Eine rote Karte, die plötzlich keine mehr ist, ein Präsident, der bei der FIFA durchregiert – und eine Fanszene, die die Nationalmannschafts-Romantik endgültig zu Grabe trägt. Ein Blick in die deutsche Fußball-Community.
„Diese rote Karte auf Bewährung hat das Fass bei mir zum Überlaufen gebracht. Was da abgeht, reine Clowns-Veranstaltung.“ Mit diesen Worten eröffnet ein User im Subreddit r/fussball einen Thread, der binnen Stunden fast 300 Upvotes und über 100 Kommentare sammelt – bei einer Zustimmungsquote von 95 Prozent. Der Titel: „Die WM ist ein Witz.“
Der Auslöser: Eine annullierte Rote Karte
Hintergrund der Empörung ist die Entscheidung der FIFA, die Sperre eines US-Stürmers nach dessen Platzverweis aufzuheben – auf Intervention aus dem Weißen Haus. „Trump hat bei der FIFA eine Rote Karte annullieren lassen, da er der Meinung war, dass diese unberechtigt war. Dem hat die FIFA dann ganz brav nachgegeben“, fasst ein Kommentator die Lage zusammen. Der Spieler darf damit im anstehenden Duell gegen Belgien auflaufen – obwohl er eigentlich gesperrt wäre.
Belgien protestiert und prüft weitere Schritte. In der Community geht das vielen nicht weit genug: „Zumindest Belgien sollte das Spiel verweigern und nach Hause fahren. Das ist kein Fußballturnier mehr, das ist orchestrierter Zirkus“, schreibt ein HSV-Fan – einer der meistbewerteten Kommentare des Threads.
„Die FIFA versteht nur eine Sprache. Und die ist Geld.“
Der Top-Kommentar bringt die Ohnmacht der Fans auf den Punkt: Solange Stadien voll und Einschaltquoten hoch bleiben, werde sich nichts ändern. Ein User schlägt vor, die UEFA und die europäischen Verbände sollten schlicht aus der FIFA austreten und eine eigene WM organisieren. Die Gegenrede folgt prompt: Auch die UEFA verdiene am System mit – und sei zuletzt selbst Ziel von Razzien wegen Korruptionsverdachts gewesen. Kleinere Verbände weltweit profitierten zudem massiv von FIFA-Geldern, ein Aufstand sei von dort nicht zu erwarten.
Ernüchternd auch die Marktanalyse eines Kommentators: Die Wachstumsmärkte der FIFA lägen in Asien, dem arabischen Raum und Nordamerika. Dort wolle man Stars, Entertainment und Spektakel – „da können die europäischen Zuschauer noch so sehr boykottieren.“
Kein neues Phänomen
Mehrere User erinnern daran, dass schon vor dem Turnier eine Sperre von Cristiano Ronaldo zur „Bewährungsstrafe“ umgewandelt wurde und Messi im ersten Gruppenspiel eine argumentierbare Rote Karte erspart blieb. „Unser Fußballgedächtnis hat die Aufmerksamkeitsspanne einer Erbse“, resigniert ein österreichischer Kommentator. Vereinzelt gibt es auch Widerspruch – „unironisch eine der besten WMs bisher“, findet ein User – und den Vorwurf der Doppelmoral: Der größte Andrang auf WM-Tickets sei schließlich aus Deutschland gekommen.
Die Flucht in den Amateurfußball
Auffällig ist, wohin sich die Enttäuschten orientieren: nach unten. Der Threadersteller schaut „lieber Fürth gegen Braunschweig am Sonntagnachmittag“ und empfiehlt die Regionalliga vor Ort – „da ist es wenigstens noch ehrlich“. Andere kündigen an, künftig nur noch Dritte Liga zu schauen oder gleich in der Landesliga vorbeizuschauen: „Da sieht alles noch wie richtiger Fußball aus, und Gianni Corruptino ist weit, weit weg.“
Ob die Abstimmung mit der Fernbedienung tatsächlich stattfindet, bleibt offen. Ein User prognostiziert das übliche Muster: „Im Netz regen sich ein paar auf, ein paar Reporter schreiben was Kritisches – und am Ende schauen die allermeisten trotzdem wie gewohnt weiter.“

