Wie Nasser Al-Khelaifi die Champions League zu dem macht, wovor sich viele fürchten

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Nasser Al-Khelaifi ist einer der mächtigsten Männer im Weltfußball und seit einem Jahr der Vorsitzende der European Club Association (ECA). Als Vertreter der Vereinsinteressen innerhalb der UEFA versucht er die Champions League zu erhalten – und trotzdem die Expansionsträume der Super-League-Architekten rund um Florentino Pérez zu verwirklichen. Nur auf den ersten Blick ein Dilemma.

Im Weltfußball, gar in der gesamten Sportwelt, gibt es kaum einen mächtigeren Mann als Nasser Al-Khelaifi (48). Eine schiere Aufzählung seiner Ämter, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit hat, zeigt die absurde Reichweite seiner Einflusssphäre: Al-Khelaifi ist Vorsitzender des Fernsehnetzwerks BeIn Sport, einem der größten Käufer von Live-Übertragungsrechten weltweit, Vorsitzender des katarischen Tennisverbands, Vizepräsident des asiatischen Tennisverbands und Präsident von Paris Saint-Germain. Hier soll es um seine Funktion im Fußball gehen, dabei geht es ihm vor allem um eines: Der Fußball soll immer weiter expandieren. In alle Richtungen.

Nasser Al-Khelaifi: „Neue Austragungsorte, neue Märkte und neue Formate“

Welche Ideen er konkret andenkt? Was seine Vorbildprodukte sind? Eine Aussage von Al-Khelaifi, die „The Athletic“ zitiert, gibt Hinweise: „Ich kann nicht verstehen, wie sich der Super Bowl größer anfühlen kann als das Champions-League-Finale. Der Super Bowl und die USA im Allgemeinen haben diese Mentalität, Kreativität und Unterhaltung. Das ist es, was ich vorgeschlagen habe: eine Eröffnungszeremonie für die Champions League, ein Spiel am Eröffnungsabend, bei dem der Sieger gegen ein großes Team antritt – vielleicht ist das keine gute Idee, aber zumindest sollten wir den Status quo herausfordern. Jedes Spiel muss ein Ereignis und Unterhaltung sein.“



Jedes Spiel soll also ein Ereignis sein. Eine Grundidee, die auch hinter der immer wieder aufkommenden Idee der Super League steckt. Denn: Real Madrid gegen Manchester City ist spektakulärer als der Juventus Turin gegen den FC Genua. Ein weiteres Argument, dass von den Super-League-Befürwortern rund um Real Madrid, FC Barcelona und Juventus Turin immer wieder vorgebracht wurde, lautet: Die Möglichkeiten für Wachstum der Vereine seien außerhalb des bestehenden Rahmens der europäischen Strukturen größer als innerhalb dieser bereits gewachsenen Strukturen. Deswegen liege die Zukunft des Fußballs nicht in der Champions League, sondern innerhalb eines neuen, noch größeren Unterhaltungsspektakels: der Super League.
Nun würde man wohl denken, Nasser Al-Khelaifi sei ein Unterstützer all dieser Ideen und würde damit die bestehenden europäischen Strukturen – sprich: die Champions League – ebenfalls in Frage stellen. Sein Handeln folgt, wie er gegenüber „The Athletic“ selbst sagte, der Maxime: „Neue Austragungsorte, neue Märkte und neue Formate.“

Die Ablehnung der Champions League ist allerdings mit einem Amt unvereinbar, dass in der Aufzählung zu Beginn bewusst verschwiegen wurde. Seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres ist Al-Khelaifi Vorsitzender der European Club Association (ECA). Die ECA ist die Organisation, die die Interessen der Vereine vertritt, die an europäischen Wettbewerben teilnehmen. Sie gilt als das Gremium, das sich bei der UEFA für mehr Macht und Reichtum für die Vereine einsetzt. Also, etwas verkürzt gesagt: Al-Khelaifi kämpft für den Erhalt der europäischen Wettbewerbe, also auch der Champions League. Die wirtschaftsstärksten Vereine sollten sich laut Al-Khelaifi nicht zusammenschließen und einen eigenen Wettbewerb gründen. Vielmehr sollten sie ihre sowieso schon große – manche würden sagen: zu große – Macht innerhalb der bestehenden Strukturen ausweiten.

Die gute, alte Champions League

Die Motivation beider Fronten ist identisch: Das Wachstumspotential und die Macht der Vereine sollen maximiert werden. Nur kämpft Al-Khelaifi um einen anderen Weg als die Super-League-Sympathisanten, um das Ziel zu erreichen. Oder doch nicht? Denn viele Beobachter halten die immer wieder aufkommenden Super-League-Drohungen für nichts weiter, als ein Mittel der wirtschaftsstarken Vereine, ihre Macht innerhalb der UEFA auszuweiten. Steht eine Verhandlung um die Verteilung der Finanzen an, werden die alten Pläne wieder aus der Schublade geholt, um der UEFA zu zeigen: Wenn ihr nicht tut, was wir wollen, gehen wir. Und wenn wir gehen, geht euch Geld flöten – ein riesiger Haufen. Und wenn man dieser Logik glaubt, kämpfen Al-Khelaifi und die Vereine, die mit der Super League drohen, doch gemeinsam. Unterschiedlich sind dann nur noch die Rollen, in denen sie agieren. Grinsend neben seinen stellvertretenden Vorsitzenden Oliver Kahn (52) und Edwin van der Sar (51) von Bayern München und Ajax sitzend wirkt die von Al-Khelaifi nur deutlich hehrer.

Als vergangenes Jahr die bisher konkretesten Super-League-Pläne durch die Fußballwelt geisterten, war ein großer Teil der Fußballfans entsetzt. Das Ende der Fußballromantik wurde ausgerufen. (Ist die nicht längst schon Ade, wenn man eine konservative Auffassung dieser hat?). Die Super League ist spätestens seit diesem Vorstoß beschädigt. Ihr Image wäre, würde sie wirklich kommen, von Beginn an unterirdisch. Trotzdem kommentierten damals viele, renommierte Kenner: Es sei nur eine Frage der Zeit, bis dieses Format entstehen werde. Darüber herrschte weitgehend Einigkeit. Betrachtet man allerdings die neue Rolle und die neue Haltung Al-Khelaifis, ist es lange nicht mehr sicher, dass die großen Vereine langfristig planen, die UEFA zu verlassen. Denn: Es ist weder im Interesse des Verbandes noch im Interesse der Klubs, die Champions League zu begraben. Viel realistischer ist es, dass die Champions League in einigen Jahrzehnten das sein wird, was bereits jetzt unter dem Namen Super League als Dystopie durch die Köpfe viele Fußballfans geistert.

Im Jahr 2024 wird die Champions League von 32 auf 36 Mannschaften aufgestockt. Die UEFA hat bereits ein großes Zugeständnis gemacht, indem sie ein Joint Venture mit der ECA gegründet hat, um die Medien- und kommerziellen Rechte zu verwalten, die im letzten Zyklus einen Wert von 2,7 Milliarden Pfund pro Jahr hatten. Al-Khelaifi verriet, dass der kommerzielle Wert der UEFA-Klubwettbewerbe der Männer im Zyklus nach 2024 um unglaubliche 39 Prozent steigen wird, und er sagte auch: „Wir müssen gemeinsam noch weitere unerschlossene Einnahmequellen erkunden“.

Die Vereine sind längst mächtiger als der Verband. Die ECA diskutiert viele Ideen. Alle mit dem Ziel: „Jedes Spiel muss ein Ereignis und Unterhaltung sein.“ Viele davon werden nie öffentlich, wenige schon. Eine, die derzeit mit der UEFA diskutiert wird, „The Atheltic“ berichtete darüber, ist die Änderung des Superpokals. Dieser wird normalerweise vor Beginn der Saison ausgetragen, und zwar zwischen dem Sieger der Champions League des Vorjahres und dem Sieger der Europa League. Ein Konzept, das in Erwägung gezogen wird, sieht vor, den Superpokal durch ein Final-Four-Miniturnier zu ersetzen, bei dem die vier Finalisten (der Champions League und der Europa League) gegeneinander antreten.

Wenn es nach den großen Klubs geht, könnte dies auch an Austragungsorte stattfinden, die bisher noch nicht abgedeckt sind, um neue Zuschauer anzusprechen. Vielleicht ein Superpokal außerhalb Europas? Dass die UEFA Fußballromantiker vor solchen Ideen bewahrt , dieser Idealismus ist längt Vergangenheit.

(Photo by FABRICE COFFRINI/AFP via Getty Images)

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