WM 2022: England gegen Frankreich – viele Parallelen und einige Fragezeichen

Englands Nationaltrainer Gareth Southgate (vorne) und Frankreichs Coach Didier Deschamps standen sich bereits 2017 gegenüber.
WM-News

Im Viertelfinale der WM 2022 treffen England und Frankreich aufeinander. Beide Teams teilen vielen Parallelen und haben einige Fragezeichen. Macht Kylian Mbappé den Unterschied? 

Anpfiff der Partie ist Samstag, 20 Uhr (live im ZDF)

England

So langsam entwickelt sich England zu einer Turniermannschaft. Obwohl Trainer Gareth Southgate (52) alles andere als unumstritten ist, hat er die Three Lions bei Europa- und Weltmeisterschaften bereits zu zwölf Siegen geführt – Verbandsrekord. Einzig die Krönung fehlt noch, der erste Titel seit 1966. Kommt er 2022 endlich nach Hause?



Nach der durchwachsenen, aber am Ende souveränen Gruppenphase, arbeitete 90PLUS drei Gründe für und drei Gründe gegen einen englischen WM-Triumph heraus. Beim 3:0 über Senegal waren beide Seiten sichtbar. Die positiven Gründe wurden bestärkt: Die individuelle Klasse, die Mentalität, eine schwierige Anfangsphase zu überstehen sowie anschließend die spielerische Reife und Effizienz des unspektakulären aber ergebnisorientierten “Southgateballs”. Nichtsdestotrotz bleibt die Frage, wie gut diese Engländer wirklich sind, weiter im Raum stehen. Denn wieder war der Gegner – bei allem Respekt – nicht aus der obersten Schublade. Und trotzdem zeigten nach den USA nun auch die Afrikaner in jener Anfangsphase, dass ein guter Matchplan mit Pressingelementen genügt, um Southgates Löwen mindestens aus der Spur zu bringen. Zu was ist dann ein Gegner in der Lage, der qualitativ mindestens ebenbürtig ist?

Lässt Southgate die Löwen von der Leine?

Im Angriff werden Les Bleus am Samstag sogar den besten Spieler auf dem Platz haben: Kylian Mbappé (23). “Es ist meine Aufgabe, ihn zu stoppen. Ich werde ihm Respekt entgegenbringen, aber nicht zu viel”, sagte Rechtsverteidiger Kyle Walker (32), betonte aber zugleich: “Wir spielen nicht Tennis, es ist kein Eins-gegen-Eins-Duell.” Denn um in das Halbfinale einzuziehen, müssen weitere Duelle siegreich gestaltet werden. In der Defensive, wo Harry Maguire (29) auf den formstarken Olivier Giroud (36, zu ihm später mehr) trifft, im Mittelfeld, wo der junge Jude Bellingham (19) bereits Dreh- und Angelpunkt ist und im Angriff – das Prunkstück. Hier tummeln sich die furiosen Phil Foden (22/ ein Tor, zwei Vorlagen) und Bukayo Saka (21/drei Tore), die beide beginnen sollten, sowie Talisman Harry Kane (29). Die Tormaschine der Tottenham Hotspur hat zwar erst einen Turniertreffer erzielt, glänzt dafür um so mehr mit Spielmacherqualitäten (drei Vorlagen).

Stichwort Glänzen. Trotz der Klasse im Offensivbereich, setzte Southgate in der Vergangenheit selten auf Angriff sondern viel mehr auf Spielkontrolle und -verwaltung. Das ist ein Grund für den Erfolg, aber auch für die tränenreiche EM-Finalpleite gegen Italien, als man im Verwaltungsmodus versank. Wird der Ex-Verteidiger nun ausgerechnet gegen Frankreich mutiger spielen lassen? Es mache keinen Sinn, verhalten in das Spiel zu gehen, sagte Southgate jedenfalls zur ITV, was entgegen einiger Spekulationen für ein Festhalten an der Viererkette spricht. „Wir glauben, dass wir mit dem Ball Probleme verursachen können, und das werden wir auch tun.“ Es klingt nach dem Selbstbewusstsein einer Turniermannschaft, die in den letzten vier Jahren zwei Halbfinalspiele erreichte und nun über die Erfahrung der „großen Nächte“ verfügt, wie Southgate es formulierte. Folgen nun die Taten?

England muss für den Rest des Turniers auf Ben White (25) verzichten, der wegen persönlichen Gründen früher abreiste. Raheem Sterling (28) war nach einem Einbruch in seinem Familienhaus ebenfalls zwischenzeitlich in der Heimat, sollte aber ebenso wie Kane-Backup Callum Wilson (30, muskuläre Probleme) und Mittelfeldstratege Declan Rice (23, krank) zur Verfügung stehen.

Harry Kane und Phil Foden feiern gegen Senegal Englands 3:0 durch Bukayo Saka.

(Photo by PAUL ELLIS/AFP via Getty Images)

Frankreich

Vieles was für den englischen Nationaltrainer gilt, gilt auch für den französischen. Auch Didier Deschamps (54) verfügt trotz der Ausfälle von Lucas Hernandez (26), N’Golo Kanté (31), Paul Pogba (29), Christopher Nkunku (25) und Weltfußballer Karim Benzema (34) über eine absurde Auswahl an herausragenden Spielern aus dem obersten Regal, vor allem in der Offensive. Auch er lässt sie selten ein Feuerwerk zünden und fokussiert sich auf eine pragmatische Herangehensweise. Einziger Unterschied? Der 54-jährige Ex-Mittelfeldspieler hat auf diese Weise bereits das ultimative Ziel erreicht – den WM Titel 2018. Einen Pokal, welchen er zudem auch als Kapitän der Equipe Tricolore im Juli 1998 in den Pariser Nachthimmel stemmte.

Die Parallelen der beiden Trainer und Mannschaften setzten sich bei der WM 2022 bislang fort. Die Gruppenphase wurde souverän gemeistert, das 0:1 gegen Tunesien war ein Praxistest für die B-Elf. Doch ähnlich wie England wirkte auch Frankreich im Achtelfinale gegen Polen nicht unschlagbar. Les Bleus kamen schwer in die Partie, ehe sich die individuelle Klasse durchsetzte und am Ende zu einem letztendlich souveränen 3:1-Sieg führte. Natürlich stand dabei einmal mehr Kylian Mbappé (23) im Vordergrund. Der Ausnahmestürmer erzielte mit eiskalten Abschlüssen wie aus einem Videospiel seine Turniertreffer vier und fünf.

Frankreichs Spieler gratulieren Kylian Mbappe zu seinem Tor.

(Photo by Alex Grimm/Getty Images)

„Kylian ist Kylian“

Natürlich steht Mbappé auch gegen England im Fokus. Doch in seinem Schatten gibt es weitere begabte Akteure, viele davon haben ihm sogar zu seinem Glanz verholfen. Keiner passt so sehr in diese Beschreibung wie Olivier Giroud, dessen Uneigennützigkeit, Spiel-IQ und Wichtigkeit als Zielspieler nur selten die entsprechende Anerkennung erhalten. Anders als vor vier Jahren glänzt der 36-Jährige in Katar auch als Vollstrecker, sein drittes Turniertor gegen Polen war zugleich sein 52. für Frankreich – damit überholte er Thierry Henry (45) auf der ewigen Torschützenliste. Direkt hinter dem Duo folgt mit 42 Treffern übrigens Antoine Griezmann (31), der trotz geringen Outputs (eine Vorlage) in einer defensiveren Rolle ein sehr gutes Turnier spielt.

Gleiches gilt für weitere Spieler wie Adrien Rabiot (27), der mit Aurelien Tchouameni (22) ein physisches und spielstarkes zentrales Mittelfeld bildet. Zusammen mit der Defensive um die Innenverteidiger Dayot Upamecano (24) und Raphael Varane (29) sowie den Außenspielern Jules Kounde (24), der sich rechts gegen Benjamin Pavard (26) durchgesetzt hat, und Theo Hernandez (25), der links seinen verletzten Bruder Lucas (26) vertritt, hat sich bei den Franzosen eine homogene und eingespielte Stammelf entwickelt. „Wir haben auch andere gefährliche Spieler. Das hilft uns, dass wir nicht zu abhängig sein“, sagte Deschamps auf der Pressekonferenz. Es war ein Versuch, das Team hinter Superstar Mbappé hervorzuheben. Er scheiterte. Denn selbst der Trainer musste zugeben: „Aber Kylian ist Kylian – und das wird immer so sein.“ Der Stürmer von Paris Saint-Germain sei nunmal ein Mann, der „immer den Unterschied“ machen könne.

Am Dienstag verpasste dieser Mann allerdings das Mannschaftstraining, was eine ganze Nation den Atem anhalten ließ. Später folgte die Entwarnung, es war nur eine Regenerationseinheit. Er wird dabei sein.

Prognose

Mit England und Frankreich treffen zwei Mannschaften aufeinander, die zwar bewusst den Fuß vom Gas nehmen, um Ball und damit Gegner zu kontrollieren, und dennoch nicht restlos zu überzeugen wussten. Das könnte das Spiel frustrierend und faszinierend zugleich machen. Wer geht ein höheres Risiko ein – bleibt Southgate seiner Aussage treu? Wer macht den ersten Fehler? Es scheint ein Duell auf Augenhöhe zu werden. Wie gemacht für Kylian Mbappé, um mal wieder den Unterschied zu machen. 90PLUS-Tipp: 2:1 Frankreich nach Verlängerung.

England gegen Frankreich – So könnten sie spielen

England: Pickford – Walker, Maguire, Stones, Shaw – Rice, Henderson, Bellingham – Saka, Kane, Foden

Frankreich: Lloris – Kounde, Varane, Upamecano, T. Hernandez – Tchouameni, Rabiot – Dembele, Griezmann, Mbappe – Giroud

Chris McCarthy

Gründer und der Mann für die Insel. Bei Chris dreht sich alles um die Premier League. Wengerball im Herzen, Kick and Rush in den Genen.

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