

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Flick muss an spielerischen Defiziten arbeiten

Eine Baustelle ist spielerischer Natur. Insbesondere im Spiel nach vorne mangelt es der DFB-Elf an Kreativität und Ideen. Sowohl gegen Ungarn als auch gegen England hatte die Mannschaft deutlich mehr Ballbesitz, schaffte es allerdings nur sporadisch, gefährlich vor das gegnerische Tor zu kommen. Wenig Bewegung ohne Ball, kaum Tempo und mangelhafte Präzision im Passspiel, dazu fehlende Tiefenläufe und Breite.

Gerade gegen England versuchte es die DFB-Elf immer wieder durchs dichte Zentrum, anstatt das Spiel breit zu machen und vermehrt über die Flügel anzugreifen. Hierzu fehlten aber auch die entscheidenden Läufe der Spieler. David Raum (24) etwa ließ von seinem gewohnten Offensivdrang einiges vermissen. Da sich Leroy Sané (26) als linker Flügelspieler vermehrt im Zehnerraum anbietet, ist es die Aufgabe des Neu-Leipzigers, die Breite zu besetzten.

DFB Raum

(Photo by Shaun Botterill/Getty Images)

Das Spielermaterial für einen dominanten, aber auch zielführenden Ballbesitzfußball hat Hansi Flick (57) eigentlich. Besser noch: Für viele Nationalspieler ist dieser Fußball wie gemacht, da sie ihn nicht anders aus den Vereinen kennen. Die zentrale Achse aus Ilkay Gündogan (31) und den Bayern-Akteuren Joshua Kimmich (27), Thomas Müller (33) und Jamal Musiala (19) isst erfolgreichen Ballbesitzfußball zum Frühstück.

Flicks Aufgabe wird es nun also sein, die Defizite im eigenen Ballbesitz gründlich zu analysieren und seinen Spielern bei der finalen Zusammenkunft in Katar Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Dass diese ob der Kürze der Vorbereitungszeit während des Turniers einwandfrei fruchten werden, darf selbstredend bezweifelt werden. Es wird ohnehin nahezu ein Ding der Unmöglichkeit sein, eine perfekt harmonierende Truppe aufzubieten, bei der alle Automatismen stimmen. Klar ist aber, dass es besser geht als zuletzt in der Nations League. Das haben auch vergangene Auftritte der DFB-Elf unter Flick gezeigt.

Reicht es wirklich zur Weltklasse?

Viel wird dieser Tage zudem darüber diskutiert, wie stark Deutschland individuell aufgestellt ist. Klar ist: Mit Manuel Neuer (36), Kimmich, Gündogan und Müller verfügt die Mannschaft über einige Akteure, die seit Jahren konstant auf Weltklasse-Niveau performen. Dazu kommen Spieler wie Antonio Rüdiger (29) oder Musiala, die ein überragendes Jahr hinter sich haben und ebenfalls konstant starke Leistungen liefern.

Fragezeichen gibt es dennoch, und zwar einige. Die sechs aufgezählten Spieler implizieren im Grunde nämlich, dass es mindestens fünf vakante Positionen in der Mannschaft gibt. Angefangen mit der Viererkette, wo einzig Rüdiger gesetzt sein dürfte. Den zweiten Part in der Innenverteidigung wird wohl am ehesten Niklas Süle (27) übernehmen. Mit seinem schwachen Auftritt gegen England dürfte Nico Schlotterbeck (22) einiges an Kredit beim Bundestrainer verspielt haben und damit Mats Hummels (33) zurück in die Verlosung bringen, der bis hierhin eine starke Saison beim BVB spielt und ebenfalls auf ein Ticket nach Katar hofft.

DFB

(Photo by BEN STANSALL/AFP via Getty Images)

Fragezeichen gibt es auch auf den Außenverteidiger-Positionen, die spätestens seit Ende der Lahm-Ära eine durchgehende Vakanz darstellen. Während sich rechts Jonas Hofmann (30) und Thilo Kehrer (26) Hoffnungen auf einen Stammplatz bei der WM machen dürfen, wird links eigentlich mit Raum geplant. Der 24-Jährige war zwar einer der Shootingstars der vergangenen Bundesliga-Saison, lässt in vielen seiner Auftritte aber erkennen, dass bis zur internationalen Topklasse dann doch noch ein Stück fehlt. Auch der Saisonstart in Leipzig verlief alles andere als optimal für ihn. Möglich daher, dass ihm Robin Gosens (28) nach seiner DFB-Rückkehr den Platz streitig macht. 

Dann wäre da noch das vielzitierte Stürmer-Problem. Seit Jahren fehlt der DFB-Elf ein echter Neuner. Die Nationalmannschafts-Karriere von Timo Werner (26) hat bisher nur wenige Glanzpunkte erfahren. Zudem liefert der 26-Jährige selten konstante Leistungen, befindet sich auch nach seiner Leipzig-Rückkehr auf Formsuche. Die offensichtliche Alternative zu Werner ist Kai Havertz (23). Auch er hat durchaus mit der Konstanz zu kämpfen, dürfte mit seinem jüngsten Doppelpack in Wembley aber Bonuspunkte beim Bundestrainer gesammelt haben. 

Individuelle Formkurven zeigen nach unten

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die aktuelle Verfassung, in der sich die Spieler befinden. Raum und Werner haben Startschwierigkeiten in Leipzig und sind damit nicht die einzigen Spieler im DFB-Dress, deren Formkurve im Verein nach unten zeigt. Das ist natürlich insbesondere durch die sportliche Lage bedingt, in der sich die jeweiligen Klubs befinden.

Neben RB, das einen Katastrophenstart in die neue Saison erlebt hat, betrifft das aktuell natürlich vor allem den FC Bayern. Und der stellt nun einmal sieben Nationalspieler. Kimmich, Müller, Sané und Serge Gnabry (27) – sie alle schleppten die Krise beim Rekordmeister mit auf Länderspielreise. Aus der Bayern-Garde konnte – man ist geneigt zu sagen: mal wieder – einzig Musiala wirklich überzeugen. Es ist also nicht vermessen, zu behaupten, dass ein starker FC Bayern der Nationalmannschaft guttun würde. 

Entscheidend wird auch sein, – so müßig das Thema ist – welche Mentalität die Spieler auf den Platz bringen. In Wembley verfiel man bei einer Zwei-Tore-Führung in einen Tiefschlaf und ließ den Gegner 15 Minuten lang gewähren, ehe man mit einem Rückstand wieder aufwachte. Die Frage „Wie sehr wolltet ihr es wirklich?“ mussten sich die Akteure im Nachhinein zurecht gefallen lassen. Müller ließ mit einem interessanten Vergleich zu Real Madrid aufhorchen, bei denen „auch nicht alles brillant“ laufe. „Aber sie behalten den Kopf oben und den Glauben an sich selbst“, sagte der 33-Jährige gegenüber dem kicker. Ganz unrecht hat er damit vielleicht ja auch nicht.

Fazit zum DFB-Team

Es sind also beileibe nicht nur Flick und sein Trainerteam, die Schrauben drehen müssen. Um in Katar erfolgreich abzuschneiden, ist von jedem einzelnen Spieler ein Leistungssprung erforderlich – physisch wie mental. Die individuelle Klasse, um ganz vorne mitspielen zu können, hat die DFB-Elf durchaus. Klar ist aber auch, dass die Mannschaft auf manchen Positionen nicht so stark besetzt ist wie andere große Fußball-Nationen. Um das auffangen zu können, muss Deutschland individuell und mannschaftstaktisch ans Leistungslimit kommen.

(Photo by Alex Grimm/Getty Images)

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