Ein Spieler zieht das Trikot über den Mund, sagt etwas zum Gegner, dreht sich weg. Bei der Weltmeisterschaft kostete diese Geste zweimal Rot. In der Champions League kostet sie ab dieser Saison – möglicherweise gar nichts.
Was die UEFA ausdrücklich nicht übernommen hat
Die Regel, die das IFAB für die WM in den USA, Mexiko und Kanada beschloss, hatte einen konkreten Auslöser: den Playoff-Abend, an dem Gianluca Prestianni von Benfica Vinícius Júnior beleidigt haben soll – mit dem Trikot vor dem Mund. Gianni Infantino trieb die Verschärfung persönlich voran. Bei der Endrunde griff sie zweimal, Miguel Almirón und Piero Hincapié mussten vom Platz.
Die europäische Verbandsspitze hat sich anders entschieden. Nach SID-Informationen wurden die Mitgliedsverbände darüber informiert, dass das Bedecken des Mundes in Champions League, Europa League und Conference League nicht automatisch zum Platzverweis führt. Schiedsrichter können die Geste als unsportliches Verhalten werten und Gelb zeigen – müssen es aber nicht. Disziplinarische Ermittlungen im Nachgang bleiben davon unberührt.
Auch der zweite WM-Import fällt weg: Wer aus Protest das Feld verlässt, sieht in den UEFA-Wettbewerben keine Rote Karte.
| Vergehen | WM 2026 (FIFA) | UEFA-Wettbewerbe 2026/27 |
|---|---|---|
| Mund bedecken beim Reden mit dem Gegner | Rot | Gelb möglich, nach Ermessen |
| Spielfeld aus Protest verlassen | Rot | kein Platzverweis |
| Falsch gegebene Ecke | VAR-Überprüfung | VAR-Korrektur, nur in klaren Fällen |
Zehn Sekunden für den Weg von der Seitenlinie
Der interessantere Teil des Pakets steht weiter unten. Die UEFA geht ans Zeitspiel, und zwar mit Zahlen statt mit Appellen.
- Auswechslungen: Wer ausgewechselt wird, hat zehn Sekunden, um das Feld zu verlassen. Trödelt er, muss sein Ersatzmann bis zur nächsten Unterbrechung warten.
- Einwürfe und Abstöße: Der Schiedsrichter kann einen Fünf-Sekunden-Countdown starten. Wer zu langsam ist, verliert den Ball – beim Abstoß bekommt der Gegner sogar eine Ecke.
- Behandlung: Ein behandelter Spieler muss nach dem Verlassen des Feldes grundsätzlich eine Minute draußen bleiben. Ausnahmen gelten unter anderem für Torhüter und für Gefoulte, nach deren Szene der Gegner verwarnt wurde.
Der letzte Punkt ist der raffinierteste. Er nimmt dem Zeitspiel das Kalkül, ohne den ehrlich Verletzten zu bestrafen.
Der VAR darf jetzt Gelb-Rot zurückholen
Drei neue Eingriffsrechte kommen hinzu. Zeigt der Schiedsrichter die Karte dem falschen Spieler, darf der Videoassistent die Identität korrigieren – das Vergehen selbst wird nicht neu bewertet. Zweitens kann eine zu Unrecht gezeigte zweite Gelbe Karte zurückgenommen werden, wenn die Bilder eindeutig zeigen, dass kein Foul vorlag. Drittens darf eine falsch zugesprochene Ecke korrigiert werden, aber nur sofort und ohne längere Unterbrechung.
Punkt zwei hat das größte Potenzial, einen Abend zu drehen. Wer schon einmal gesehen hat, wie ein Spiel nach einem falschen Gelb-Rot in sich zusammenfällt, weiß, welcher Wert da über Nacht entstanden ist.
Vier, sechs, acht – die neue Sperrenrechnung
Auch die Verwarnungsgrenze wird umgebaut. In der Ligaphase folgt die Sperre nach der vierten Gelben Karte, danach nach der sechsten, achten und jeder weiteren geraden Zahl. Nach dem Viertelfinale werden die Karten gelöscht und nicht ins Halbfinale übernommen – die alte Ungerechtigkeit, dass eine Nickligkeit im Oktober ein Halbfinale im Mai kostet, ist damit weg.
Wenn Ermessen zur Regel wird
Unterm Strich hat die UEFA das Schärfste abgelehnt und das Kleinteilige verschärft. Das ist verteidigbar: Eine automatische Rote Karte für eine Geste, deren Inhalt niemand gehört hat, wäre ein Urteil ohne Beweis gewesen. Nur verlagert die Ermessensregel das Problem lediglich – von der Regel zum Unparteiischen. Die ersten strittigen Szenen werden nicht die Frage stellen, ob die Karte richtig war. Sie werden fragen, warum sie beim einen kam und beim anderen nicht.

