Deutschland trug sie und fiel im Sechzehntelfinale. Brasilien trug sie und fiel gegen Norwegen. Frankreich trug sie am längsten und fiel am Dienstag. Seit Dallas gehört die Favoritenrolle Spanien — und am Sonntag spielt der Europameister erstmals in diesem Turnier als der Gejagte. Die Frage der Finalwoche lautet nicht, ob Spanien besser ist als Argentinien. Sie lautet, ob es die eine Rolle übersteht, die in diesem Sommer alle gefressen hat.
Die Anatomie des Fluchs
Der Favoriten-Fluch dieser WM ist kein Aberglaube, sondern eine Mechanik aus drei Teilen. Erstens die Erwartungslast: Wer gewinnen muss, spielt mit einem Risikoprofil, das jeden Fehler doppelt bestraft — man hat es Frankreichs fahrigen Pässen in Dallas angesehen. Zweitens der befreite Gegner: Außenseiter dieses Turniers spielten ausnahmslos über ihrem Niveau, weil sie nichts zu verlieren trugen — Paraguay, Norwegen, Kap Verde, die halbe K.-o.-Runde. Drittens die Varianz des Formats, die jedem Gejagten eine zusätzliche Gelegenheit zum Sturz einbaute. Alle drei Mechanismen zeigen am Sonntag auf Spanien.
Warum Spanien anders gerüstet sein könnte
Die faire Gegenrechnung: Kein gestürzter Favorit dieses Turniers hatte Spaniens Vorbereitung auf die Rolle. Der Europameister hat in dieser K.-o.-Runde beide Prüfungsformen bestanden — die Zittersiege gegen Portugal und Belgien, die erst in den Schlussminuten fielen, und die Dominanz-Demonstration gegen den bis dahin größten Namen des Feldes. Er hat Rückstand, Druck und Erwartung bereits geschmeckt, was Frankreich bis zu seinem ersten Prüfstein nie musste. Und sein Kern ist jung genug, um die Erwartungs-Historie des spanischen Fußballs nicht als Last zu tragen: Yamal war acht, als das Trauma von 2014 begann. Zur Redlichkeit gehört allerdings der Einwand, der wehtut — fast wortgleiche Argumente wurden vor Dienstag über Frankreich geschrieben. Favoriten wirken immer gut gerüstet, bis sie es nicht waren.
Der unangenehmste Herausforderer
Und die Rolle des befreiten Außenseiters übernimmt ausgerechnet die Mannschaft, die dafür am wenigsten Außenseiter-Demut mitbringt: ein amtierender Weltmeister, der in vier K.-o.-Spielen in Folge nach der 85. Minute oder später zuschlug und dessen gesamtes Turnier eine einzige Übung im Überleben von Drucksituationen war. Argentinien hat nichts zu verlieren und alles schon einmal gewonnen — die seltenste und gefährlichste Kombination, die ein Finale besetzen kann. Der Markt bildet die Konstellation ab: Spanien knapp vorn, aber deutlich enger, als es die Dallas-Gala vermuten ließe; eine Übersicht der WM Wetten zeigt, dass die Kurse den Fluch mitgepreist haben.
Die Rolle, die keiner überlebt hat
Spanien hat drei Runden lang bewiesen, dass es jede Mannschaft dieses Turniers schlagen kann. Am Sonntag muss es beweisen, dass es auch die Rolle schlägt — die unsichtbare, die keine Aufstellung kennt und in diesem Sommer eine makellose Bilanz hat. Gelingt es, ist der Titel verdient wie selten einer. Misslingt es, wird niemand überrascht sein dürfen. Die Warnungen hängen in jeder Runde dieses Turniers.

