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90PLUS » Deniz Undav: Warum Nagelsmann mit der Startelf zaudert
WM 2026

Deniz Undav: Warum Nagelsmann mit der Startelf zaudert

Klaus Hürbl
28.06.26, 21:51
Klaus Hürbl
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Deniz Undav
Foto: Getty Images

Nach Toren gerechnet ist Deniz Undav der effizienteste Stürmer dieses Turniers — fünf Scorerpunkte in 69 Minuten, in einer Liga mit Messi, Mbappé und Haaland. Und er sitzt. Die laute Lesart sagt: Nagelsmann schone die Egos seiner Stammelf. Die interessantere sagt: Es gibt echte Gründe zu zögern — und sie haben eine Halbwertszeit.

Die Zahl, die alle sehen

Zunächst der Befund, der sich nicht wegdiskutieren lässt. Undav steht nach der Gruppenphase bei drei Toren und zwei Vorlagen — ein Tor und zwei Assists beim 7:1 gegen Curaçao, zwei Treffer beim 2:1 gegen die Elfenbeinküste, gekrönt vom Siegtreffer in der Nachspielzeit. Alle fünf Torbeteiligungen als Einwechselspieler, alle in zusammengerechnet 69 Minuten. Damit führt er, inoffiziell, weil es die Wertung offiziell nicht gibt, die Effizienztabelle dieser WM an: Messi braucht für fünf Tore 187 Minuten, Mbappé 199 für vier, Haaland 207 für vier. Undav 69 für fünf Beteiligungen. Die Zahl ist eindeutig. Die Frage ist, was sie wert ist, wenn man sie auf eine Startelf-Rolle hochrechnet.

Warum ein rationaler Trainer trotzdem zögert

Hier wird es interessant, denn die Gründe gegen einen Startelf-Platz sind besser, als die Empörung zugibt. Drei davon halten der Prüfung stand.

Erstens die Stichprobe. 69 Minuten sind drei Kurzeinsätze, kein Pensum eines Stammspielers. Und es sind selektierte Minuten: Ein Joker kommt gegen müde Beine, in offene Räume, in Phasen, in denen der Gegner das Risiko erhöhen muss. Eine Quote, die in diesem Kontext entsteht, überträgt sich nicht automatisch auf 90 Minuten gegen eine frische, kompakte Defensive. Vom Trading-Desk kennt man das Muster: Die Rolle produziert einen Teil der Zahl mit. Wer eine kleine, günstig zustande gekommene Stichprobe für bare Münze nimmt, kauft regelmäßig zu teuer ein.

Zweitens der Systemzuschnitt. Nagelsmann nennt Undav einen „brutalen Finisher“ und hält an Kai Havertz als gesetztem Mittelstürmer fest — wegen dessen Arbeit gegen den Ball, im Pressing, in der Bindung der Innenverteidiger, Dinge, auf die eine aufbaustarke Mannschaft baut. Bundesliga-Trainerin Kromp hat den Gedanken zugespitzt: Havertz werde sogar stärker, wenn Undav später dazukomme. In dieser Lesart ist die Bank keine Herabsetzung, sondern die beste Verwendung beider Spieler.

Drittens der eigene Wert des Jokers. In einer K.o.-Runde, in der es über 120 Minuten gehen kann, wird Wucht von der Bank eher wichtiger als unwichtiger. Ein garantierter Unterschiedsspieler in Reserve ist ein Aktivposten, den man bewusst einsetzt. Wer ihn von Beginn an bringt, löst diesen Posten früh auf.

Das sind keine Ausreden. Das sind die Überlegungen, die ein disziplinierter Entscheider tatsächlich abwägt.

Wo die Logik dünn wird

Nur: Der Abschlag ist nicht unendlich. Man rechnet die Quote eines Super-Jokers herunter, wenn man sie auf Startelf-Minuten projiziert — aber nicht auf null. Undavs elf Tore in neun Länderspielen und sein gesamter Weg legen nahe, dass das Toreschießen eine Eigenschaft des Spielers ist und nicht nur der Situation. Und das Fit-Argument muss einer unbequemen Tatsache standhalten: Ausgerechnet jene Spieler, denen Nagelsmann „Rhythmus“ geben will — Havertz, Musiala, Sané — haben in diesen Spielen nicht geliefert. Wenn das System untertourig läuft, während der Mann auf der Bank trifft, verschiebt sich die Beweislast. Christian Streichs Instinkt — Sané spielen lassen, Undav einwechseln, wie einst Nils Petersen in Freiburg — ist eine vertretbare Antwort. Sie setzt aber voraus, dass die Stammspieler das Vertrauen, das man ihnen verlängert, auch zurückzahlen.

Auch das „Rhythmus“-Argument ist ehrlich, aber zweischneidig. Rhythmus braucht, wer in der K.o.-Runde beginnt. Soll Undav auch dort von der Bank kommen, ist das legitim — dann war der mögliche Start gegen Ecuador ein Test, und dessen Ergebnis, ob die Quote auch ab der ersten Minute trägt, ist genau die Information, die Nagelsmann jetzt besitzt und nutzen sollte.

Die Halbwertszeit eines guten Arguments

Nagelsmanns Zögern ist rational, nicht ängstlich: Die Stichprobe ist dünn, der Systemnutzen von Havertz real, der Joker-Wert echt. Aber Rationalität hat eine Uhr. Mit jedem Spiel, in dem die Stammelf zu wenig produziert und Undav trifft, wird das Vorsichtsargument schwächer und das Finisher-Argument stärker. Heute lässt sich die Bank verteidigen. In einem engen Sechzehntelfinale bräuchte sie eine bessere Begründung als „Rhythmus“ — denn dort zählt nicht mehr, wer sich am besten in eine Rolle fügt, sondern wer den Ball über die Linie bringt.

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