Champions League | Blitzstart, später Knockout und Positionsgefühl – Wie Unai Emery den FC Bayern neutralisierte

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Spotlight | Erst zum zweiten Mal steht der Villarreal Club de Fútbol im Halbfinale der Champions League. Wie Manuel Pellegrini 2006 führte nun auch Unai Emery das gelbe U-Boot gegen den FC Bayern unter die letzten vier. Eine Analyse, wie der Baske die beste Offensive dieses Wettbewerbs nahezu komplett neutralisierte.

Hinspiel: Bayern in unter zehn Minuten ausgeguckt

Nicht viele hätten vermutet, dass sich der FC Villarreal nach dem Viertelfinale gegen den FC Bayern unter den vier besten Mannschaften Europas wiederfindet. Ursächlich dafür, war, dass Unai Emery wie ein Großmeister des Schachs jeden Zug seines Kontrahenten vorausahnte.“Ich denke, wir haben zwei sehr gute Spiele gespielt, mit verschiedenen Ansätzen“, sagte er nach dem 1:1 im Rückspiel. Eine Woche zuvor setzte er auf den Heimfaktor, um die Münchener mithilfe der Kulisse, mutigem Ballbesitzfußball und schnellen Spielzügen zu überwältigen. Dass sie dafür anfällig sind, hat nicht zuletzt das 0:5 im DFB-Pokal bei Borussia Mönchengladbach gezeigt. In den ersten fünf Minuten ließ Villarreal den FC Bayern kommen, sich im Spiel zurechtfinden, ein Stück weit auch in falsche Sicherheit wiegen. Die Innenverteidiger durften wiederholt mit langen Bällen und Seitenverlagerungen auf die Flügel das Spiel aufbauen. Dort wurden die Münchener jedoch zuverlässig von zwei Mann in gelb Willkommen geheißen. Die Dominanz war eine scheinbare, der Ballbesitz ohne wirklichen Raumgewinn in der roten Zone und somit wertlos.

 



 

Entschieden wurde das Hinspiel im Mittelfeld. Nach dem 1:1 in München sagte Juan Foyth, man hätte den Gegner „stundenlang“ studiert. Dabei dürfte aufgefallen sein, dass Joshua Kimmich in seinem Offensivdrang wiederholt den Sechserraum freigibt. Jamal Musiala mag zwar die Zweikampfhärte fürs defensive Mittelfeld entwickeln und auch die technischen Anforderungen erfüllen. Die komplette Spielübersicht, den defensiven Positionssinn, um Kimmich regelmäßig abzusichern, kann er als gelernter Zehner/Flügelspieler in seinem Alter aber noch nicht haben.

 

 

Hier kommt das Mittelfeld von Villarreal ins Spiel. Dani Parejo besitzt eben jenen Positionssinn und die Erfahrung sowie technische Stärke, um selbst die engsten Räume in Bayerns Pressingverbund zu bespielen. Giovani Lo Celso ist dahingehend nicht weniger beschlagen. Genau sieben Minuten und eine Sekunde waren auf der Uhr, als die Münchener mit Musiala und Serge Gnabry aggressiv pressten, Kimmich ist ebenfalls aus der Position. Was sich in ihrem Rücken auf Villarreals rechter Seite ergibt, ist nahezu Malen nach Zahlen. Mit einem Kontakt leiten Parejo und Lo Celso die Kugel zu Gerard Moreno auf die rechte Seite weiter.

7:10, wieder muss Musiala gegen Lo Celso positionstechnisch Lehrgeld zahlen. Eine Flanke wäre qua Unterbesetzung des Strafraums nie eine Option gewesen. Es blieb also nur der Ball auf die Grundlinie.

Spätestens hier war der Gegentreffer nicht mehr zu verhindern. Parejo ist inzwischen in die Box an den ersten Pfosten gestartet, vom zweiten Pfosten schleicht sich Arnaut Danjuma in den Rücken von Benjamin Pavard und Dayot Upamecano. Der FC Bayern damit für den Rest des Spiels in Rückstand.

Binnen sieben Minuten und 15 Sekunden hat sich Unai Emery eine Ausgangsposition geschaffen, die den Gegner zum Handeln zwingt und sämtlichen Druck von seiner Mannschaft nimmt. Einmal in Führung konnte Villarreal in aller Ruhe Ballbesitzphasen und schnelle Gegenstöße abwechseln, um nicht zu sehr unter Druck zu geraten. Natürlich hätten sie das Hinspiel höher gewinnen müssen. Das wichtigste, das Ergebnis, lieferte Villarreal dennoch.

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Rückspiel: Bayern verzweifelt an der gelben Mauer

Damit war der Grundstein für das Weiterkommen gelegt. Natürlich kann man die Herangehensweise Unai Emerys kritisieren, dass Villarreal über weite Teile der Partie nichts fürs Spiel tat und nur die Bälle hinten raus schlug. Dennoch war genau das, der entscheidende Teil von Emerys Plan. „Normalerweise gewinnen sie hier in der Champions League 5:0, 5:2, 7:1. Aber wenn wir wie einige Teams, die hier bestanden haben, verteidigen können, dann können wir auch die Fähigkeiten unserer Spieler nutzen, um unsere Momente zu haben, unser Ziel zu erreichen: ein Tor zu erzielen.“

Bereits Ende 2017 kam Unai Emery in die Allianz Arena, damals mit Paris Saint-Germain, geriet nach acht Minuten in Rückstand und verlor letztlich 1:3. Daher wusste er aus eigener Erfahrung, dass es einen frühen Gegentreffer mit allen Mitteln zu verhindern galt. Viele von Bayerns Kantersiegen der letzten Jahre beruhten darauf. Gegen Salzburg fielen die ersten Treffer in den Minuten 12, 21 und 23. Also durften die Münchener erstmal ruhig an der gelben Mauer verzweifeln. Wie schon im Hinspiel doppelte Villarreal regelmäßig die Außenspieler Leroy Sané und Kingsley Coman, hatte alle Laufwege und Flanken von Thomas Müller einstudiert. Raúl Albiol und Pau Torres nahmen Robert Lewandowski nahezu komplett aus dem Spiel.

Der Gegentreffer in Minute 52 war eher das Ergebnis individueller Mängel als taktischer. Parejo wurde durch Bayerns Pressing zu einem unkontrollierten Zuspiel gezwungen. Coman schaltete schnell um. Über Müller und Leon Goretzka kam der Ball zu Robert Lewandowski, der sich diesmal mit seiner technischen Klasse gegen Albiol und Pau Torres behauptete und auch davon profitierte, dass Geronimo Rulli ein Stück zu weit vor seinem Tor stand. Bei diesem Spielansatz hat Unai Emery den Rückstand ziemlich sicher einkalkuliert.

Aber: Noch hatte Villarreal alle Fäden in der Hand – oder war zumindest nicht selbst unter Zugzwang. Also konnten sie ihren Matchplan weiter fortsetzen und genau den Moment abpassen, in dem Bayern sich in Sicherheit wog und zu sehr ins Risiko ging. Da das Spiel geradewegs auf die Verlängerung zusteuerte, forcierte Emery diesen Moment einfach und brachte den extrem schnellen Samu Chukwueze. Mit diesem Zug setzte er den FC Bayern endgültig Schachmatt. Nagelsmann war nun gezwungen, mit Alphonso Davies einen ähnlich schnellen Spieler zu bringen, optimalerweise nicht für Sané, sondern 1:1 für Lucas Hernández um ihn zu verteidigen.

 

 

87:26: Raúl Albiol köpft die x-te uinspirierte Bayern-Flanke aus dem Sechzehner – und der Rest ist eine Kopie des Hinspiels – nur diesmal auf der linken Seite. Dani Parejo kann sich auf engstem Raum aufdrehen und den Ball festmachen, Kimmich presst abermals zu hoch und lässt den Sechserraum offen.

87:30: Giovani Lo Celso schleicht sich hinter Bayerns Pressinglinie und nimmt sofort Gerard Moreno mit. Wieder fehlt einem Bayern-Akteur das Positionsgefühl, diesmal Alphonso Davies, der erstmals in dieser Szene das Abseits aufhebt.

87:34: Davies hebt nochmal das Abseits auf, steht zwischen zwei Mann in gelb im Niemandsland. Am zweiten Pfosten lief Chukwueze ein. Der Rest war Formsache.

Game, set and match.

Photo by David Ramos/Getty Images

Victor Catalina

 

 

Victor Catalina

Mit Hitzfelds Bayern aufgewachsen, in Dortmund studiert und Sheffield das eigene Handwerk perfektioniert. Für 90PLUS immer bestens über die Vergangenheit und Gegenwart des europäischen Fußballs sowie seine Statistiken informiert.

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