Messi trifft dreimal, Ronaldo zweimal knapp am Tor vorbei. Houston, 17. Juni 2026: Diese zwölf Stunden Abstand zwischen den beiden Auftritten erzählen eine Geschichte, die keine Moderation braucht.
Die Zahlen lügen nicht
25 Ballkontakte in 90 Minuten. Das ist die Bilanz von Cristiano Ronaldo beim WM-Auftakt gegen die DR Kongo. Zum Vergleich: Torhüter Diogo Costa, der die meiste Zeit einfach nur auf seinen Pfosten gelehnt haben dürfte, kam auf 37. Der kongolesische Schlussmann auf 35. Dazu kein einziger Schuss aufs Tor, keine abgeschlossenen Dribblings, keine Schlüsselpässe. Sofascore vergab eine 6,1 – die schlechteste Note unter allen Feldspielern auf dem Platz.
Das ist keine Böswilligkeit der Statistik. Das ist ein Befund, der sich schon vor dem Abpfiff abzeichnete: Ronaldo lauerte tief im Sturmzentrum, wartete auf Flanken, die entweder nicht kamen oder zu ungenau waren. Zweimal, in der 68. und 73. Minute, hatte er tatsächlich eine Chance – und zielte jeweils klar daneben. Kongos Mittelfeldmotor Mukaku fasste es nach dem Abpfiff trocken zusammen: Eine besondere Manndeckung habe es „nicht wirklich“ gebraucht.
Was Ronaldo mit dem Spiel macht – und was er ihm nimmt
Portugal hatte 80 Prozent Ballbesitz in der ersten Halbzeit. Und einen einzigen Schuss aufs Tor über 90 Minuten. Das ist das eigentliche Rätsel dieses Abends – und Ronaldos feste Position im Sturmzentrum ist ein wesentlicher Teil der Erklärung.
Das portugiesische Kombinationsspiel lebt von Bewegung, von Tiefenläufen, von Spielern, die in Räume stoßen. Bruno Fernandes, Vitinha, Neves, Leão – sie alle brauchen Abnehmer, die sich bewegen. Ronaldo bewegt sich nicht mehr so. Er wartet, er positioniert sich, er erwartet den Ball. Das ist sein Recht mit 41 Jahren und nach allem, was er geleistet hat. Aber es kostet das Kollektiv. Weltmeister Christoph Kramer brachte es im ZDF auf den Punkt: Diese Mannschaft sei „so mit Weltklasse gespickt, dass er ihnen auch ein bisschen was nehmen kann.“
Das Gegenpressing, das Portugal in der Nations League noch so gefährlich gemacht hatte, funktioniert schlecht mit einem Sturmführer, der weite Wege nicht mehr geht. Die Kongolesen hatten 55 Prozent der Zweikämpfe gewonnen – gegen einen nominellen WM-Mitfavoriten. Das hat auch damit zu tun, dass Portugal mit zehn feldaktiven Spielern Pressing betreibt, nicht elf.
Der Abgang und was er bedeutet
Während seine Mitspieler noch auf dem Rasen standen, war Ronaldo längst in der Kabine. Hände in die Hüften gestemmt, frustrierter Blick – und dann weg. Sämtliche Interviewanfragen lehnte er ab, schlich an rund 60 wartenden Journalisten vorbei. Nur auf Social Media meldete er sich kurz: „Es war nicht der Start, den wir wollten.“
Man kann das als verständliche Frustration eines Konkurrenztyps deuten. Man kann es auch als Muster erkennen. Bei der EM 2024 war das Bild ähnlich, bei der WM 2022 auch. Der Unterschied: Damals war Ronaldo noch unbestreitbar der beste Stürmer im Kader. Heute ist Gonçalo Ramos – 24 Jahre alt, bei PSG – die sportlich belastbarere Option. Die Hierarchie im Team dürfte das wissen. Ob es ausgesprochen wird, ist eine andere Frage.
Das Muster, das sich wiederholt
Die Ronaldo-Debatte bei Turnieren ist nicht neu. Bei der WM 2022 hatte Fernando Santos den Mut, ihn im Achtelfinale gegen die Schweiz auf die Bank zu setzen – Gonçalo Ramos erzielte einen Hattrick beim 6:1. Im Viertelfinale spielte Ronaldo wieder, Portugal verlor 0:1 gegen Marokko. Santos verlor daraufhin seinen Job, Martínez übernahm – und bekannte sich sofort zu Ronaldo.
Bei der EM 2024 gab es kein WM-Tor und keine produktive Turnierleistung, aber dasselbe Bild: Ronaldo in der Startelf, Ronaldo als emotionaler Fixpunkt, Ronaldo als taktisches Fragezeichen. Portugal schied im Viertelfinale aus, diesmal im Elfmeterschießen gegen Frankreich.
Jetzt, WM 2026, Spiel eins: Das Muster steht wieder. Die internationale Presse ordnet es einheitlich ein. BBC-Experte Chris Sutton kritisierte Martínez dafür, Ronaldo nicht vom Feld genommen zu haben. Die deutsche Presse sah einen Mitfavoriten ohne Ideen. Aus Lissabon klangen die Töne noch schärfer – portugiesische Medien warfen dem Team vor, weiter abhängig von Ronaldos Beteiligung zu sein, obwohl er dieser Abhängigkeit längst nicht mehr gerecht wird.
Was Martínez jetzt tun muss
Die Frage ist nicht, ob Ronaldo noch ein Weltklassespieler war. Die Frage ist, was er heute ist – und was die Mannschaft braucht, um dieses Turnier zu gewinnen. Martínez steht vor einer Entscheidung, die sein Vorgänger Santos mit gemischten Konsequenzen bereits getroffen hat.
| Option | Vorteil | Risiko |
|---|---|---|
| Ronaldo bleibt Starter | Ruhe im Umfeld, Gefahr bei Standards & Elfmetern | Taktische Einschränkung, Pressing-Defizit |
| Ramos beginnt, Ronaldo als Joker | Mehr Laufstärke, besseres Kollektivspiel | Ronaldo-Reaktion, mögliche Unruhe im Kader |
Der rein sportliche Befund spricht für Ramos. Die politische Realität innerhalb dieses Teams – und dieser Mannschaft – spricht dagegen. Martínez weiß, was 2022 mit Santos passierte. Und er weiß, dass Mourinho bereits in Lissabon sitzt und auf eine Chance wartet.
Ronaldos letztes Turniertor liegt inzwischen zehn Spiele und 802 Minuten zurück. Gegen Usbekistan am 23. Juni wird Martínez eine Antwort geben müssen – mit dem Aufstellungsbogen, nicht mit Pressekonferenzen. Die Mannschaft ist gut genug für den Titel. Die Frage ist, ob ihr Trainer gut genug ist, das auch durchzusetzen.
Häufige Fragen
Wie viele Ballkontakte hatte Ronaldo gegen die DR Kongo?
Ronaldo kam in der gesamten Partie auf lediglich 25 Ballkontakte – weniger als der kongolesische Torhüter (35) und auch weniger als Portugals eigener Schlussmann Diogo Costa (37). Kein einziger seiner drei Abschlüsse ging aufs Tor. Sofascore vergab ihm mit 6,1 die schlechteste Note aller Feldspieler.
Warum wird Ronaldo trotz schwacher Leistungen weiterhin aufgestellt?
Trainer Roberto Martínez bekennt sich seit Amtsantritt 2023 klar zu Ronaldo. Sportliche, mediale und politische Faktoren spielen ineinander: Ronaldo ist das Gesicht des Teams, sein Einfluss auf das Umfeld enorm. Zudem erzielte er unter Martínez in 30 Spielen 25 Tore – seine stärkste Phase im Nationaltrikot überhaupt.
Was passierte, als Ronaldo bei der WM 2022 auf der Bank saß?
Trainer Fernando Santos setzte Ronaldo im Achtelfinale gegen die Schweiz auf die Bank. Ersatzmann Gonçalo Ramos erzielte beim 6:1-Sieg einen Hattrick. Im Viertelfinale spielte Ronaldo wieder – Portugal verlor 0:1 gegen Marokko. Santos verlor daraufhin seinen Job, Martínez übernahm und stellte Ronaldo sofort wieder in die Startelf.
Wann hat Ronaldo zuletzt bei einem großen Turnier getroffen?
Ronaldos letztes Turniertor liegt beim WM-Auftakt 2026 bereits 10 Partien und 802 Minuten zurück. Beim Auftaktspiel der WM 2022 in Katar traf er per Elfmeter – bei der EM 2024 in Deutschland und nun beim WM-Auftakt gegen die DR Kongo blieb er ohne Torerfolg.
Kann Portugal die WM auch ohne Ronaldo als Stammspieler gewinnen?
Die Substanz des Kaders spricht dafür. Im März 2026 gewann Portugal ohne den verletzten Ronaldo gegen Mexiko (0:0) und die USA (2:0). Das Mittelfeld mit Vitinha, Neves und Bruno Fernandes gehört zu den stärksten der Welt. Gonçalo Ramos steht als taktisch flexiblere Sturmspitze bereit und hat bei der WM 2022 bereits bewiesen, dass er auf diesem Niveau treffen kann.

