U21 EM | „Frankreich hat das beste Gesamtpaket“ – Favoriten, Modus, Topspieler und drei verschiedene Titelprognosen

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Spotlight | Am Sonntag, den 16. Juni startet die diesjährige Europameisterschaft der U21-Junioren mit dem Duell zwischen Polen und Belgien. Vor dem Turnier haben Christian Hoch (u.a. Radio Emscher Lippe und RevierSport), Robin Haack (Goal) und 90PLUS-Redakteur Manuel Behlert die brisantesten Fragen rund um das Turnier beantwortet!

90PLUS: In wenigen Tagen ist es soweit, die U21-Europameisterschaft in Italien und San Marino beginnt. Die deutsche Auswahl geht dabei als Titelverteidiger in das Turnier und hat auch in diesem Jahr wieder einen guten Kader und mit Stefan Kuntz den Trainer, mit dem man 2017 den Titel feiern konnte, an der Seitenlinie. Welche Chancen rechnet ihr der deutschen Mannschaft aus, kann es tatsächlich zur Titelverteidigung reichen?

Robin Haack: Die tatsächlichen Chancen auf eine Titelverteidigung zu beziffern, ist schwierig, da es einen Kreis von etwa fünf Nationen gibt, die alle das Zeug dazu haben, den Titel zu holen. Deutschland ist aber ohne Zweifel Teil dieses Favoritenkreises. Der DFB hat auch in diesem Jahr wieder einen tollen Kader am Start und muss sich vor niemandem verstecken.

(Photo by Lars Baron/Bongarts/Getty Images)

Christian Hoch: Ich rechne mir für die deutsche Mannschaft wirklich gute Chancen aus, sie haben eine sehr souveräne Qualifikation gespielt. Da hat auch Stefan Kuntz bewiesen, dass er auch nach dem Triumph, als es auch Kritiker gab, in der Lage ist eine Mannschaft zu formen, die wieder zu den Titelkandidaten gehört. Mir haben besonders Testspiele wie gegen Frankreich gefallen, die Spielfreude, die dort versprüht wurde. Auch der Sieg gegen ein starkes England im Test hat mich überzeugt, die Kaderdichte und die Qualität, die vorhanden sind, überzeugen mich überdies auch.

90PLUS: Betrachtet man den Kader der DFB-Elf, dann fällt auf, dass – zumindest im Vergleich mit anderen Mannschaftsteilen – kein wirklich hochkarätiger Mittelstürmer im Aufgebot steht. Kann das zu einem Problem werden, fängt die Mannschaft das auf oder denkt ihr, dass Luca Waldschmidt in diese Rolle hereinwachsen kann?

Manuel Behlert: Sicher, wenn man sich England mit dem wuchtigen Abraham, Frankreich mit Dembele/Mateta oder Italien mit Kean und Cutrone anschaut, dann stellt man fest, dass Deutschland im Vergleich vielleicht etwas schwächer besetzt ist. Das muss aber nicht zwingend zum Problem werden, denn gerade der angesprochene Waldschmidt hat einen großen Schritt nach vorne gemacht und arbeitet sehr viel für die Mannschaft, ist ein extrem wichtiger Faktor im Pressing. Im Test gegen Polen zeigte er außerdem mit 2 Toren eindrucksvoll, wie wichtig er sein kann.

Robin Haack: Ich glaube nicht, dass Deutschland ein klassischer Mittelstürmer fehlt. Waldschmidt hat in Freiburg eine tolle Saison gespielt und beweisen, dass er Vollstreckerqualitäten hat. Als möglicher Backup steht mit Lukas Nmecha ein bulliger Ersatz bereit, der ebenfalls für Gefahr im Strafraum sorgen kann.

Aus in der Gruppenphase wäre „schon eine Enttäuschung“

90PLUS: Deutschland trifft in der Gruppe B auf Serbien, Österreich und Dänemark. Auch wenn diese Gruppe nicht als „einfach“ zu bezeichnen ist, fehlen die großen Namen. Würdet ihr das als Vorteil sehen um sukzessive in das Turnier zu finden? Und welchen der drei Gegner schätzt ihr am ehesten als gefährlich ein?

Robin Haack: Generell ist es aus meiner Sicht natürlich ein Vorteil, dass Deutschland in der Gruppenphase den Top-Nationen (Frankreich, England, Italien, Spanien) aus dem Weg gehen kann, vor allem, da der Turniermodus fast keine Pleiten verzeiht. Trotzdem sollte die Gruppe auf keinen Fall unterschätzt werden. Gerade die Dänen haben in den vergangenen Testspielen aufhorchen lassen, dass sie auch den Großen gefährlich werden können. Nicht umsonst haben sie Frankreich und Belgien geschlagen. Aber auch Österreich und Serbien sind keinesfalls Laufkundschaft. Im ÖFB-Team spielen fast ausschließlich Spieler, die in ihren Vereinen feste Größen sind und über die mögliche Gefahr von Serbiens Luka Jovic brauchen wir gar nicht sprechen.

(Photo by Dean Mouhtaropoulos/Bongarts/Getty Images)

Manuel Behlert: Ja – für den Turniereinstieg kann diese Gruppe sicher von Vorteil sein. Deutschland ist es gewohnt sich in der Favoritenrolle zu präsentieren und wird diese annehmen. Insgesamt würde ich alle drei Gegner als zumindest unangenehm bezeichnen, Österreich hat beispielsweise einen großen Schritt nach vorne gemacht. Aber auch Serbien, die neben Jovic offensiv noch Zivkovic, Radonjic und Joveljic im Aufgebot haben und Dänemark, die ebenfalls über viel Qualität – vor allem auf den offensiven Außenbahnen verfügen – können an guten Tagen gegen Deutschland etwas mitnehmen.

Christian Hoch: Ja, ich sehe das schon als Vorteil. Stefan Kuntz hat das auch betont, es sind vielleicht nicht so klangvolle Namen, aber Dänemark hat beispielsweise gegen Belgien sehr gut gespielt. Die deutsche Mannschaft ist aber ganz klar favorisiert und falls man es in dieser Gruppe nicht schafft weiterzukommen, dann wäre das schon eine Enttäuschung. Als stärksten Gegner würde ich Serbien bezeichnen, aufgrund der Präsenz von Jovic und der Qualität der Spieler dahinter.

90PLUS: Neben der starken deutschen Mannschaft haben auch die Spanier, Italiener, Franzosen und Engländer einen sehr guten Kader. Für Italien kann der Heimvorteil natürlich eine Rolle spielen, aber auch die anderen genannten Teams haben gute Chancen weit zu kommen. Wer ist für euch der Favorit? Welchen Kader findet ihr insgesamt am ausgewogensten? Und welche eher „unbekannte“ Mannschaft könnte für eine Überraschung sorgen?

Christian Hoch: Also von den Mannschaften, die in der Frage genannt wurden, kommen mir am ehesten England und Frankreich in den Sinn. Die Qualität im englischen Kader, vor allem in der Offensive, ist extrem hoch. Calvert-Lewin, Nelson, Solanke, auch Foden – das ist enorm stark. England fällt hingegen in der Defensive etwas ab, da haben die Franzosen natürlich überragende Qualität, alleine wenn man die Optionen in der Innenverteidigung mit Konaté, Upamecano, Sarr und Niakhate sieht. Aber auch nach vorne ist der Kader sehr stark, unter anderem mit Mateta und Dembele. Aber natürlich sind auch Spanien und Italien stark. Für eine Überraschung könnten die Polen sorgen, die bereits im Vorfeld signalisiert haben entsprechend ambitioniert in das Turnier zu gehen. Diese Mannschaft sollte man auf dem Zettel haben.

Manuel Behlert: Die Topteams verfügen allesamt über sehr ausgewogene Kader. Frankreich ist insgesamt wohl das Team, bei dem man am ehesten Probleme hat Schwachstellen zu finden. England hat Probleme in der Defensive, Italien fehlt mit Calabria rechts hinten ein Schlüsselspieler, der nicht adäquat zu ersetzen ist, Spanien hat Fragezeichen in der Innenverteidigung und im Angriffszentrum und Deutschland fehlt es an der Breite in der Offensive. Wenn ich mich vorab festlegen müsste, dann würde ich schon sagen, dass Frankreich die besten Voraussetzungen mitbringt. Überraschen kann Serbien in der Deutschland-Gruppe, aber auch Kroatien könnte zu einem Stolperstein für Frankreich und England werden.

Aufstockung auf 16 Teams? „Klares Nein“

90PLUS: Interessant ist auch der Modus des Turniers. In drei Vierergruppen wird gespielt, der Druck ist bereits im 1. Spiel enorm hoch, denn nur der Gruppensieger qualifiziert sich sicher für das Halbfinale, der beste Gruppenzweite stößt dazu. Würdet ihr euch in Anbetracht der immer besseren Leistungsdichte wünschen, dass man das Turnier vielleicht auf 16 Mannschaften ausweitet?

Robin Haack: Klares Nein. Das Turnier wurde zuletzt erst von acht auf 12 Mannschaften aufgestockt. Weitere vier Teams würden dem hohen Niveau des Turniers schaden.

Christian Hoch: Nein, würde ich nicht sagen. Ich finde den aktuellen Modus gut und ziemlich herausfordernd. Es kann sehr schnell passieren, dass ein Favorit ausscheidet und eine Gruppe mit England, Frankreich und Kroatien ist beispielsweise hervorragend für die Zuschauer. Die Bühne ist entsprechend groß, die Spieler können sich unter diesem Druck präsentieren. Ich finde, dass gerade dieser Druck und die Tatsache, dass eine enorme Leistungsdichte herrscht und jeder an die Grenze gehen muss, den Reiz dieses Turniers ausmacht.

Manuel Behlert: Jein. Einerseits wäre es sicher interessant, wenn man in solch einer Turnierphase noch mehr junge Spieler zu Gesicht bekäme, andererseits ist die von Christian angesprochene Leistungsdichte in der Endrunde ein essenzieller Faktor für den Reiz des Turniers.

90PLUS: Jonathan Tah, Nicolo Zaniolo, Dani Ceballos, Dayot Upamecano, Houssem Aouar: Beim Blick auf die Kader fällt auf, dass viele Spieler an der U21-Europameisterschaft teilnehmen, die in ihren Vereinen teilweise seit mehreren Jahren eine hervorragende Rolle spielen, Erfahrungen im Europapokal gesammelt haben. Welchem Spieler (nicht nur von den oben genannten) würdet ihr zutrauen diesem Turnier seinen Stempel aufzudrücken? Und welche Spieler, die man möglicherweise nicht sofort auf dem Zettel hat, sollte man genauer beobachten?

Robin Haack: Dani Ceballos wurde schon bei der vergangenen U21-EM zum besten Spieler des Turniers gewählt und wird dem spanischen Spiel sicher wieder seinen Stempel aufdrücken. Auch aufgrund des Heimvorteils könnte ich mir gut vorstellen, jemand wie Moise Kean bei der EM eine Sternstunde erlebt. In der Rückrunde zeigte er bei Juventus zum Teil überragende Leistungen und zählt für mich zu den größten Offensiv-Hoffnungen des europäischen Fußballs.

(Photo by Gonzalo Arroyo Moreno/Getty Images)

Manuel Behlert: Mikel Oyarzabal! Der Flügelspieler von Real Sociedad ist eine Art Freigeist im Spiel der Spanier und verfügt über enorme Qualität. Gerade mit dem starken Mittelfeld als Basis könnte er zu einem Schlüsselspieler werden. Auch der in der Frage bereits angesprochene Houssem Aouar von Olympique Lyon bringt alles mit um in diesem Turnier eine gute Rolle zu spielen. Seine Dynamik und seine intelligenten Bewegungen sind herausragend. Geheimtipps sind sicher Spieler wie Sebastian Szymanski, der das polnische Spiel lenkt oder der erst 17-jährige Yari Verschaeren, der eine sehr gute Option für die Belgier darstellt. Auch Dänemarks Innenverteidiger Joachim Andersen sollte man sich einmal anschauen.

Christian Hoch: Aus dem deutschen Kader würde ich Alexander Nübel nennen, den ich aktuell für das größte deutsche Torwarttalent halte. Auch auf Lukas Nmecha, den viele nicht so auf der Liste haben, können wir uns extrem freuen. Im Verlauf des Turniers kann er sehr wichtig werden. Natürlich würde ich auch Phil Foden nennen, auch das Fortuna-Duo Lukebakio und Kownacki können eine sehr gute Rolle spielen. Und natürlich Luka Jovic!

90PLUS: Abschließend noch eine obligatorische Frage: Welche Mannschaft wird das Turnier am Ende gewinnen und warum? 

Manuel Behlert: Frankreich. Ich finde – trotz einiger schwacher Testspielresultate – das Gesamtpaket insgesamt am Besten.

Robin Haack: England. Auf der Insel wird seit Jahren herausragende Jugendarbeit geleistet und obwohl Spieler wie Jadon Sancho oder der verletzte Callum-Huson Odoi nicht dabei sind, stellen die Young Lions eine überragende Truppe.

Christian Hoch: Ich lege mich fest: Deutschland wird Europameister. Auch objektiv gesehen glaube ich, dass die deutsche Mannschaft im Vergleich nicht schlechter ist. Ich glaube außerdem, dass die deutsche Mannschaft von ihrem Spirit lebt und Stefan Kuntz eine wichtige Rolle spielen kann, der das super moderiert und gut bei den Spielern ankommt. Er stärkt den Teamgeist und das könnte den Unterschied machen und die letzten Prozentpunkte herauskitzeln.

(Photo by Jörg Schüler/Getty Images for DFB)

Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.

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