In Tränen aufgelöst und völlig fassungslos taumelte Breel Embolo vom Platz, sein Trainer Murat Yakin verstand die Fußballwelt nicht mehr. Die Gelb-Rot-Premiere nach Videobeweis riss die Schweizer jäh aus allen Träumen von einer Sensation gegen den Weltmeister Argentinien – und warf die Frage auf: War es die Dummheit eines Schwalbenkönigs oder eine schreiende Ungerechtigkeit?
Yakin entschied sich schnell für die zweite Variante. „Das ist eine Regel, die für mich mit Fußball nichts zu tun hat. Dass sie eingeführt wurde, ist absolut unnötig“, ereiferte sich der Coach der „Nati“ nach dem 1:3 (1:1, 0:1) nach Verlängerung gegen Lionel Messi und Co. und behauptete: „Wir sind für einen Fehler des Schiedsrichters bestraft worden.“
„Unser Spiel zerstört“
In der Tat hatte der portugiesische Referee Joao Pinheiro in der 72. Minute beim Stand von 1:1 zunächst falsch gelegen: Er hatte Leandro Paredes nach einem vermeintlichen Foul an Embolo die Gelbe Karte gezeigt. Der VAR meldete sich, die Videosequenz zeigte, dass der ehemalige Bundesligastürmer überhaupt nicht berührt worden war, sondern abhob, um einen Freistoß zu schinden. Also zeigte Pinheiro stattdessen dem bereits verwarnten Embolo Gelb-Rot.
Grundlage der Entscheidung war die neue Regel zur „Spielerverwechslung“: Demnach darf der Videoassistent eingreifen, wenn der falsche Spieler die Gelbe oder Rote Karte erhalten hat. Allerdings wurde erst zu WM-Beginn klargestellt, dass davon nicht nur Spieler derselben Mannschaft, sondern auch jene des Gegners betroffen sein können.
Yakin ärgerte sich vor allem darüber, dass die Regel nur Anwendung fand, weil der Unparteiische seiner Meinung nach einen Fehler gemacht hatte: „Es gab keinen Grund, dem Argentinier Gelb zu geben, nicht in so einer harmlosen Situation. Er hätte es einfach laufen lassen müssen.“ Sein Urteil: „Die Regel hat heute unser Spiel zerstört.“
Denn nachdem Dan Ndoye (67.) die argentinische Führung durch Alexis Mac Allister (10.) ausgeglichen hatte, habe die Schweiz „das Momentum auf unserer Seite“ gehabt, so Yakin, „wir waren dominant, spielbestimmend“. Er wollte gerade „offensiv wechseln“, der Platzverweis habe „den ganzen Plan auf den Kopf gestellt“. Messi und Co. nutzten in der Verlängerung die Überzahl durch Tore von Julian Alvarez (110.) und Lautaro Martinez (120.+1) zum Sieg.
Doch alle Welt fragte sich: Warum fabrizierte Embolo, der in der ersten Hälfte schon Gelb gesehen hatte, an der Seitenlinie weit weg vom gegnerischen Tor diese Schwalbe? „Dumm“, „peinlich“, „lächerlich“, urteilten Medien weltweit – nur Yakin hatte eine andere Meinung. „Breel wurde vorher mehrmals attackiert“, sagte der Trainer, „ihm eine Schuld zu geben, ist absolut absurd.“ Embolo, den seine Teamkollegen auf dem Weg in die Katakomben stützen mussten, sei „am Boden zerstört“.
Auch der Gladbacher Nico Elvedi haderte mit der neuen Regel: „Ich verstehe einfach nicht, wie der VAR in so einem Spiel bei so einer Situation eingreifen kann, das muss die FIFA bitte noch erklären.“ Das hatte sie schon nach dem Präzedenzfall im Spiel USA gegen Paraguay (4:1) getan, als erstmals eine Gelbe Karte nach VAR-Intervention der anderen Mannschaft gezeigt wurde. Das schmälerte den Schweizer Frust aber nicht, den Granit Xhaka zusammenfasste: „Der Platzverweis hat uns getötet.“

