Es gibt Torjubel, die ein Spiel überdauern, und solche, die eine Karriere begleiten. Paris Brunner hat am Samstag in Straßburg einen der zweiten Sorte gezeigt. In der 71. Minute schlenzte der 20-Jährige den Ball aus gut 20 Metern in den Winkel – „Ich habe die Lücke gesehen und versucht, den Ball zu schießen. Mit etwas Glück ist er reingegangen“ – und lief dann in Richtung der Straßburger Fans. Erst die Hände hinter die Ohren. Dann, als seine Mitspieler ihn bereits einfangen wollten, riss er sich los und zog die Hand quer unter dem Hals entlang. Kopf ab.
Das Stadion pfiff. Schiedsrichter Éric Wattellier zeigte keine Karte. Und Brunner hatte innerhalb von 20 Sekunden das Beste und das Dümmste seines Fußballjahres produziert.
Was er sagt
Die Erklärung lieferte er in der Mixed Zone, gegenüber L’Équipe: „Sie haben über meine Familie, meine Mutter und meinen Vater gesprochen. Ich konnte diejenigen sehen, die mich beleidigt haben. Nach dem Tor waren viele Emotionen im Spiel, vor allem nach einem solchen Treffer. Ich wollte nicht respektlos sein.“ Und: „Ich würde nicht sagen, dass ich es bereue, aber das war nicht die Botschaft, die ich vermitteln wollte. Es wurde falsch verstanden. Was ich sagen wollte, war: Was für ein Tor, das war’s.“ In der Hitze des Gefechts.
Man kann beides glauben – dass er beleidigt wurde, und dass er nicht bedroht hat, was die Geste bedeutet. Man muss aber auch die Bilder gelten lassen: Mitspieler, die einen Kollegen festhalten wollen, und ein Kollege, der sich losreißt. Das ist die Sequenz, mit der sich die Disziplinarkommission der LFP befassen könnte. Sie tagt am 16. September. Ob Brunners Geste auf der Tagesordnung steht, hängt davon ab, ob Wattellier sie im Spielbericht vermerkt hat – Transfermarkt berichtet, er habe es getan; bestätigt ist es nicht.
Der Zeitpunkt
Der 16. September ist der Tag vor dem 17. September. An dem gibt Jürgen Klopp seinen ersten Kader als Bundestrainer bekannt. Brunner war in den vergangenen Wochen als einer der Debütanten-Kandidaten gehandelt worden – der Stürmer, der unter Filipe Luís in Monaco plötzlich gesetzt ist, fünf Tore in sechs Pflichtspielen, drei in der Ligue 1, bei einem Klub, der Tabellenzweiter ist. Ein 20-Jähriger, der bei der U17 Welt- und Europameister wurde und dann zwei Jahre lang verschwand: Suspendierung beim BVB aus disziplinarischen Gründen, Wechsel nach Monaco 2024, Leihe zu Cercle Brügge, in der Vorsaison kaum Spielanteile. Jetzt trifft er. Und jetzt das.
Aus der Traum?
Die ehrliche Antwort: Das entscheidet nicht die Geste. Es entscheidet, was Klopp aus ihr liest.
Für eine Nominierung spricht, was Klopp selbst formuliert hat – Spieler, „die damit noch gar nicht rechnen“, Mut zu Überraschungen, echte Flügel- und Sturmspieler für ein 4-3-3. Brunner ist in Form, jung, deutsch, und Klopp hat als Trainer nie einen Bogen um Spieler mit Ecken gemacht. Eine mögliche Sperre in der Ligue 1 wäre für die Nationalmannschaft formal irrelevant.
Dagegen spricht die Summe. Ein Bundestrainer, der seinen ersten Kader vorstellt, präsentiert auch ein Bild davon, wen er im Trikot mit dem Adler sehen will. Brunners Vorgeschichte ist bekannt, die Dortmunder Suspendierung nie erklärt worden. Die Straßburg-Geste ist keine Verfehlung, die eine Karriere beendet. Aber sie ist eine, die genau in dem Moment passiert, in dem ein Trainer prüft, ob der Spieler seine Emotionen inzwischen im Griff hat. Brunners eigene Antwort darauf – „Ich würde nicht sagen, dass ich es bereue“ – hilft ihm dabei nicht.
Realistisch ist deshalb: Klopp wird Brunner nicht wegen der Geste streichen. Aber er wird ihn, wenn er ihn nicht nominiert, auch nicht trotz der Geste nominieren müssen. Für einen Spieler, der ohnehin auf der Kippe stand, ist das der Unterschied. Am Mittwoch weiß man, auf welche Seite er gefallen ist – einen Tag nachdem die LFP entschieden hat, was ihn die Kehle kostet.
Das Spiel am Rande
Fast vergessen: Monaco holte in Straßburg ein 1:1. Sadibou Sané hatte die Gastgeber per Eigentor in Führung gebracht (52.), Brunner glich aus, ein Treffer von Denis Zakaria wurde wegen Abseits aberkannt, und in der Schlussminute blieb ein Foul an Matthis Abline im Strafraum ungeahndet. Monaco war drauf und dran, das Spiel zu drehen. Am Ende sprach niemand darüber.

