Über den USA liegt derzeit ein ausgedehntes Hochdruckgebiet, das Meteorologen als Hitzedom bezeichnen – und die FIFA-Weltmeisterschaft 2026 trägt ihre Partien mittendrin aus. In Philadelphia werden für das Achtelfinale Paraguay gegen Frankreich am Samstag bis zu 39 Grad Celsius erwartet, Anpfiff um 17 Uhr Ortszeit. Die Frage, die Sportmediziner und Spielergewerkschaft unterschiedlich beantworten, lautet: Ab wann ist das zu viel?
Die Messgröße, auf die es ankommt
Lufttemperatur allein ist in dieser Debatte ein unvollständiges Maß. Forschende verwenden die sogenannte Wet Bulb Globe Temperature – kurz WBGT –, die neben der Lufttemperatur auch Luftfeuchtigkeit, Windgeschwindigkeit und Strahlungswärme einbezieht. Sie bildet die tatsächliche thermische Belastung auf den Körper deutlich präziser ab als ein einfaches Thermometer.
Die FIFA sieht auf Basis dieser Kennzahl erst ab 32 Grad WBGT Maßnahmen wie Spielverschiebungen vor. Die Spielergewerkschaft FIFPro zieht die Grenze deutlich früher: Ab 28 Grad WBGT empfiehlt sie Schutzmaßnahmen, weil bereits dort Leistungsfähigkeit und Gesundheit der Spieler nachweislich unter Druck geraten. Zwischen diesen beiden Schwellenwerten liegt ein Bereich, in dem die Spieler nach aktuellem Regelwerk auf dem Platz stehen, obwohl die medizinische Datenlage anderes nahelegt.
Leistung unter Hitze: Was die Studien zeigen
Die Forschungslage ist konsistent. Mit steigender thermischer Belastung laufen Spieler kürzere Gesamtdistanzen, erzielen geringere Spitzengeschwindigkeiten und passen ihre taktische Spielweise an – ein Cluster von Effekten, der sich in mehreren Studien replizieren lässt, zuletzt auch an Daten der FIFA Klub-WM 2025. Das ist kein Zeichen von mangelnder Fitness, sondern eine physiologisch nachvollziehbare Reaktion des Körpers auf extreme Thermoregulationsanforderungen.
Trinkpausen, Kühlzonen an den Seitenlinien und klimatisierte Stadien sind die Instrumente, auf die die FIFA setzt. Dass auch Sportmediziner die aktuellen FIFA-Grenzwerte für zu hoch halten, wie unter anderem Prof. Dr. Hans-Georg Predel von der Deutschen Sporthochschule Köln betont, dürfte in der öffentlichen Debatte um die WM-Vergabe an die USA noch an Gewicht gewinnen.
Strukturelle Schieflage: Sendezeiten vor Spielerwohl
Der eigentliche Mechanismus hinter dem Problem ist kein meteorologischer, sondern ein ökonomischer. Partien werden mittags oder am frühen Nachmittag Ortszeit angesetzt, damit sie zur europäischen Primetime – in diesem Fall 23 Uhr MESZ – ausgestrahlt werden können. Das ist Marktlogik, und sie ist transparent: Fernsehgelder sind der größte Einnahmeposten im modernen Turnierfußball.
Für Paraguay und Frankreich bedeutet das am Samstag: Anstoß in Philadelphia bei erwarteten 39 Grad. World Weather Attribution weist in einer aktuellen Analyse darauf hin, dass der Klimawandel die Häufigkeit und Intensität solcher Hitzeereignisse nachweislich erhöht. Die Frage, ob die Austragungsbedingungen strukturell mit den Schutzpflichten gegenüber Spielern und Fans vereinbar sind, stellt sich damit nicht nur für dieses eine Spiel.

