Diese Weltmeisterschaft hat einen Protagonisten, und alles an ihr scheint auf ihn hin erzählt: die Spielorte, der Turnierbaum, der Rekord, das Abschiedsmotiv. Doch während das Drehbuch auf den Schlussakkord am 19. Juli zuläuft, hat der Hauptdarsteller zweimal in Folge gewackelt — gegen Ägypten lag Argentinien am Dienstag erstmals im Turnier zurück. Zeit für die Frage, die niemand laut stellt: Was scheitert eigentlich alles mit, wenn Messi scheitert?
Die Choreografie, die sich fügt
Man muss kein Dramaturg sein, um die Inszenierung zu erkennen. Lionel Messi, 39, bestreitet seine sechste und nach fast einhelliger Lesart letzte Weltmeisterschaft. Sein Sechzehntelfinale fand in Miami statt, seiner Wahlheimat und seinem Klubstandort. Seine Turnierhälfte ist die leichtere — der erste Schwergewichtsgegner wartet frühestens im Halbfinale. Den Rekord hat er bereits eingetütet: 20 WM-Tore, alleiniger Rekordtorschütze des Wettbewerbs, dazu sieben Treffer in diesem Turnier. Es fehlt nur der Schlussakkord, das Finale von New Jersey.
Zur Redlichkeit gehört, was an dieser Stelle schon einmal auseinandergenommen wurde: Dieses Drehbuch wurde nicht geschrieben, es ist gewachsen — aus Setzliste, Losglück und Resultaten, alles regelkonform, alles nachvollziehbar. Aber dass es legitim entstanden ist, ändert nichts daran, dass es existiert. Die Vermarktung dieser WM erzählt seit Wochen eine Abschiedsgeschichte, und eine Abschiedsgeschichte braucht ihr Ende beim Abschied, nicht im Achtelfinale.
Die Risse im Skript
Nur hält sich der Fußball erkennbar nicht an die Vorlage. Gegen Kap Verde, den kleinsten K.-o.-Teilnehmer der Geschichte, rettete sich Argentinien erst in der Verlängerung, unter Pfiffen der eigenen Fans; Trainer Scaloni sprach hinterher davon, man sei dem Wahnsinn haarscharf entkommen. Bezeichnender als das Ergebnis war seine Architektur: Beide Verlängerungstreffer fielen nach Ecken von Messi. Der Weltmeister von 2022 lebt weiterhin von den Momenten seines Kapitäns — nur ist der Kapitän inzwischen 39, und die Abhängigkeit, die vor vier Jahren bis zum Titel trug, ist heute eine dünnere Versicherung. Gegen Ägypten setzte sich das Muster fort: erstmals in diesem Turnier ein Rückstand, ein Außenseiter ohne Druck, ein Favorit, der dem Skript hinterherläuft.
Was mit ihm scheitern würde — und was nicht
Sollte es schiefgehen, wäre zunächst eine historische Randnotiz fällig: Der letzte Titelverteidiger, der in einem WM-Achtelfinale ausschied, war Italien 1986. Vor allem aber fiele die Erzählarchitektur dieses Turniers in sich zusammen. Eine WM, die auf einen Protagonisten hin vermarktet wurde, verlöre ihren roten Faden — für den Weltverband, dessen Dramaturgie auf ein Messi-Finale zuläuft, wäre das ein Bruch mit Ansage. Der Markt hat diese Fallhöhe längst registriert: Argentinien wird im engsten Favoritenkreis geführt, aber die Einschätzung beruht auf Kaderqualität und Turnierbaum, nicht auf der Erzählung; eine Übersicht der WM Wetten zeigt, dass Wahrscheinlichkeiten und Drehbücher zwei verschiedene Währungen sind.
Das Turnier selbst scheiterte hingegen nicht mit. Marokkos zweiter Anlauf, die Gastgeberfrage, die Serie der Sensationen — diese WM hat parallele Geschichten genug, die keinen Protagonisten brauchen. Und Messi selbst? Hier liegt der entscheidende Unterschied zum zweiten alternden Superstar dieses Turniers. Ronaldo schied am Montag mit einer für immer leeren Titelspalte aus. Messis Spalte ist seit 2022 gefüllt — seine Erzählung ist vollendet, dieses Turnier ist Zugabe. Ein Aus im Achtelfinale würde die Zugabe verkürzen. Es würde nichts entwerten.
Ein Drehbuch ist kein Ergebnis
Die nüchterne Antwort auf die Ausgangsfrage lautet also: Wenn Messi scheitert, scheitert eine Inszenierung — nicht der Spieler, nicht das Turnier. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Lehre dieser WM, die bereits Deutschland und Ronaldo aus dem Skript gestrichen hat: Drehbücher haben auf dem Rasen keine Kausalkraft. Der Fußball liest nicht mit. Er hat auch 2022 nicht mitgelesen, als die Geschichte gegen Saudi-Arabien mit einer Niederlage begann und trotzdem im Titel endete. Ob die Zugabe hält, entscheidet kein Erzählbogen, sondern die Frage, ob eine Mannschaft mehr zu bieten hat als die Ecken ihres Kapitäns.

