Fabian Reese hat am Samstag das beste Zweitligaspiel seiner jungen Wolfsburger Zeit gemacht – zwei Tore, eine Vorlage, 5:2 in Karlsruhe. Und er hat danach am Sky-Mikrofon gesagt, dass er die Pfiffe mit nach Hause nimmt. Beides stimmt. Beides gehört zusammen. Das ist die Geschichte.
Die Ausgangslage: acht Millionen und ein gebrochenes Versprechen
Reese, 28, war das Gesicht von Hertha BSC. Kapitän, Publikumsliebling, im vergangenen Jahr erst mit einem Vertrag bis 2030 ausgestattet. Im Sommer ging er für kolportierte acht Millionen Euro nach Wolfsburg – zu einem Absteiger, in dieselbe Liga. Für viele Hertha-Fans war das kein Karriereschritt, sondern ein Wortbruch. Und weil der Karlsruher SC eine der ältesten Fanfreundschaften des deutschen Fußballs mit Hertha pflegt, war der Wildpark am Samstag Berlin-Ost mit badischem Akzent.
Bei jedem Ballkontakt: Pfiffe. Über weite Strecken Schmähgesänge. Schon fünf Tage zuvor, im Pokal bei VSG Altglienicke – wenige Hundert Meter von seiner alten Heimstätte entfernt –, hatte es dasselbe gegeben. Zwei Spiele, zwei Siege, zwei Spießrutenläufe.
Was er gesagt hat – und warum es nicht wie eine Floskel klang
Spieler sagen nach solchen Spielen normalerweise, dass sie das ausblenden. Reese sagte das Gegenteil. „Mir tut es sehr weh. Es ist einfach verletzend“, so sein erster Satz bei Sky. Er nehme die Pfiffe mit nach Hause, könne sie nicht abschütteln, sei vielleicht zu sensibel dafür. Es sei einfach, auf einen Einzelnen draufzuhauen, einen Sündenbock zu finden, Gruppendynamik. Heutzutage sei es Schwarz oder Weiß, Held oder Hassfigur.
Und dann die Wendung, die den Fußballer im Menschen zeigt: Irgendwann hätten ihn die Pfiffe angespornt – „weil dann geht es an die Ehre“. Zwei Tore, eine Vorlage. Wer ihn 90 Minuten lang auspfeift, bekommt seinen besten Reese. Das ist eine Botschaft an Karlsruhe. Es ist vor allem eine Botschaft an Berlin.
Der Hauptgang wartet im November
Altglienicke war der Aperitif, Karlsruhe die Vorspeise. Anfang November spielt Wolfsburg im Olympiastadion. Dann steht Reese erstmals als Gegner vor der Ostkurve, die ihn drei Jahre lang getragen hat. Er hat in Karlsruhe gefordert, irgendwann müsse man nach vorne schauen, die Vergangenheit vergangen sein lassen. Er hat im selben Atemzug gesagt, dass er sich damit arrangieren müsse, wenn es so weitergehe. Er weiß, wie es weitergeht.
Was die Pfiffe über die Pfeifenden sagen
Reese hat die entscheidende Frage selbst gestellt: Jeder, der pfeift, solle sich fragen, was es mit einem macht, mit 28 von 30.000 bis 40.000 Menschen ausgepfiffen zu werden – und ob dieser Sport dann noch die Fairness habe, die er beanspruche. Man kann das für weinerlich halten. Man kann es auch für die ehrlichste Analyse der Fan-Emotion halten, die in dieser Saison ein Profi geliefert hat. Ein Vertrag bis 2030, nach einem Jahr gebrochen, ist ein legitimer Grund für Enttäuschung. 90 Minuten organisierter Schmähgesang gegen einen Spieler, der beim Gegner des Freundes-Klubs spielt, ist Enttäuschung, die sich ein Ventil sucht. Reese hat beides verstanden. Ob die Kurven das auch verstehen, ist eine andere Frage.
Held oder Hassfigur – oder einfach ein Profi, der gewechselt ist
Wolfsburg hat drei Pflichtspiele in Serie gewonnen, Reese ist dafür ein Grund. Hertha hat einen Kapitän verloren und acht Millionen bekommen. Beide Klubs haben ihren Deal gemacht. Der Einzige, der den Preis in Pfiffen zahlt, ist der Spieler. Wer das als Teil des Geschäfts abtut, hat recht – und sollte trotzdem einmal hinhören, wie es klingt.

