Als Spanien bei der WM 2022 überraschend im Achtelfinale an Marokko scheiterte, schien eine goldene Generation an den eigenen Erwartungen gescheitert zu sein. Vier Jahre später hat sich das Bild gewandelt. Unter Nationaltrainer Luis de la Fuente zählt „La Roja“ zu den größten Favoriten auf den Titel in den USA, Mexiko und Kanada.
Der Europameister von 2024 reist mit einem der talentiertesten Kader des gesamten Turniers an. Nach dem Gewinn der Nations League 2023 und der EM 2024 fehlt de la Fuente nur noch ein Triumph auf der größten Bühne des Fußballs.
Vom WM-Flop zum Titelkandidaten
Der Aufschwung Spaniens ist eng mit dem Trainerwechsel nach der WM in Katar verbunden. Nach dem Aus gegen Marokko musste Luis Enrique seinen Posten räumen. Sein Nachfolger de la Fuente galt zunächst eher als Übergangslösung. Der langjährige U21-Coach kannte viele Talente aus den Nachwuchs-Nationalmannschaften, doch nur wenige hätten erwartet, dass er die Nationalelf so schnell wieder an die Weltspitze führen würde.

Tatsächlich entwickelte sich seine Amtszeit fast ideal. Schon 2023 gewann Spanien die Nations League, ein Jahr später folgte der EM-Titel in Deutschland. Seit seinem Amtsantritt kassierte Spanien lediglich drei Niederlagen in fast 40 Spielen.
Dabei hat de la Fuente die spanische Spielidee gar nicht über Bord geworfen. Ballbesitz bleibt weiterhin der wichtigste Bestandteil. Allerdings sucht die Mannschaft deutlich schneller den Weg nach vorne. Spanien spielt vertikaler, direkter und nutzt die enorme Geschwindigkeit auf den Außenbahnen konsequenter als frühere Generationen.
Lamine Yamal ist das Gesicht der neuen Generation
Kaum ein Spieler symbolisiert den Wandel besser als Lamine Yamal. Der erst 18-Jährige gilt als einer der besten Offensivspieler der Welt und wird bei dieser Weltmeisterschaft zum ersten Mal auf der größten Bühne des Fußballs auftreten.
Schon bei der EM 2024 gehörte der Flügelspieler zu den besten Spielern des Turniers. Seitdem hat sich seine Entwicklung noch einmal beschleunigt. Für viele ist Yamal schon jetzt der Spieler, der den Unterschied ausmachen kann.

Gemeinsam mit Nico Williams bildet er eines der spektakulärsten Flügelduos der Welt. Yamal glänzt über die rechte Seite mit Dribblings und Kreativität, Williams sorgt auf links für Tempo und Tiefgang. Kaum eine Mannschaft verfügt über zwei Außenspieler, die gegnerische Abwehrreihen so konstant unter Druck setzen können.
Das Mittelfeld bleibt Spaniens Prunkstück
Trotz aller Aufmerksamkeit für die Offensivstars liegt Spaniens Fundament weiterhin im Mittelfeld. Rodri, Pedri, Fabian Ruiz, Martin Zubimendi, Gavi oder Mikel Merino bieten eine Qualität, von der viele Nationen nur träumen können.
Rodri bleibt dabei der zentrale Fixpunkt. Der Ballon-d’Or-Gewinner von 2024 gibt dem Spiel Struktur, kontrolliert das Tempo und sorgt für Stabilität vor der Abwehr. Pedri ist der kreative Verbindungsspieler zwischen Mittelfeld und Angriff. Dazu kommen die Dynamik von Fabian Ruiz und die taktische Intelligenz von Zubimendi. Kaum ein Team kann Spiele so kontrollieren wie Spanien. Gleichzeitig besitzt die Mannschaft mittlerweile deutlich mehr Tempo und Direktheit als die legendäre Generation um Xavi, Iniesta und Busquets.

Auffällig: Kein Spieler von Real Madrid
Eine der größten Überraschungen des spanischen WM-Kaders ist das vollständige Fehlen von Real-Madrid-Profis. Erstmals seit Jahrzehnten reist Spanien ohne einen einzigen Spieler der Königlichen zu einer Weltmeisterschaft. Stattdessen prägen Spieler des FC Barcelona das Gesicht der Mannschaft. Allein die Katalanen stellen einen großen Teil des Aufgebots. Für de la Fuente spielte die Vereinszugehörigkeit bei der Nominierung offenbar keine Rolle.
Warum Spanien trotzdem verwundbar ist
So stark der Kader auch besetzt ist, völlig ohne Fragezeichen reist Spanien nicht nach Nordamerika. Ein großes Thema bleibt die körperliche Verfassung einiger Schlüsselspieler. Rodri musste nach seinem Kreuzbandriss lange pausieren. Fabian Ruiz hatte in der Saison immer wieder mit Problemen zu kämpfen. Auch Lamine Yamal und Nico Williams verpassten Teile der Rückrunde verletzungsbedingt.
Hinzu kommt die Situation im Sturmzentrum. Spanien fehlt ein Weltklasse-Mittelstürmer wie ihn andere Titelkandidaten haben, wie Kylian Mbappe, Julian Alvarez oder Harry Kane. Mikel Oyarzabal, Ferran Torres oder Borja Iglesias bringen unterschiedliche Qualitäten mit, gehören aber nicht zur Elite auf ihrer Position. In engen K.o.-Spielen könnte dieser Spielertyp fehlen, der aus einer einzigen Torchance ein entscheidendes Tor macht.

Gruppe H als Pflichtaufgabe
In der Vorrunde trifft Spanien auf Kap Verde, Saudi-Arabien und Uruguay. Alles andere als der Gruppensieg wäre eine große Überraschung. Kap Verde nimmt erstmals an einer Weltmeisterschaft teil und gilt als klarer Außenseiter. Saudi-Arabien dürfte defensiv kompakt auftreten, besitzt aber deutlich weniger individuelle Qualität. Die größte Herausforderung wartet mit Uruguay, das unter Trainer Marcelo Bielsa für intensiven Pressingfußball und hohe Aggressivität bekannt ist.
Zweiter Stern als Ziel
Die Erwartungen im eigenen Land sind klar definiert. Ein Viertelfinale oder Achtelfinale würde als Enttäuschung gelten, denn Spanien reist als Mannschaft an, die den Titel gewinnen soll. 16 Jahre nach dem ersten WM-Triumph in Südafrika bietet sich die große Chance auf den zweiten Stern. Die Konkurrenz ist enorm, aber kaum eine Nation bringt derzeit ein ähnlich stimmiges Gesamtpaket mit wie die Spanier. Wer Weltmeister werden will, wird an Spanien wahrscheinlich nicht vorbeikommen.

