Die Revanche von 2022 fiel aus, weil nur einer sie spielte: Frankreich schlug Marokko im Viertelfinale von Foxborough mit 2:0 und war dabei so überlegen, wie es ein K.-o.-Spiel dieser Runde selten zulässt — zwischenzeitlich stand das Abschussverhältnis bei 13:0. Die Analyse eines Abends, an dem die beste Defensive des Turniers ihr Gegenstück verlor: den Grund, überhaupt zu verteidigen.
Der Abend
Frankreich diktierte von der ersten Minute. Upamecano köpfte früh frei vorbei (4.), Digne traf die Latte, und dazwischen lag die Szene, die das Spiel hätte kippen können: Nach glasklarem Foul von Mazraoui zeigte Schiedsrichter Tello sofort auf den Punkt, doch die VAR-Prüfung zog sich über quälende drei Minuten und dreizehn Sekunden — und der ausgekühlte Mbappé rollte den Ball anschließend so harmlos auf Bono, dass der ihn festhielt (28.). Es blieb Marokkos einziger Sieg des Abends. Nach der Stunde erlöste sich Mbappé mit einem Schlenzer von der Strafraumgrenze selbst — sein achtes Turniertor, sein zwanzigstes WM-Tor im zwanzigsten WM-Spiel —, ehe Dembélé mit seinem fünften Turniertreffer erhöhte (66.). Vor 63.811 Zuschauern zog Frankreich zum dritten Mal in Folge in ein WM-Halbfinale ein.
Marokkos Verweigerung
Die eigentliche Geschichte spielte auf der anderen Seite. Trainer Ouahbi hatte vor der Partie ein Spiel „mit dem Messer zwischen den Zähnen“ versprochen — geliefert wurde das Gegenteil: elf Mann tief, keine Entlastung, keine Umschaltmomente, über weite Strecken keine Beteiligung am Angriffsspiel. Der Ausfall von Saibari erklärt einen Teil davon; ohne den einzigen verlässlichen Torschützen fehlte dem Konterspiel das Ziel, auf das es zulaufen sollte. Aber er erklärt nicht alles. Gegen Kanada hatte an dieser Stelle noch gegolten: Effizienz schlägt Aufwand — Marokko hatte wenige Momente und nutzte sie. Gegen Frankreich hatte Marokko weder Momente noch den Versuch, welche zu erzeugen. Ein tiefer Block ist eine Waffe, solange er ein Gegenprogramm besitzt. Ohne eines ist er nur eine Verlängerung der Wartezeit des Favoriten — und Favoriten dieser Güte kann man nicht neunzig Minuten warten lassen, ohne dass einer ihrer sechs Weltklasse-Angreifer die eine Lücke findet.
Die Einordnung
Für Frankreich war es die kontrollierteste Vorstellung des Turniers zur richtigen Zeit: keine Glanzleistung, wie auch der eigene Anhang anmerkte, aber eine vollständige — hinten die nächste Null, vorne zwei Tore aus dreizehn Abschlüssen und ein Kapitän, der auf einen Tiefpunkt binnen einer halben Stunde mit einem Traumtor antwortet. Der Markt hatte die Partie klar in diese Richtung bepreist, und eine Übersicht der WM Wettanbieter führt Frankreich nach diesem Abend einsamer denn je an der Spitze. Im Halbfinale wartet der Sieger aus Spanien und Belgien — die erste Aufgabe dieses Turniers, die den Namen verdient.
Verweigerung ist kein Plan
Marokko verlässt das Turnier als beste Defensivmannschaft der WM und als Beleg dafür, dass Defensive allein keine Strategie ist, sondern eine Hälfte davon. Die Mannschaft, die 2022 Spanien und Portugal eliminierte, tat das mit Kontern, die Angst machten. Die Mannschaft von Foxborough verteidigte nur noch die Höhe der Niederlage. Zwischen beiden liegt der Unterschied zwischen einem Plan und seiner Karikatur — und ein verletzter Stürmer, der diesen Unterschied größer machte, als ein einzelner Spieler es dürfte.

