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Ein Traditionsverein am Abgrund: Der Absturz des FC Schalke 04

1. März 2024 | Spotlight | BY Till Gabriel

Der FC Schalke 04 steht mit dem Rücken zur Wand und kämpft gegen den Abstieg aus der zweiten Bundesliga – und damit um die Zukunft des Vereins. Wie konnte es so weit kommen?

Schalke 04: Die Chronologie des Abstiegs

Wenn am Freitag (18.30 Uhr, Sky) der FC St. Pauli in der Veltins-Arena zu Gast ist, geht der FC Schalke 04 als klarer Außenseiter in die Partie. Gerade einmal vier Punkte trennen die Königsblauen von einem Abstiegsplatz. Der deutsche Fußball sorgt sich um seinen drittgrößten Verein. Denn der Abstieg in die Drittklassigkeit wäre der absolute Super-GAU. Dass die chronisch klammen Gelsenkirchener eine Lizenz für die dritte Liga bekommen würden, gilt als unwahrscheinlich. Der Verein, der immer noch über Infrastruktur auf Top-Niveau verfügt, müsste wohl in der viertklassigen Regionalliga West antreten. Zahlreiche Mitarbeiter würden ihren Job verlieren, von den Spielern hat ohnehin keiner einen Vertrag für Liga drei. Zudem müsste auch die U23, die aktuell in der Regionalliga spielt, ebenso zwangsabsteigen. Nicht optimal für einen Club, dessen Jugendakademie, die Knappenschmiede, einen herausragenden Ruf genießt und sowohl sportlich als auch wirtschaftlich eine verlässliche Stütze des Vereins bilden soll. Wie konnte ein Verein so abstürzen, der vor bald exakt fünf Jahren noch in der Champions League auflief?

 



Blicken wir zurück auf den 12. März 2019. Nach einer knappen 2:3-Niederlage im Hinspiel rechnet sich Vizemeister Schalke 04 im zweiten Duell mit Manchester City zumindest noch Außenseiterchancen aus. Bis zur 35. Minute hält das Team von Domenico Tedesco die Null, dann legen die Citizens so richtig los. Nach 90 Minuten steht es 7:0. Tedesco muss gehen, Trainerlegende Huub Stevens soll – mal wieder – „sein“ Schalke retten, das in der Liga in den Abstiegskampf abgerutscht ist. Der Niederländer hält die Liga und übergibt an David Wagner.

Unter Wagner startet Schalke verheißungsvoll in die Spielzeit 2019/2020, beendet die Hinserie auf Rang fünf. Im zweiten Saisonabschnitt folgt ein unfassbarer Einbruch. Nach dem 2:0 gegen Borussia Mönchengladbach am 18. Spieltag gewinnt der S04 kein einziges Spiel mehr und hat nur dank der starken Hinserie keine Abstiegssorgen. Trotz der Misere gehen die Knappen mit Wagner in die neue Saison. Schon nach dem zweiten Spieltag muss er gehen. Auch die Nachfolger Manuel Baum, Huub Stevens, Christian Gross und Dimitrios Grammozis können nicht verhindern, was nicht mehr zu verhindern ist: Der FC Schalke 04 steigt im Mai 2021 erstmals seit 1988 in die zweite Liga ab. Teile der Fans attackieren die Mannschaft, jagen sogar Spieler um die Arena. Der zwischenzeitliche Tiefpunkt. Nach dem Neustart strauchelt der Traditionsclub auch eine Liga tiefer lange durch die Saison, erst als Grammozis im März 2022 gehen muss und das Team unter Interimstrainer Mike Büskens eine Serie startet, gelingt doch noch der Aufstieg als Zweitligameister.

Die Anhänger, die davon ausgingen, dass Schalke im Oberhaus schnell wieder Fuß fasst, werden jedoch schwer enttäuscht. Abgänge wie Ko Itakura oder Malick Thiaw können nicht kompensiert werden, neue Spieler wie Alexander Schwolow und Jordan Larsson bleiben hinter den Erwartungen zurück. Kramer muss den Trainerstuhl nach einem schlechten Start räumen, auch Sportdirektor Rouven Schröder verlässt den Verein. Unter Thomas Reis startet Königsblau zwar eine Aufholjagd, doch der erneute Abstieg ist nicht mehr zu verhindern. Die Stimmung ist jedoch anders als vor zwei Jahren. Mit Zweitliga-Rekordtorschütze Simon Terodde verlängert ein Publikumsliebling, auch Reis bleibt. Der direkte Wiederaufstieg ist das klare Ziel und Schalke geht als Topfavorit in die Spielzeit 2023/24. Doch, und damit sind wir in der Gegenwart angekommen, die Realität sieht anders aus. Der FC Schalke 04 steckt auch unter Reis‘ Nachfolger Karel Geraerts mitten im Abstiegskampf, dieses Mal eine Liga tiefer. Die Lage ist bedrohlich, auch wenn das offenbar noch nicht alle verstanden haben. „Wir sind noch immer drei Punkte vor den Abstiegsplätzen. Das ist noch nicht dramatisch, aber wir müssen wach bleiben“, relativierte Sportdirektor Marc Wilmots nach der Magdeburg-Pleite und erntete Kritik der eigenen Fans.

Karel Geraerts, Trainer des FC Schalke 04

(Photo by Frederic Scheidemann/Getty Images)

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Schalke 04: Absturz in den Amateurfußball droht

Fakt ist: Auch unter Wilmots‘ Landsmann Geraerts, der im Oktober das Traineramt übernahm, kommen die Schalker nicht richtig in Tritt. Zwar gelangen wichtige Siege gegen direkte Konkurrenten, doch immer wieder leistet sich die Mannschaft katastrophale Aussetzer wie zuletzt gegen Magdeburg. Torwart Marius Müller ist regelmäßig ein Lichtblick, aufgrund einer Adduktorenverletzung fiel der Neuzugang vom FC Luzern allerdings mehrere Monate aus. Die Defensive präsentiert sich immer wieder ungeordnet, hinzu kommen erhebliche Tempodefizite in der Innenverteidigung. Im Mittelfeld konnten die Neuzugänge Ron Schallenberg, Lino Tempelmann und Paul Seguin die Erwartungen noch nicht ansatzweise erfüllen. „Es ist unsere Schuld, die Mannschaft, nicht irgendwer, nicht die Fehler irgendwo anders suchen. Wir, wir Spieler sind schuld, kein anderer“, fand Seguin nach der Pleite in Magdeburg deutliche Worte. Dominick Drexler, der eigentlich eine Führungsrolle im Kader einnehmen soll, schaffte es wegen schwacher Trainingsleistungen nicht mal mehr in den Spieltagskader.

In Ballbesitz fehlt es Schalke an spielerischen Lösungen, 1-gegen-1-Spieler sind im Kader rar gesät. Im Sturm sind die Knappen zu abhängig von Kenan Karaman, der sich nach einem komplizierten ersten Jahr zum Leistungsträger gemausert hat. Schon in der Hinserie war der frühere Düsseldorfer der beste Schalker, zuletzt war er es, der gegen Eintracht Braunschweig und Wehen Wiesbaden jeweils zum Sieg traf. Terodde kommt in dieser Spielzeit gar nicht ins Rollen (erst drei Tore), während Sebastian Polter den Verein bereits im Winter Richtung Darmstadt 98 verlassen hat.

Aber nicht nur in den einzelnen Mannschaftsteilen drückt der Schuh. Auch Trainer Geraerts muss sich vorwerfen lassen, dass er nach fünf Monaten im Amt noch nicht die richtige Taktik gefunden hat, um die Knappen aus der Krise zu führen. Der Belgier bevorzugt grundsätzlich eine Dreierkette, damit hatte er bei Union St. Gilloise in Belgien großen Erfolg. Die gibt der Kader des S04 allerdings schlichtweg nicht her. Auf der rechten Seite sind Cedric Brunner und Henning Matriciani keine Schienenspieler, auch das Experiment mit Außenstürmer Yusuf Kabadayi scheiterte. Kurz vor der Winterpause stellte Geraerts auf ein 4-4-2 mit Raute um, Schalke holte sieben Punkte aus den letzten drei Duellen des Jahres. In den ersten Partien des neuen Jahres kristallisierten sich allerdings auch hier eklatante Schwächen heraus, so wirkte zum Beispiel Schallenberg als alleiniger Sechser meist überfordert.

Simon Terodde (FC Schalke 04)

(Photo by Leon Kuegeler/Getty Images)

Nach dem 0:1 in Kiel kehrte Geraerts zur Dreierkette zurück. Zuletzt berichtete die WAZ, dass sich die Mannschaft selbst gegen das 3-5-2 ausgesprochen hätte. Geraerts dementierte das auf der Pressekonferenz vor dem St-Pauli-Spiel klar: „Nicht ein Spieler hatte mir gesagt, dass er anders spielen wolle. Das war nicht wahr.“ Im Winter bekam Geraerts mit Brandon Soppy sogar einen Spieler, der die vakante Rolle als Schienenspieler ausfüllen kann, doch der von Wilmots als „Soforthilfe“ angekündigte Leihspieler von Atalanta war nicht fit und konnte einige Tage sogar nur individuell trainieren.

Gegen Spitzenreiter St. Pauli ist der Franzose erstmals ein Startelf-Kandidat. Hoffnung macht neben Soppy auch die Jugend. Für Assan Ouédraogo (17) kommt St. Pauli noch zu früh, danach soll das Ausnahmetalent wieder dabei sein. Keke Topp, 19 Jahre jung, wird immer mehr zu einer Alternative im Angriff, auch die U23-Spieler Steven van der Sloot (21), Jimmy Kaparos (22) und Niklas Castelle (21) trainieren mit den Profis. Zum Faustpfand im Abstiegskampf kann auch die Heimstärke werden. 19 seiner 26 Punkte sammelte Schalke in der Veltins-Arena, auswärts stellten die Anhänger dagegen bereits mehrmals den Support ein, so enttäuscht waren sie vom Auftritt ihrer Elf.

Doch was macht Schalke, wenn der Turnaround nicht gelingt? Eine weitere Trainerentlassung erscheint erstmal unwahrscheinlich. „Das Trainerteam macht seine Arbeit gut“, stellte Wilmots im Interview mit der WAZ klar. S04 kann es sich eigentlich ohnehin nicht leisten, einen weiteren Übungsleiter auf der Pay-Roll zu haben, noch immer drücken den Verein Schulden in Höhe von 165 Millionen Euro. Am liebsten würde der Verein mit Geraerts die Klasse halten, damit dieser im Sommer, beim nächsten Umbruch, einen Kader zusammenstellt, mit dem er seine Ideen umsetzen kann. Doch die kommenden Aufgaben könnten diesen Plan bereits durchkreuzen. Nach St. Pauli trifft Schalke auf den SC Paderborn und Mitabsteiger Hertha BSC. Setzt sich der Abwärtstrend fort und der Vorsprung auf die Abstiegsränge schmilzt, muss der Verein alle Register ziehen, um den existenzbedrohenden Abstieg um jeden Preis zu vermeiden. Dann muss doch ein Feuerwehrmann her – oder wieder mal Büskens.

(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)


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