Champions und Europa League: Was wir aus dieser Saison lernen können

UEFA CL/EL

News | Die Finals der Champions League und der Europa League stehen an. Gemeinsam mit Taktik-Analyst Marius Fischer zieht 90PLUS eine Bilanz.

  • Risikobereitschaft in der Premier League
  • Serie A auf einem guten Weg
  • Ist die Bundesliga überschätzt?

Was man aus der Champions League lernen kann

Die europäischen Wettbewerbe gelten als die schwersten und wichtigsten Turniere des Klubfußballs. Auch deshalb lässt sich aus den Entwicklungen der Champions League und Europa League immer wieder der Stand der Fußballwelt ablesen. Was sind bevorzugte Taktiken und Strategien? Welches Land hat die Nase vorne und welche Liga hinkt hinterher? Julius Eid hat mit Taktik-Analyst Marius Fischer gesprochen um eine Bilanz zu ziehen.

Premier League „schneller und risikobereiter“

90PLUS: Lass uns mit dem Offensichtlichen beginnen: Drei der vier Endspielmannschaften kommen aus der Premier League. Sind es nur die finanziellen Möglichkeiten oder sind die englischen Vereine dem Rest auch taktisch enteilt?

Marius Fischer: Beides hängt wohl irgendwie miteinander zusammen. Mittlerweile sind es ja nicht nur die Spieler, die die Premier League zur besten Liga der Welt machen, sondern auch die Trainer. Guardiola, Klopp, Tuchel, Bielsa. Das sind vier der aktuell wohl besten Trainer der Welt. Dazu junge Trainer wie Arteta oder Graham Potter, die zumindest eine klare taktische Idee verfolgen. Das hat die Premier League in den letzten Jahren stark geprägt.

Photo by: Richard Heathcote

90PLUS: Wird sich die englische Dominanz noch weiter festigen?

Marius Fischer: Ich glaube ja. Die finanzielle Lage der Liga wurde und wird ja gerade in Deutschland immer sehr kritisch gesehen und häufig als „Blase“ bezeichnet. Wenn man die einzelnen Investorenvereine wie Chelsea oder Manchester City jedoch ausblendet, merkt man, dass die Bundesliga der Premier League immer ähnlicher wird – allerdings zehn Jahre später! Aufgesplittete Spieltage, unterschiedliche Pay-TV-Anbieter, hohe Transfersummen, zunehmende Internationalisierung. Haben wir alles auch in Deutschland, die Premier League war aber einfach schneller und risikobereiter. Das zahlt sich sportlich jetzt aus.

Killerinstinkt und Spielsystem hängen nicht zwingend zusammen

90PLUS: Lange Zeit wirkte gerade die Champions League wie die Renaissance des Mittelstürmers. Die Chancenverwertung kostete so einige Mannschaften trotz guter Leistungen das Weiterkommen. Im Finale stehen nun aber mit City und Chelsea zwei Mannschaften, bei denen der Killerinstinkt im Sturmzentrum nicht unbedingt im Fokus steht. Was ist denn nun State of the Art im Offensivbereich?

Marius Fischer: Für mich hängen Killerinstinkt und Spielsystem nicht zwingend zusammen. Manchester City spielt zumeist ohne klassischen Stürmer, zeigt sich diese Saison aber stark verbessert vor dem Tor und konnte dadurch auch knappe Spiele häufig für sich entscheiden. Mit Timo Werner zeigt sich auf der anderen Seite, dass auch „gelernte“ Stürmer keine hohe Trefferquote garantieren. Ohne einen Weltklasse-Mittelstürmer müssen die Torchancen besser vorbereitet und die Chancenqualität optimiert werden – City hat dies durch die vielen „einfachen“ Tore nach Cutbacks aus der Assist-Zone perfektioniert.

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„Reine Taktik-Theoretiker werden es schwer haben“

90PLUS: Sowohl Tuchel als auch Guardiola gelten als verkopfte Taktiker, Solskjaer hingegen wird meist eher für seine Fähigkeiten im Man-Management gelobt. Traust du in Zukunft auch wieder Trainertypen der zweiten Sorte den großen Erfolg in der Königsklasse zu oder sind die „Taktiker“ die unangefochtene Speerspitze auf der Trainerbank?

Marius Fischer: Auch wenn ihre taktischen Fähigkeiten im Vordergrund stehen, gehören Guardiola und Tuchel auch in Sachen Man-Management zu den besten Trainern der Welt. Anders ist es heutzutage auch gar nicht mehr möglich. Ich würde sogar so weit gehen, dass du als Trainer bei einer Topmannschaft eher auf die taktischen Fähigkeiten verzichten kannst, als auf die „sozialen“. Terzic hat dies beim BVB bestätigt: Während er taktisch mit Sicherheit noch nicht auf dem Niveau von Lucien Favre agiert, hat sein hervorragender Draht zur Mannschaft und sein Umgang mit Spielern wie Sancho oder Haaland letztlich für Erfolg gesorgt. Aus diesem Grund wird auf diese „soft skills“ mittlerweile auch in der Trainerausbildung Wert gelegt. Reine Taktik-Theoretiker werden immer einen Platz im Profifußball finden, es aber zumindest als Cheftrainer schwer haben in Zukunft.

photo: Moritz Müller

90PLUS: Die Defensive stand sowohl in den nationalen als auch in den internationalen Wettbewerben noch mehr im Fokus als sonst. Inwieweit liegt das auch am Corona-Spielplan und gibt es weitere Veränderungen, die dir in Zeiten der Pandemie aufgefallen sind?

Marius Fischer: Man hatte das Gefühl, dass die Netto-Spielzeit noch weiter zurückgegangen ist. Viele Unterbrechungen und wenig Spielfluss waren die Gründe. Vor allem in der Bundesliga wurde noch mehr auf Konter gespielt. Es erinnerte mich zeitweise an den Fußball bei einer Weltmeisterschaft: Wenig Trainings-/Vorbereitungszeit sorgten dafür, dass reine Ballbesitzmannschaften besonders zu Beginn der Saison Probleme hatten und kompakte Umschaltteams wie Union Berlin, Wolfsburg oder Stuttgart überraschend starke Leistungen erzielten.

Die Serie A ist auf einem guten Weg

90PLUS: Viele große Namen verabschiedeten sich im Laufe der Wettbewerbe mehr oder weniger klanglos, teils blamabel. Inter scheiterte in der Gruppenphase, Juventus enttäuschte gegen Porto und die Roma verlor krachend gegen Manchester United. Obwohl die Serie A spannender ist als je zuvor, scheinen die Italiener den Anschluss zu verlieren. Ein Ausrutscher oder eine folgerichtige Entwicklung?

Marius Fischer: In meinen Augen eher ein Ausrutscher. Ich verfolge die Serie A mittlerweile lieber als die La Liga, teilweise sogar lieber als die Bundesliga. Mit Inter hat sich endlich ein zweites Topteam etabliert, dem ich nächste Saison auch in der Champions League einiges zutraue. Juventus wird wiedererstarkt zurückkommen. Dahinter gibt es mit Lazio, Neapel, Milan oder Atalanta viele interessante Teams und Trainer. Das wird kurzfristig eventuell noch nicht für den großen Coup in Europa reichen – dennoch sehe ich Italien sowohl mit der Serie A, als auch mit der Nationalmannschaft auf einem guten Weg, der häufig unterschätzt wird.

„Bundesliga lange nicht so stark, wie sie in Deutschland gesehen wird“

90PLUS: In der Champions League erfüllten Bayern und Dortmund das Soll, in der Euro League blamierten sich deutsche Vereine erneut. Wie bewertest du generell das deutsche Abschneiden?

Marius Fischer: Man hat mal wieder gesehen, dass die Bundesliga lange nicht so stark ist, wie sie in Deutschland häufig gesehen wird. Ein Grund für mich ist die fehlende taktische Flexibilität der deutschen Teams. Über die Hälfte der Liga definiert sich rein über das Kontern und Umschalten – das sorgt dafür, dass Teams wie Wolfsburg oder Leverkusen von frisch aufspielenden Teams aus anderen Ländern überrascht werden und keine Lösung parat haben.

photo: Moritz Müller

90PLUS: Zu guter Letzt: Wie bewertest du die Qualität der diesjährigen europäischen Wettbewerbe?

Marius Fischer: Wie bereits erwähnt hat mich vieles an eine WM erinnert. Fokus auf die Defensive und wenig überzeugende Leistungen. Selbst Manchester City hatte wenige Galavorstellungen. Das Duell zwischen Paris und Bayern war eine seltene Ausnahme, die gerade deswegen so schön anzusehen war. Ob sich das durch die Europameisterschaft und dadurch erneut kurze Pause in der nächsten Saison verbessern wird, bleibt abzuwarten.

Photo by Imago

Julius Eid

Seit 2018 bei 90PLUS, seit Riquelme Fußballfan. Gerade die emotionale Seite des Sports und Fan-Themen sind Julius‘ Steckenpferd. Alleine deshalb gilt: Klopp vor Guardiola.

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