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90PLUS » Tuchel als Anti-Southgate: Der deutsche Plan für Englands WM-Traum
WM 2026

Tuchel als Anti-Southgate: Der deutsche Plan für Englands WM-Traum

Philipp Overhoff
22.06.26, 18:57
Philipp Overhoff
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Thomas Tuchel
Foto: IMAGO

Nach dem ersten Vorrundenspieltag dieser WM waren sich nahezu alle Experten einig: Die englische Nationalmannschaft hat einen der besten Eindrücke aller Teams hinterlassen.

Was allerdings noch beeindruckender war als das ohnehin schon überzeugende 4:2-Ergebnis gegen Kroatien: Die Three Lions spielten mutig, dynamisch und phasenweise geradezu furios nach vorne. Immer wieder wurde die hochkarätig besetzte kroatische Defensive vor Probleme gestellt. Mehr noch: Sie war dem englischen Offensivwirbel über weite Strecken der Partie schlichtweg nicht gewachsen.

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Schon im ersten WM-Spiel lieferte England also einen Hinweis darauf, dass unter Thomas Tuchel eine neue Zeitrechnung begonnen hat. Denn unter Vorgänger Gareth Southgate war die Nationalmannschaft zwar erfolgreich, ihr Spielstil jedoch verpönt. Zweimal führte Southgate England ins EM-Finale und etablierte die Three Lions nach Jahren des Mittemaßes wieder in der Weltspitze. Sein Ansatz war jedoch vor allem von Pragmatismus geprägt. Das Ziel lautete, Risiken zu minimieren, Spiele eng zu halten und auf die individuelle Klasse der zahlreichen Einzelkönner von Weltklasse-Niveau zu vertrauen.

England unter Tuchel: Schneller, variabler – aber auch besser?

Tuchel geht offenbar einen anderen Weg. Der deutsche Nationaltrainer setzt weniger auf große Namen als auf ein funktionierendes Kollektiv. Während unter Southgate regelmäßig versucht wurde, möglichst viele Topstars auf dem Aufstellungsbogen unterzubringen, scheint Tuchel sich eine andere Frage zu stellen: Welche Spieler passen am besten in das eigene System?

Die Antwort darauf erklärt die eine oder andere überraschende Personalentscheidung im Vorfeld des Turniers. Spieler wie Phil Foden, Cole Palmer oder Trent Alexander-Arnold gehören zweifellos zu den talentiertesten englischen Spielern ihrer Generation. Dennoch verzichtete Tuchel im WM-Kader auf sie. Stattdessen vertraut er Akteuren, die klar definierte Rollen möglichst präzise ausfüllen können.

Als passendes Beispiel dienen die Flügelstürmer Anthony Gordon, Marcus Rashford oder auch Noni Madueke. Mit ihrem Tempo und ihrem konsequenten Zug zum Tor ergänzen sie Harry Kane, der sich häufig fallen lässt und als Spielgestalter agiert, deutlich besser als Cole Palmer oder Phil Foden. Letztere fühlen sich vor allem in den Zwischenräumen wohl, suchen häufiger den Ball am Fuß und sorgen seltener für Tiefenläufe hinter die gegnerische Abwehr.

Anthony Gordon
Foto: Getty Images

Der Gedanke dahinter ist einfach und wurde vom britischen Sender BBC treffend auf den Punkt gebracht: Nicht die besten Einzelspieler sollen die Mannschaft tragen, sondern die beste Mannschaft soll die Einzelspieler maximieren.

Das war gegen Kroatien deutlich zu erkennen. Die Angriffe wirkten einstudiert, die Laufwege abgestimmt, die Abläufe klar. Selbst der spektakuläre Treffer von Jude Bellingham entstand aus einer offensiven Struktur heraus, die England in den vergangenen Monaten entwickelt hat. Es war weniger ein spontaner Geistesblitz als vielmehr das Ergebnis eines funktionierenden Plans – ganz nach dem Gusto von Thomas Tuchel also.

Tuchel-Ball ist nicht frei von Risiken

Natürlich birgt ein solcher Ansatz auch Risiken. Ohne einige seiner kreativsten Einzelkönner verfügt England möglicherweise über etwas weniger individuelle Qualität als noch 2024. Zudem wirkte die Mannschaft gegen Kroatien defensiv nicht mehr so stabil wie unter Southgate. Das 4:2 zeigte, dass Tuchels risikofreudigere Herangehensweise Risiken mit sich bringt.

Doch genau diesen Tausch scheinen viele englische Fans bereitwillig zu akzeptieren. Nach einer Dekade voller schmeichelhafter 1:0-Erfolge genießen sie den variablen Tuchel-Fußball sichtlich. Klar ist aber auch: Diese Akzeptanz bleibt nur bestehen, wenn der 52-Jährige den selben Erfolg hat wie sein Vorgänger – wenn überhaupt. Denn aktuell hofft ein ganzes Land auf den ersten großen Nationalmannschaftstitel seit 1966. Genau 60 Jahre nach dem Triumph bei der Heim-WM soll die englische Durstrecke endlich zu einem Ende kommen.

Zweiter Stolperstein und bestenfalls nur Zwischenstation auf diesem Weg ist am Dienstagabend (22.00 Uhr) Ghana. Die Afrikaner starteten zwar „nur“ mit einem mühsamen 1:0 gegen Panama ins Turnier, verfügen aber über genügend Tempo und Athletik, um jedem Gegner Probleme zu bereiten. Auf die englische Defensive – derzeit überraschenderweise das einzige kleine Sorgenkind – wartet dementsprechend viel Arbeit. Für die Three Lions geht es deshalb nicht nur um den vorzeitigen Einzug in die K.-o.-Phase. Das Duell mit Ghana bietet darüber hinaus die Gelegenheit zu beweisen, dass der beeindruckende Auftritt gegen Kroatien sowohl im Ergebnis als auch in seiner Art und Weise keine Eintagsfliege war.

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