Spanien reist als einer der Topfavoriten an — und trägt zugleich die Erzählung mit sich, an der WM zu scheitern: seit dem Titel 2010 kein Spiel jenseits des Achtelfinals gewonnen. Das Muster ist real. Ob es eine Prognose ist, ist eine ganz andere Frage.
Der Kontrast ist auffällig. Spanien gewann die EM 2024 ohne Niederlage und holte Olympiagold, gilt als eine der beiden besten Mannschaften des Turniers und verfügt über einen Kader, der jünger und tiefer wirkt als die goldene Generation um 2010. Und doch hängt die WM-Bilanz der vergangenen Jahre wie ein Schatten über der Favoritenrolle.
Warum das Muster für sich genommen wenig sagt
Eine Serie schwacher WM-Auftritte über wenige Turniere ist eine kleine Stichprobe. Frühe K.o.-Spiele werden oft über einzelne Momente und Elfmeterschießen entschieden — Ereignisse mit hohem Zufallsanteil, aus denen sich kein stabiles Gesetz ableiten lässt. Vieles, was als „Fluch“ erzählt wird, ist im Kern Streuung plus konkrete, inzwischen adressierte strukturelle Schwächen früherer Kader, etwa im Sturmzentrum oder in der Durchschlagskraft.
Der eigentliche Unsicherheitsfaktor heißt Fitness
Wenn es einen belastbaren Vorbehalt gibt, dann nicht den Fluch, sondern die Gesundheit. Lamine Yamal kommt mit einer Oberschenkelverletzung ins Turnier und könnte die ersten Partien verpassen; mehrere Schlüsselspieler sind erst spät aus Verletzungen zurückgekehrt. Das Remis im Test gegen den Irak fällt unter dieselbe Vorsicht wie jede Vorbereitungspartie — schwach als Beleg, aber ein Hinweis, dass die Maschine noch nicht rundläuft. Eine Mannschaft, die ihr größtes Offensivtalent schonen muss, verliert einen Teil ihres strukturellen Vorteils, bis er fit ist.
Was offen bleibt
An dem Gerücht ist die Vergangenheit wahr und die Zukunft offen. Der „Achtelfinal-Fluch“ ist eine Erzählung über eine kleine Stichprobe, kein Mechanismus, der dieses Team bindet — und dieser Kader ist nach allen belastbaren Kriterien der stärkste im Feld. Was bleibt, ist kein Fluch, sondern ein Sternchen: die Fitness von Yamal. Daran, nicht an der Statistik der letzten Turniere, wird sich Spaniens Lauf entscheiden.

