Arsenal hatte gerade 2:1 gegen Chelsea gewonnen, als Graeme Souness in Piers Morgans Sendung ausholte. Nicht gegen einen Verlierer, sondern gegen den besten defensiven Mittelfeldspieler Englands – so nannte er ihn selbst, ehe er ihn auseinandernahm.
Ein Kritiker, keine Fachwelt
Vorweg die Einordnung, die in den Schlagzeilen untergeht: Hier hat sich nicht die Expertenzunft gegen Declan Rice gestellt. Hier hat ein einzelner Mann gesprochen, allerdings einer mit Gewicht – langjähriger Liverpool-Kapitän, dreimaliger Europapokalsieger der Landesmeister, seit Jahrzehnten für Klartext bekannt.
Und Souness hat nicht gesagt, Rice sei „nicht gut genug für Bayern“. Er hat gesagt, er sei sich nicht sicher, ob Rice bei Barcelona, Real Madrid, Bayern München oder Manchester City spielen würde. Das ist eine Zweifelsäußerung über vier Klubs, keine Absage an einen.
Der Vorwurf: letzter Mann statt Mittelfeld
Inhaltlich geht es um Positionierung, und da wird es interessant. Souness stört, dass Rice im Aufbau als letzter Mann agiert – zwischen den beiden Innenverteidigern oder zwischen Innen- und Außenverteidiger. Die meiste Zeit, so seine Beobachtung, spiele Rice gar nicht im Mittelfeld.
Das Absichern in die Viererkette nennt er Fußball für alte Männer. Man bekomme den Ball ohne Gegnerdruck und schiebe ihn zum Außenverteidiger weiter. Sein Urteil über Rices Offensivwert fällt entsprechend aus: zu tief, um das Spiel zu beeinflussen, nicht genug Fußball im Blut. „Er ist kein kompletter Mittelfeldspieler.“
Dann kommt der Vorschlag, der die Debatte erst richtig anschob: Souness hält Rice für einen möglichen Innenverteidiger. Der Ball sei schneller als er.
Wo Souness recht hat
Der Positionsvorwurf ist keine Erfindung. Rice lässt sich im Arsenal-Aufbau tatsächlich häufig zwischen die Verteidiger fallen, und wer ihn nur in dieser Phase beobachtet, sieht einen Spieler, der Bälle ohne Risiko empfängt und ohne Risiko weitergibt. Als Beleg führt Souness ein Beispiel an, das jeder nachvollziehen kann: Zehn-Meter-Pass von Gabriel, Rice nimmt an, Rice legt quer.
Auch seine historische Referenz sitzt. City hatte mit Fernandinho und Rodri zwei Spieler auf dieser Position, die im Mittelfeld blieben und trotzdem absicherten. Wer diesen Maßstab anlegt, findet bei Rice eine andere Rollenauslegung.
Und wo er sich verrennt
Nur beschreibt Souness eine taktische Vorgabe und rechnet sie einem Spieler als Charakterfehler an. Mikel Arteta lässt seine Sechs abkippen, weil sein Aufbau darauf ausgelegt ist – nicht, weil Rice sich davor drückt, zwischen den Linien zu arbeiten.
| Vorwurf | Was dagegen spricht |
|---|---|
| Steht zu tief, um das Spiel zu beeinflussen | Die Position im Aufbau ist Vorgabe des Trainers, nicht Eigeninitiative |
| Könnte auch Innenverteidiger sein | Ein Rollenvorschlag, kein Leistungsurteil – und einer, den Arsenal nie erwogen hat |
| Nicht sicher, ob er bei Bayern spielen würde | Souness nennt ihn im selben Atemzug Englands besten Sechser |
Der zweite Angriff wiegt schwerer als der erste. Souness macht Rice und Elliot Anderson dafür verantwortlich, dass England im WM-Halbfinale gegen Argentinien nach der 1:0-Führung eingebrochen sei – sie hätten das Spiel nicht angetrieben, sondern sich zur Viererkette zurückgezogen. Zwei Mittelfeldspieler für den Zusammenbruch einer Nationalmannschaft in einem Halbfinale haftbar zu machen, ist eine Zuweisung, die keine Analyse mehr ist.
Der Widerspruch, den Souness selbst geliefert hat
Am Ende steht ein Satzpaar, das sich gegenseitig auffrisst: Rice sei derzeit der beste defensive Mittelfeldspieler des Landes – aber er stehe die ganze Zeit ganz hinten. Beides kann stimmen. Nur folgt aus beidem zusammen nicht, dass er für Europas Spitze zu schwach wäre. Es folgt daraus, dass er in einem System spielt, das ihn anders einsetzt, als Souness es täte.
Über Systeme lässt sich streiten. Über Rices Marktwert entscheidet trotzdem nicht ein Fernsehstudio.

