Rangnick gegen Simeone: Eine schicksalhafte Schachpartie

Diego Simeone und Ralf Rangnick treffen in der Champions League aufeinander.
Spotlight

Ralf Rangnick trifft als Trainer von Manchester United auf das Atlético Madrid von Diego Simeone. Zwei Trainer, deren Außenwirkung kaum unterschiedlicher sein könnte, deren Situationen und strategischen Überzeugungen aber mehr gemein haben, als der ein oberflächlicher Blick vermuten lässt. Über zwei Großmeister, die auch um ihre Zukunft coachen.

Ralf Rangnick (63) trifft heute Abend auf Diego Simeone (51). Zwei Trainer, die auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein könnten. Auf der einen Seite der kühle Fußballprofessor, auf der anderen Seite das Enfant terrible der Trainergilde. Blickt man allerdings durch die Fassade hindurch, offenbart sich: Der Unterschied zwischen beiden ist gar nicht so groß.



Rangnick und Simeone – beide Leben für den Fußball. Ihre Teams agieren stets hochdiszipliniert. Die Handschrift der beiden ist unverkennbar und das Fundament ihrer Spielweisen dasselbe: Intensität. Nicht fein abgestimmtes Positionsspiel oder ewige Passrochaden stellen die beiden Strategen in den Mittelpunkt ihrer Lehren – im Zentrum steht die rohe Intensität. Das Überfordern und Stressen der Gegner mit der physischen Heftigkeit der eigenen Spielweise ist stets das Ziel.

So jedenfalls die Visionen von Rangnick und Simeone. Doch in dieser Saison eint die beiden noch etwas: Die Vehemenz ihrer Spielweisen scheint nicht mehr zu greifen. Sowohl Manchester United als auch Atlético Madrid straucheln zusehends und die Kritik an den beiden Trainern wird immer lauter. Die Champions League bietet die letzte Chance, der Saison einen positiven Dreh zu verleihen – für Rangnick sowie für Simeone. Möchte man dem Spiel mit pathetischem Wert aufladen, könnte man sagen, es wird ein Duell zweier alternder Schachgroßmeister – der eine in sich ruhend, der andere stets brüllend – die um ihre Zukunft spielen.

„Godfather of Gegenpressing“

Es überraschte, als Ralf Rangnick bei Manchester United anheuerte. Mit Ausnahme von zwei Saisons als Übergangstrainer von RB Leipzig – 2015/16 und 2018/19 – agierte er seit 2011 in verschiedenen Rollen als Sportdirektor nur noch als Architekt. Die Euphorie bei den englischen Fans war trotzdem riesig. Endlich hatte auch Manchester United einen deutschen Trainer, deren Aktien in der Premier League aktuell alle anderen in den Schatten stellen. Und dann noch denjenigen, der die Trainergeneration um Jürgen Klopp und Thomas Tuchel so maßgeblich beeinflusste, wie niemand anderes. Die englischen Medien tauften Rangnick den „Godfather of Gegenpressing“.

Das Problem daran war aber, dass Rangnick stets Prozesse leitet. Er ist niemand, dessen Teams von einem auf den anderen Tag durch die Decke gehen. Wie auch? Die Ephorie um ihn war also schnell verflogen, obwohl seit der ersten Partie gegen Crystal Palace Rangnicks Stil zu erkennen ist. Manchester United presst hoch und intensiv – sogar Cristiano Ronaldo versucht zumindest den Eindruck zu erwecken, auch gegen den Ball am Spiel teilnehmen zu wollen. Genau wie bei Rangnicks Leipzigern ist der Plan, die Gegner durch Anlaufen von außen nach innen zu unpräzisen Pässen in das Herz der eigenen Defensive zu zwingen. Wo, je nach Spiel, zwei der drei Balljäger Scott McTominay, Fred und den von Rangnick ebenfalls in dieser für ihn etwas eigenwilligen Rolle eingesetzten Paul Pogba auf Ballgewinne warten.

Das Team verinnerlichte diese Spielweise unerwartet schnell. Gegen den Ball wirkte das Spiel bereits nach wenigen Wochen strukturierter und vitaler als unter Ole Gunnar Solskjær. Die Offensive allerdings, wirkte uninspiriert. In sechs der ersten sieben Spiele unter Rangnick erzielte Manchester United nur jeweils ein Tor. Die Hoffnung auf Esprit, die die Ankunft von Rangnick bei den United-Fans auslöste, war verflogen – und wurde spätestens als Manchester United gegen den FC Middlesbrough aus dem FA Cup ausschied begraben. Rangnick als Reformator, daran glaube bei United nur noch die Wenigsten.

(Photo by Shaun Botterill/Getty Images)

Doch: Mittlerweile wirkt auch die Offensive von United flüssiger. Zuletzt gewann der Premier-League-Rekordmeister mit 4:2 gegen Leeds United und zuvor mit 2:0 gegen Brighton & Hove Albion. Und auch der Blick auf die Zahlen zeigt: Unter Rangnick hat Manchester United nur eins der zwölf Premier-League-Spiele verloren. Rangnicks Arbeit zeigt also Wirkung. Er arbeitet ruhig und verbessert seine Mannschaft stetig. Trotzdem hadert das unbarmherzige United-Umfeld mit ihm. Garry Neville und Paul Scholes sprachen sich implizit dagegen aus, dass der Deutsche auch über die aktuelle Saison hinaus Trainer bleibt. Die einzige Chance für Rangnick, das titelgierige Umfeld von Manchester United davon zu überzeugen, dass er mehr als ein Interimstrainer ist, scheint die Champions League sein.

Die phlegmatische Suche nach der eigenen Identität

Gleiches gilt für Diego Simeone, auf dessen Mannschaft Rangnick in der Champions League trifft. Öffentlich wird vielerorts angezweifelt, ob Simeone noch der richtige für sein Team sei. Der Argentinier, der Atlético Madrid von einem tristen Arbeiterklub zum schillernden Konkurrenten von Stadtrivale Real Madrid umbaute, erlebt gerade die bitterste Zeit seit seinem Amtsantritt. Die spanischen Medien spekulieren gar schon über einen Nachfolger. Ein Name der immer wieder genannt wird: Ernesto Valverde. Dass Simeone bei einem Ausscheiden in der Champions League wirklich gehen müsste, ist angesichts seiner Verdienste unwahrscheinlich. Wenn Verein und Trainer sich trennen sollten, wird dies einvernehmlich geschehen. Und die Wahrscheinlichkeit, dass auch Simeone nicht mehr an eine gemeinsame Zukunft glaubt, wird sich fraglos erhöhen, wenn in dieser eh schon verkorksten Saison auch noch ein zu frühes Ausscheiden in der Champions League hinzukäme.

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In einer Saison, die Fragezeichen aufwirft. Atlético war in den letzten Jahren stets: defensiv herausragend, bis in die Haarspitzen konzentriert und motiviert und etwas, was im Fußball oft als Unwissenheit benebelnde Floskel hervorgebracht wird, bei den Madrilenen aber unverkennbar war; sie agierten als ein Einheit. In einem unsteten Fußballgeschäft konnte man sich darauf verlassen. Bei Atlético Madrid, da war die Fußballwelt noch in Ordnung.

Doch irgendwann in den letzten Monaten veränderte sich etwas beim Arbeiterklub aus Madrid. Der Saisonstart war als amtierender Meister noch gelungen, bis der Dezember kam. Atlético verlor vier seiner fünf La-Liga-Spiele in jenem Monate und zudem seine Identität. Die Mannschaft, die überall auf der Welt als Vorbild für Defensivarbeit erachtet wurde, kassierte plötzlich Tore am Fließband. Nur sieben La-Liga-Klubs haben in der laufenden Saison mehr Gegentore als die Madrilenen hinnehmen müssen. 34 Stück in gerade einmal 25 Spielen. (In den 38 Spielen der vergangenen Saison waren es gerade mal 25 Gegentore.) Atlético wirkt in dieser Spielzeit fast wie eine Antithese zum Atlético der letzten Jahre. Denn nicht nur die schiere Zahl der Gegentore, auch die Art und Weise macht ratlos. Nichts zu sehen von der scharfsinnigen Griffigkeit der letzten Jahre. Das Team, der Klub, das Umfeld wirken phlegmatisch.

(Photo by Juan Manuel Serrano Arce/Getty Images)

Ob all dies nur Symptome einer langanhaltenden Krise sind, werden die nächsten Monate zeigen. Wird Simeone seiner Mannschaft wieder die „Atleti“-typische Aggressivität und Unerbittlichkeit einhauchen? Es gab einige strategische Prinzipien, die Atlético in den letzten Jahren so stark machten. Sie pressten in wenigen Phasen sehr hoch, häufiger begann die Balljagd aber erst in der eigenen Hälfte. Denn das oberste Prinzip war die Kompaktheit. In der Mitte musste Überzahl hergestellt werden und der Gegner sollte nach außen gelenkt werden. Dies artete in Phasen des Spiels derart aus, dass teilweise acht von zehn Feldspielern im eigene Strafraum verteidigten. Denn es ging immer darum, dem Gegner die gefährlichen Zonen auf dem Spielfeld zu versperren und die ungefährlichen zu überlassen. Ein Prinzip, dass auch Ralf Ragnick befolgt, allerdings mit seinem trichterartigen Pressing etwas anderes interpretiert.

Simeone lehrte seiner Mannschaft diese Grundsätze über Jahre hinweg in einem 4-4-2, welches in einigen Saisons an ein Ragnick-typisches 4-2-2-2 erinnerte, sich in der Regel aber durch zwei Flache und sehr eng gestaffelte Verteidigungslinien bestand. In der vergangenen Meistersaison etablierte er eine andere Grundordnung. Atlético agierte meist in einem 3-1-4-2, die Grundprinzipien waren aber die selben. Dies hat er nun wieder rückgängig gemacht. Sein Team spielte in den letzten Spielen meist in der altbekannten 4-4-2-Grundordnung. Allerdings ist dies nicht entscheidend. In seiner Grundformation war Simeone stets flexibler, als es ihm nachgesagt wurde. Es waren die Grundprinzipien, der unverwechselbare Simeone-Stil, der ihn und sein Team so erfolgreich gemacht hat – und der nach seinem rätselhaften Versschwinden wiedergefunden werden muss.

Um zur Pathetik zurückzukehren: Beide stehen vor dem Aufeinandertreffen im Schach. Nicht, weil sie leichtfertig ihre Dame verloren haben, sondern vielmehr, weil die von außen auferlegten Erwartungen zu groß sind und die Champions League – zugegeben, auch in diesem Artikel – zum Schicksalswettbewerb hochstilisiert wird. Wessen König zuerst fallen wird? Darüber werden die die kommenden beiden Partien vielleicht Auskunft geben. Es ist sogar möglich, dass beide überleben. Nicht in der Champions League, sondern in ihrem jeweiligen Amt.

(Photo by JAVIER SORIANO/AFP via Getty Images) // (Photo by PAUL ELLIS/AFP via Getty Images) // (Photo by PATRICIA DE MELO MOREIRA/AFP via Getty Images)

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