Vereinspräsident Rainer Bonhof konnte seine Emotionen nicht mehr verbergen. Tränen flossen über sein Gesicht, als der 74-Jährige auf der Jahreshauptversammlung von Borussia Mönchengladbach zur Rede ansetzte.
Die aktuelle Bundesliga-Saison, von Bonhof blumig als ,,Scheißjahr“ betitelt, hat der Vereinsikone ganz schön zugesetzt. Vor allem sportlich muss sich bei den Fohlen in der kommenden Spielzeit dringend etwas verändern. Aber welche Schritte braucht es dafür? Und wie realistisch ist die Umsetzung der benötigten Maßnahmen?
Der Kassensturz am Montagabend im Borussia-Park sorgte größtenteils für Ernüchterung. Ein Jahresfehlbetrag von vier Millionen Euro im Geschäftsjahr 2025 stellt einen weiteren Rückschritt dar. 2024 war es noch ein Fehlbetrag von 2,4 Millionen. Der Betrag wird durch die Erträge der verschiedenen Geschäftstätigkeitsbereiche errechnet. Vor allem eine Sparte sticht besonders hervor.
Die Erträge des TV-Geschäfts sanken für die Borussia im vergangenen Jahr von 65 Millionen Euro auf 59,7 Millionen. Ein Wert, der sich klar auf die sportliche Performance der Fohlen zurückführen lässt. Denkt man in einem Drei-Jahres-Fenster ist der Verlust noch größer, denn 2023 lagen die Einnahmen noch bei 68, 2 Millionen Euro. Es wäre keine große Überraschung, wenn der Wert in der Jahresabrechnung für das Jahr 2026 weiter sinkt, selbst im Fall des Klassenerhalts. Das internationale Geschäft wurde klar verfehlt, die Borussia wird die Saison im besten Fall auf dem zehnten Tabellenplatz beenden. Der letzte Punkt ist dabei wichtiger, als man zunächst annehmen würde.
Denn für die Finanzabteilung der Fohlen kommt dem finalen Tabellenplatz immense Bedeutung zu. Mit Blick auf die Fünfjahreswertung der DFL bekommen Vereine 2,5 Millionen Euro TV-Gelder mehr pro höherer Positionierung im Klassement. Aktuell stehen Eugen Polanski und co. auf dem elften Platz, könnten bei einer Niederlage am Sonntag gegen Dortmund und Erfolgen der Konkurrenz sogar auf Platz 15 abrutschen. Das Minus in der Finanz-Blitztabelle kann man sich leicht selbst ausrechnen.
Gladbachs ausbleibender sportlicher Erfolg als Problem
Dieser Zustand überschattet die positiven Nachrichten aus den Bereichen Werbe- und Spielerträge, sowie dem Handel. Letztere sind maßgeblich beeinflusst durch das 125-jährige Jubiläum. Es ist nicht zwingend davon auszugehen, dass sich dieser Wert im Folgejahr bestätigen lässt, es hängt also viel vom sportlichen Erfolg ab. Der soll sich in der Saison 2026/26 wieder einstellen. Im Konsens wird über einen benötigten Kaderumbruch gesprochen, auch Sportdirektor Rouven Schröder fordert ein starkes Transferfenster. Ob den Worten Taten folgen können, ist allerdings fraglich.
Die finanziellen Engpässe wirken sich logischerweise auch auf die Kaderplanung aus. Es fehlen die Mittel für einen vernünftigen Neuanfang, zumal auch nicht das eigene Tafelsilber im Tausch für klingende Münze verkauft werden kann. Leistungsträger wie Haris Tabakovic und Yannik Engelhardt sind nur ausgeliehen und generieren im Sommer keine Einnahmen. Dazu kommt, dass beide ihre voraussichtlich letzten Wochen im Fohlen-Dress absolvieren. Tabakovic und Engelhardt sind zu teuer, um sie fest verpflichten zu können. Statt auf einem Grundgerüst basierend einen starken Kader um wichtige Säulen aufzubauen, brechen im Gegenteil Letztere eher weg.

Kaum Spielraum für Neuzugänge & die Polanski-Frage
Dazu kommt, dass Gladbachs Kader im Sommer vorerst fünf ungewollte ,,Neuzugänge“ zurück im Borussia-Park begrüßen muss. Die vor der Saison per Leihe abgegebenen Spieler, angeführt von Torhüter Jonas Omlin und Stürmer Tomas Cvancara, tauchen zur neuen Saison wieder auf der Payroll auf. Für sie muss die Borussia dringend Abnehmer finden und hat alles andere als eine gute Verhandlungsposition.
Schröders Aufruf zum Umbruch ist somit leichter gesagt als getan. Als Teil des Lösungswegs wird die stärkere Einbindung der eigenen Talente ausgerufen. Diese müssen aber in einem ruhigen Umfeld genug Freiraum bekommen, um sich zu fertigen Bundesligaspielern entwickeln zu können. Eine solche Eingewöhnung braucht Geduld. Die Borussia ist allerdings nur bedingt in der Lage, diese aufzubringen. Zumal Eugen Polanski nur bedingt gezeigt hat, dass Talente unter ihm die besten Voraussetzungen für die eigene Entwicklung vorfinden.
Apropos Polanski: Die Trainer-Diskussion nimmt immer mehr Fahrt auf. Stimmen, die von Polanski nicht mehr zu 100 % überzeugt sind, werden intern und extern lauter. Seit der Amtsübernahme im November weist der Seoane-Nachfolger einen Punkteschnitt von 1,11 auf – ein Wert, den Seoane sogar leicht toppen konnte.
Zudem ist eine fußballerische Weiterentwicklung kaum zu erkennen, Borussias Offensivspiel lahmt extrem. Die Fohlen blieben in zwölf der 31 Saisonspiele torlos, auch gegen anfällige Gegner wie zuletzt Wolfsburg überzeugte man nicht. Stattdessen wiederholen sich immer wieder fragwürdige Personalentscheidungen, bei denen positiv auffällige Akteure wie Tabakovic und Supertalent Wael Mohya ausgebremst werden. Stattdessen rotieren aussortierte Spieler wie Gio Reyna wieder ohne ersichtlichen Grund ins Team, eine klare Linie ist nicht zu erkennen.

Dass man sich trotz fehlender Überzeugung von Polanski trennt, erscheint allerdings aufgrund der Vertragslaufzeit unwahrscheinlich. Bis 2028 ist Gladbach an den Ex-Profi gebunden. Eine Abfindung im Trennungsfall plus weitere finanzielle Investitionen in einen neuen Trainer wäre nur schmerzhaft zu verkraften. Ein Szenario, in dem der ehemalige U23-Trainer eine komplette Vorbereitung nach seinen Vorstellungen durchführen kann und einen neuen Anlauf 2026/27 zugestanden bekommt, ist realistischer.
Aufbruchsstimmung sieht dennoch anders aus. Die Misserfolge der letzten Jahre machen sich immer deutlicher bemerkbar. In einem Best-Case-Szenario erreicht Gladbach den Klassenerhalt und bastelt mit wenig finanziellen Mitteln einen Kader zusammen, der nächste Saison zumindest vom Abstiegskampf verschont bleibt. In diesem Fall könnte Rainer Bonhoff dann 2027 ein ,,mittelmäßiges Jahr“ statt einem ,,Scheißjahr“ abmoderieren. Der Weg zurück zum Glanz alter Tage ist noch sehr lang.

