Zwei Tage vor dem Halbfinale zwischen Frankreich und Spanien hat der frühere spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy für einen Eklat gesorgt: Frankreich verfüge über einen „Kader von höchstem Niveau. Allerdings ohne Franzosen“, schrieb er in einem Gastbeitrag. Die Empörung erfasste beide Länder, Amtsnachfolger Sánchez antwortete deutlich. Eine Einordnung, die kurz ausfallen kann — weil die Sache klar ist.
Was gesagt wurde
Rajoy, von 2011 bis 2018 konservativer Regierungschef Spaniens, veröffentlichte den Beitrag im Online-Medium El Debate; bis Sonntag hatten zahlreiche Politiker beider Länder reagiert. Ministerpräsident Pedro Sánchez schrieb auf X, es gebe Menschen, die Zugehörigkeit noch immer am Nachnamen, am Geburtsort oder an der Hautfarbe mäßen — andere mäßen sie an der Verbundenheit mit einem Land und dem Willen, zu ihm beizutragen. Sein Schlusssatz: „Möge der Bessere gewinnen und der Rassismus verlieren.“
Warum die Aussage doppelt falsch ist
An dieser Stelle wird üblicherweise abgewogen. Hier gibt es nichts abzuwägen, nur zweierlei festzuhalten. Erstens ist die Aussage sachlich falsch: Die Spieler der Équipe Tricolore sind Franzosen — geboren, aufgewachsen oder ausgebildet in Frankreich, Staatsbürger, Produkte des französischen Fußballs. Wer ihnen das Französischsein abspricht, definiert Nationalität über Abstammung statt über Zugehörigkeit, und das ist keine sporthistorische These, sondern die Definition des Problems, das Sánchez benannt hat. Zweitens ist sie auch fußballerisch ahnungslos: Frankreichs Kadertiefe ist keine Laune der Demografie, sondern die Ernte des besten Ausbildungssystems Europas — der Akademien und Auswahlstrukturen, die seit Jahrzehnten Weltklasse produzieren. Schon der Weltmeister von 1998 trug die Vielfalt des Landes im Kader und wurde dafür gefeiert. Wer 2026 daraus einen Makel konstruiert, hat weder das Land noch den Sport verstanden.
Die sportliche Fußnote
Bemerkenswert ist, wie geschlossen die Reaktion ausfiel — auch und gerade in Spanien, dessen eigener Europameister-Kader die gleiche Geschichte erzählt: Lamine Yamal und etliche Kollegen stünden unter Rajoys Maßstab vor derselben absurden Prüfung. Die spanische Mannschaft hat diese Debatte nicht gebraucht und nicht bestellt; sie geht als das in dieses Halbfinale, was sie ist — der Europameister gegen den Topfavoriten, das beste Spiel, das dieser Turnierbaum hergab. Der Markt bepreist es als das engste Duell des Turniers; eine Übersicht der WM Wetten zeigt zwei Mannschaften auf Augenhöhe. Es hat eine bessere Ouvertüre verdient als diese.
Ein Eigentor vor dem Anpfiff
Am Dienstagabend werden zweiundzwanzig Spieler zweier großartiger Fußballnationen den Rest erledigen — Franzosen und Spanier, jeder einzelne davon. Die beste Antwort auf einen Gastbeitrag dieser Sorte ist keine Gegenrede, sondern neunzig Minuten, in denen die Herkunftsfantasien eines Altpolitikers exakt so viel zum Ergebnis beitragen wie immer: nichts. Rajoy wollte offenbar eine Pointe setzen. Gelungen ist ihm ein Eigentor vor dem Anpfiff — und die Erinnerung daran, dass der Fußball in dieser Frage weiter ist als manche, die über ihn schreiben.

