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90PLUS » Der stille Musiala: Talentproblem oder Systemfrage?
WM 2026

Der stille Musiala: Talentproblem oder Systemfrage?

Klaus Hürbl
28.06.26, 21:35
Klaus Hürbl
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Jamal Musiala
Foto: Getty Images

Jamal Musiala, einer der begabtesten Angreifer des Weltfußballs, hat eine blasse Gruppenphase hinter sich, und die Rufe nach einem Bankplatz werden lauter. Die interessante Frage ist allerdings nicht, ob man ihn aus der Elf nimmt — sondern warum ein Spieler dieser Klasse verschwindet, und ob die Antwort in ihm liegt oder im System um ihn herum.

Die Beobachtung

Zunächst der Befund, an dem nichts zu deuteln ist: Musiala hat sich in den Gruppenspielen nicht durchgesetzt, hat dem Spiel selten seinen Stempel aufgedrückt und blieb hinter dem zurück, was man von ihm kennt. Entsprechend wird diskutiert, ob er weiter gesetzt sein sollte oder ob ein anderer seinen Platz übernehmen müsste. Was in dieser Debatte selten infrage steht, ist das Talent — und das aus gutem Grund: Ein Spieler dieser Veranlagung verliert sie nicht in drei Wochen. Wenn ein Ausnahmekönner verstummt, lohnt deshalb der Blick auf die Umstände, bevor man auf den Spieler zeigt.

Das Überlappungsproblem

Hier liegt der wahrscheinlichere Grund. Deutschland verfügt mit Musiala und Florian Wirtz über zwei herausragende zentrale Kreativspieler, die ihre Wirkung im selben Raum entfalten — im Halbraum, zwischen den Linien, am Ball. Zwei Spieler desselben Profils auf engem Raum addieren sich nicht einfach, sie behindern sich: Wo der eine den Ball fordern will, ist der andere bereits. Genau diese Reibung benennen viele Beobachter, wenn sie sagen, die beiden stünden sich gegenseitig auf den Füßen. Die kursierenden Ideen, Musiala auf den rechten Flügel zu ziehen oder die Struktur dahinter umzubauen, sind nichts anderes als Versuche, dieses eine Problem zu lösen. Es ist kein Zufall, dass die Debatte um Musiala und die Debatte um die Struktur dieselbe Wurzel haben.

Was der Markt sagt

Der Markt bewertet Musiala unverändert in der höchsten Kategorie — Marktwert, Decke und Perspektive stehen außer Frage. Eine blasse Stichprobe von drei Spielen in einem System, das ihn nicht optimal einsetzt, verschiebt daran nichts. Vom Trading-Desk her ist die Lehre eindeutig: Man verkauft keinen Spitzenwert auf Basis einer kleinen Stichprobe, die von der Verwendung getrieben ist und nicht von der Form. Wer Musiala jetzt abschriebe, verwechselte ein Einsatzproblem mit einem Wertverlust. Das eine korrigiert sich, sobald die Rolle stimmt; das andere gäbe es nur, wenn das Talent selbst nachließe — und dafür gibt es keinen Hinweis.

Nicht der Spieler, das System

Die eigentliche Frage an Nagelsmann lautet deshalb nicht „Musiala oder nicht“, sondern wie sich die Mannschaft so ordnen lässt, dass beide Zehner funktionieren. Den Spieler auf die Bank zu setzen, behandelt das Symptom, nicht die Ursache: Es nimmt einen Ausnahmekönner aus dem Spiel, ohne den Grund zu beheben, aus dem er verstummt ist. Das Talent ist intakt, die Rolle ist es nicht. Wer das verwechselt, löst das falsche Problem — und verzichtet ausgerechnet in der K.o.-Runde auf einen Unterschiedsspieler, den er bloß anders einsetzen müsste.

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