Am 28. Februar gewann der FC St. Pauli 1:0 gegen Hoffenheim, lag auf Platz 15 und hatte in der Rückrunde so viele Punkte wie Freiburg und der HSV. Das ist 184 Tage her. Seitdem: Abstieg als Letzter, Pokal-Aus gegen einen Drittligisten, drei Zweitligaspiele ohne Dreier. Vierzehn Pflichtspiele. Kein Sieg. So lange hat in der dokumentierten Nachkriegsgeschichte keine St.-Pauli-Mannschaft gewartet.
Das Rechenspiel: Wie man aus Platz 15 einen Rekord macht
Zehn Punkte aus der Rückrunde bis Ende Februar, drei Punkte aus den restlichen zehn Spielen. Das war der Abstieg – nicht ein Absturz, sondern ein Stillstand, während alle anderen weiterliefen. Dann 0:2 bei Rot-Weiss Essen im Pokal. Dann zwei Unentschieden zum Ligastart, darunter ein 2:2 gegen Kiel. Und am Sonntag, vor 29.546 Zuschauern im ausverkauften Millerntor, ein 1:2 gegen Kaiserslautern, das nach 45 Sekunden der zweiten Halbzeit entschieden war, als Thierry Tazemeta an Ando und Mathisen vorbeimarschierte.
Die Vergleichswerte aus der Vereinshistorie sind unangenehm präzise. 2002/03, ebenfalls als Absteiger gestartet: 13 Spiele ohne Sieg, am Ende Abstieg aus der 2. Liga. 2020/21: ebenfalls 13 Spiele, dann ein 3:2 in Hannover und eine Aufholjagd. Die aktuelle Mannschaft hat beide Serien überboten. Welches der beiden Muster folgt, entscheidet sich in den nächsten Wochen.
Neuer Trainer, altes Problem
Marcel Rapp hat Alexander Blessin abgelöst, und er hat gegen Kaiserslautern eine Mannschaft aufgeboten, die nach Sportschau-Lesart ein 2:2 verdient gehabt hätte. Das ist der Trost. Es ist auch der Befund: St. Pauli spielt seit Monaten Fußball, der Punkte verdient hätte, und holt sie nicht. Rapp wollte gegen den FCK mehr Ballbesitz, stellte Eric Smith für Joel Fujita in die Startelf und ließ nach dem Spiel durchblicken, dass Fujita mit Wechselgedanken beschäftigt gewesen sein könnte. Ein Trainer, der drei Spiele nach Amtsantritt öffentlich über die Konzentration eines Spielers spricht, hat entweder ein Signal gesetzt oder ein Problem benannt. Vermutlich beides.
Das Muster, das sich wiederholt
Zwei Gegentore in der 29. und 46. Minute, ein Anschlusstreffer durch den eingewechselten Abdoulie Ceesay in der 56., dann eine Drangphase ohne Ertrag. Das ist das Spiel gegen Kaiserslautern, und es ist in Kurzform die ganze Rückrunde: früh hinten, spät gut, am Ende null. Blessin hatte im Frühjahr davon gesprochen, Spieler zu suchen, „die sich wehren und aufstehen“. Sie haben sich gewehrt. Aufgestanden sind sie bisher nicht.
Was fehlt, ist erstaunlich simpel: jemand, der beim Stand von 1:2 in der 80. Minute den Ball ins Tor bringt, statt ihn schön hineinzuspielen. Die Sommer-Zugänge – Hara, Kaars, Rasmussen, Hrgota – haben das noch nicht geliefert. Ceesay, gerade zurück, hat es in vier Minuten geschafft.
Der Kiez trägt es noch – wie lange?
29.546, ausverkauft, gegen einen Aufsteiger-Konkurrenten, nach 14 sieglosen Spielen: Das Millerntor hat noch nicht abgestimmt. Das ist St. Paulis größter Vorteil und sein größtes Risiko zugleich. Ein Publikum, das nicht pfeift, gibt Zeit. Ein Publikum, das nicht pfeift, verlangt aber auch keine Konsequenzen – und irgendwann fragt man sich im Klub, warum man sie nicht gezogen hat.
Sechs Monate ohne Sieg: Zufall, Pech oder Zustand?
Ein Spiel ist Pech. Fünf Spiele sind Form. Vierzehn Spiele sind ein Zustand. St. Pauli hat den Trainer gewechselt, den Kader umgebaut, die Liga gewechselt – und die Serie hat alle drei Veränderungen überlebt. Wer nach 184 Tagen noch von Pech spricht, hat aufgehört zu zählen.

