31. Mai 2002, Seoul: Senegal, WM-Debütant, schlägt den amtierenden Weltmeister Frankreich 1:0 — Papa Bouba Diop, das Tor, der Tanz um das Trikot an der Eckfahne. Es ist bis heute die größte Auftakt-Sensation der WM-Geschichte. Am Dienstag, im MetLife Stadium, spielen dieselben Nationen wieder ein Auftaktspiel gegeneinander. Und Frankreich kommt wackliger daher, als es ein Favorit vor diesem Gegner je sollte.
Manche Spiele tragen ihre Geschichte als Fußnote. Dieses trägt sie als Hauptdarsteller. Jeder senegalesische Spieler, der am Dienstag aufläuft, ist mit dem Mythos von Seoul aufgewachsen — das Tor von Diop ist das Gründungsdokument des senegalesischen Fußballs, der Moment, in dem ein Land dem ehemaligen Kolonialherren auf der größten Bühne die Hand von der Schulter nahm. Man spielt nicht gegen Senegal in einem WM-Auftaktspiel. Man spielt gegen Senegal und gegen 2002.
Ein Favorit mit Rissen
Und Frankreich? Kommt in dieses Déjà-vu mit der unruhigsten Vorwoche aller Topfavoriten. Das 1:2 gegen die Elfenbeinküste am 4. Juni hat die Titelquote hinter Spanien rutschen lassen. Hinter den Kulissen rumort der Kosten-Streit mit der FIFA um Steuerlasten und gekürzte Tagespauschalen, den ausgerechnet die Franzosen angeführt haben sollen. Und über allem schwebt Deschamps‘ angekündigter Abschied nach dem Turnier — eine Ära, die auf ihren letzten Akt zuläuft und genau weiß, dass 2002 auch deshalb passierte, weil ein satter Weltmeister einen hungrigen Debütanten unterschätzte. Die 1,48 auf den Sieg ist für dieses Frankreich gegen diesen Gegner die niedrigste Auftakt-Hürde seit Jahren — und trotzdem fühlt sie sich schwerer an, als sie aussieht.
Manés letzter Tanz, mit Wut im Gepäck
Senegal wiederum bringt mehr mit als Nostalgie. Den wertvollsten Kader Afrikas, rund 473 Millionen Euro. Einen Sturm aus Jackson, Sarr und Ndiaye, der im letzten Test den USA drei Tore einschenkte — zwei davon durch einen 34-Jährigen namens Sadio Mané, der diese WM als seine letzte ausgerufen hat. Und einen Wut-Rucksack, den man nicht unterschätzen sollte: Der auf dem Platz gewonnene Afrika-Cup wurde der Mannschaft im März am grünen Tisch aberkannt, das Verfahren läuft noch vor dem Sportgerichtshof. Eine Mannschaft mit diesem Kader, dieser Kränkung und diesem Mythos im Rücken ist der unangenehmste Auftaktgegner, den sich ein nervöser Favorit ausmalen kann. Die Buchmacher notieren den Außenseiter bei 6,50 — so kurz stand noch nie ein afrikanisches Team gegen Frankreich zum Auftakt. Das Gespenst von Seoul hat einen Preis, und er sinkt.
Was am Dienstag wirklich auf dem Spiel steht
Für Frankreich ist dieses Spiel ein Lackmustest mit Geschichte: Ein Sieg beruhigt eine nervöse Woche, alles andere reißt die Lusail-Frage auf — kann ein Topfavorit einen Fehlstart in diesem Format wegstecken? (Antwort: ja, aber niemand will es ausprobieren.) Für Senegal ist es die Gelegenheit, das eigene Gründungsdokument fortzuschreiben, diesmal nicht als Debütant, sondern als beste afrikanische Mannschaft ihrer Generation. Das MetLife Stadium hat am 19. Juli ein Finale zu vergeben. Am Dienstag vergibt es etwas anderes: die erste große Erzählung dieses Turniers.

