Didier Deschamps sprach nach dem 2:0 gegen Marokko beiläufig von seinem „drittletzten Spiel“ als Nationaltrainer — der Abschied nach dem Turnier steht fest, und er könnte kaum planmäßiger verlaufen: Frankreich steht zum dritten Mal in Folge in einem WM-Halbfinale. In einem Format, das von Zufall lebt, ist das die eigentliche Sensation dieses Trainers.
Die Zahl, die niemand würdigt
Man unterschätzt leicht, was drei WM-Halbfinals in Serie bedeuten. Eine K.-o.-Runde ist ein Varianz-Generator — ein schlechter Abend, ein Elfmeterschießen, eine Abseitslinie, und der beste Kader fährt heim; dieses Turnier hat es Deutschland, Brasilien und Portugal vorgeführt. Deschamps‘ Frankreich hat diese Lotterie nun über drei Weltmeisterschaften hinweg systematisch überlebt: Titel 2018, Finale 2022, Halbfinale 2026 mit Aussicht auf mehr. Kein anderer aktueller Nationaltrainer hat etwas Vergleichbares vorzuweisen. Seine Erklärung nach dem Marokko-Spiel war typisch unprätentiös: Man sei da, wo man habe sein wollen — „und wenn du Kylian Mbappé in deiner Mannschaft hast, musst du dir eigentlich keine großen Sorgen machen.“
Der Pragmatiker und seine Kritiker
Der Satz ist bescheidener, als die Leistung es verlangt, und er füttert die alte Kritik: Deschamps gewinne nicht durch Fußball, sondern durch Kader — zu pragmatisch, zu ergebnisorientiert, zu wenig Idee. Auch gegen Marokko war die Vorstellung keine Glanzleistung, nur eine vollständige. Nüchtern betrachtet ist genau das die Pointe: Trainer mit größeren Ideen und denselben Kadern sind an dieser Aufgabe reihenweise gescheitert — Frankreich selbst wusste vor Deschamps, wie sich ein Weltklasse-Ensemble im Turnier-Chaos zerlegt. Die Fähigkeit, Superstars über sieben Wochen zu einer funktionierenden Einheit zu disziplinieren und die Varianz des Formats Jahr für Jahr auf die eigene Seite zu zwingen, ist keine fehlende Idee. Sie ist die Idee.
Was noch aussteht
Maximal zwei Spiele bleiben — Halbfinale gegen den Sieger aus Spanien und Belgien, dann gegebenenfalls das Finale von East Rutherford. Die Nachfolge-Erwartung ist seit Jahren dieselbe und bleibt hier als das markiert, was sie ist: eine kolportierte, nie bestätigte Selbstverständlichkeit namens Zidane. Für Deschamps‘ Vermächtnis ändert der Ausgang wenig — der Titel von 2018 ist gesichert, die Konstanz dokumentiert. Für die Erzählung ändert er alles: Ein zweiter Stern unter seiner Regie machte ihn endgültig zum erfolgreichsten Nationaltrainer der Geschichte dieses Landes, ein Scheitern ließe die Pragmatismus-Debatte ein letztes Mal aufleben. Der Markt hält Ersteres für das wahrscheinlichste Szenario des gesamten Turniers; eine Übersicht der WM Wettanbieter führt Frankreich so klar wie keinen Zweiten.
Konstanz ist die seltenste Währung
Es ist eine hübsche Ironie, dass der unspektakulärste Trainer der Weltspitze ihr verlässlichster ist. Deschamps verabschiedet sich mit der Währung, die im Turnierfußball am schwersten zu verdienen ist — Wiederholbarkeit. Ob am Ende ein Pokal dazukommt, entscheiden zwei Abende. Was er hinterlässt, steht schon fest.

