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90PLUS » Argentinien überlebt Kap Verde: Die Anatomie einer Beinahe-Blamage
WM 2026

Argentinien überlebt Kap Verde: Die Anatomie einer Beinahe-Blamage

Klaus Hürbl
05.07.26, 01:40
Klaus Hürbl
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Lionel Messi
Foto: Getty Images

Der Weltmeister steht im Achtelfinale, aber niemand in Miami wird behaupten, er habe es sich verdient leicht gemacht: Argentinien rang Kap Verde erst nach Verlängerung mit 3:2 nieder, gegen einen Neuling, der zweimal ausglich und den Titelverteidiger an den Rand der größten Sensation der WM-Geschichte brachte. Was von diesem Abend bleibt — und was er über Argentinien verrät.

Zweimal Führung, zweimal Ausgleich

Der Ablauf in Kurzform: Lionel Messi nahm in der 29. Minute einen langen Ball herausragend mit und traf zu seinem siebten Turniertor, dem zwanzigsten bei Weltmeisterschaften. Danach verwaltete Argentinien — und Deroy Duarte bestrafte es in der 59. Minute mit seinem ersten Länderspieltor überhaupt. In der Verlängerung köpfte Lisandro Martínez nach einer Messi-Ecke zur erneuten Führung (92.), ehe Sidny Lopes Cabral mit einem Traumtor in den Winkel ausglich (104.) — ein Linksverteidiger, der vor einem Jahr noch für Viktoria Köln in der 3. Liga spielte. Erst nach einer weiteren Messi-Ecke fiel in der 111. Minute die Entscheidung. Dazwischen: Glanzparaden von Vózinha gegen Messi und Co., Pfiffe der eigenen Fans in der regulären Spielzeit, ein Außenseiter, der bis zur letzten Ecke der Nachspielzeit der Verlängerung nach dem 3:3 suchte.

Die letzte Währung, wenn das Spiel nicht trägt

Der analytisch interessante Befund liegt in der Herkunft der argentinischen Tore. Beide Treffer der Verlängerung entstanden nach Ecken von Messi — die Standard-Abteilung rettete den Weltmeister an einem Abend, an dem das Spiel aus dem Feld heraus gegen einen tiefen, disziplinierten Block nicht trug. Das ist einerseits ein Qualitätsmerkmal: Wenn alles andere versagt, bleibt einem Spitzenteam der ruhende Ball als letzte belastbare Währung, und Argentinien besitzt mit Messi den vielleicht besten Verwalter dieser Währung. Andererseits ist es eine Warnung. Ein Titelverteidiger, der gegen den kleinsten K.-o.-Teilnehmer der WM-Geschichte auf seine Ecken angewiesen ist, hat ein Problem im Spiel gegen kompakte Gegner — und davon warten in einer K.-o.-Runde noch einige.

Das Muster ist zudem kein neues: Führung, Verwaltungsmodus, Kontrollverlust. Gegen Kap Verde ließ sich das zweimal korrigieren. Der Markt führt Argentinien weiter im engsten Favoritenkreis, aber die Einschätzung, dieses Turnier sei für die Albiceleste ein Durchmarsch, hat in Miami sichtbare Kratzer bekommen; eine Übersicht der WM Wetten zeigt, wie eng die Erwartungen an der Spitze inzwischen beieinanderliegen.

Der Abschied des Außenseiters

Kap Verde verlässt das Turnier mit seiner ersten WM-Niederlage überhaupt — nach vier Spielen, in denen der drittkleinste Teilnehmer der Geschichte Spanien, Uruguay und beinahe den Weltmeister neutralisierte. Innenverteidiger Pico Lopes brachte den Ertrag auf den Punkt: Niemand müsse mehr fragen, wo Kap Verde liege; man wisse jetzt, was diese Mannschaft sei. Dem ist wenig hinzuzufügen. Der Inselstaat war die beste Werbung dieses erweiterten Formats, und sein Abgang — zweimal ausgeglichen, nie eingebrochen — war die würdigste Form, die ein Ausscheiden annehmen kann.

Die letzte Währung ist der Standard

Argentinien trifft am Dienstag in Atlanta auf Ägypten, das Australien im Elfmeterschießen eliminierte — den nächsten Gegner, der tief stehen und warten wird. Die Lektion von Miami liegt damit auf dem Tisch: Der Weltmeister hat die individuelle Klasse und die Standards, um solche Abende zu überleben. Er hat gegen Kap Verde aber auch vorgeführt, dass er sie ohne Not entstehen lässt. Auf Dauer ist das eine Rechnung, die nicht aufgeht — irgendwann fällt die Ecke nicht mehr richtig.

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